Da stand eine Wanne voll Wecken, hochaufgetürmt, die waren bräunlich und glänzend und dufteten so lieblich, als wollten sie den Reisenden noch in letzter Stunde an der Nase festhalten. Sie knisterten leise, wenn man an die Wanne anstieß, so rösch gebacken waren sie. „Laß mich,“ sagte Georg, und trug die Wecken vor sich her. Er stolperte aber auf der mittleren der drei Stufen, die von der Backstube zum Laden hinaufführte und kollerte samt den Wecken dort hinein. Wie schön war es zu Hause. Wenn er nun dabliebe und ein Bäcker würde, so streifte ihn ein sekundenlanges Gefühl. Ach, hinweg damit. Das Leben mußte ja seinen Gang gehen.
Da setzte er die rote Mütze auf und ging aus dem Hause. Er hatte es ja nicht wie die Schwalben, er hatte seine alten Führer noch. Nun ging er, um sich von ihnen ein gutes Wort zum Abschied zu holen. Es war zwar noch früh, aber es litt ihn nicht mehr im Hause. Zu Hollermann konnte er ja immerhin schon gehen. Der war ein Frühaufsteher von jeher.
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Ach, wißt ihr, wie das ist, wenn man seine Vaterstadt zum erstenmal verläßt? Wißt ihr aus Erfahrung, wie da alles und jedes ein Gesicht und eine Stimme bekommt, auch das allergleichgültigste?
Es ist ja wie ein Bilderbuch, das man noch einmal durchblättert, nur daß die Bilder lebendig sind.
Da sind die alten, hohen Häuser am Säumarkt. Ja, so heißt er, das läßt sich nun nicht ändern. Die stehen beisammen und neigen, wenn man so sagen soll, oben die Köpfe zusammen. Die mögen schon etwas erlebt haben, seit sie da stehen. Da ist das Haus des uralten Kaufmanns Hahn, der nach der Meinung der Jugend ebenso alt und ebenso vornübergebeugt ist, wie sein altes Haus. Ach, riecht es dort drinnen in seinem Laden nach Schnupftabak, Käse und Häring! Ach, liegt und steht und hängt es dort voll mit allem erdenklichem Gerümpel. Es ist ja fast nicht vor dem Haus vorbei zu kommen. Wie oft sind die Buben dort drin gewesen, ihrer so viele als möglich miteinander, und einer kaufte einen Bleistift für drei Pfennig und die andern fragten nach tausenderlei unmöglichen Dingen. Und jeden fragte Herr Hahn: „was ’fällig, he, hm?“ Er war nicht von Wiblingen gebürtig, der Herr Hahn. Sonst hätte er nicht so gefragt. Aber das gab jedesmal ein unauslöschliches Gelächter. Es bedarf so wenig, um die Wiblinger Jugend zu solch einem Jubel zu bringen. Wenn es gar zu bunt wurde, dann ging er umständlich in seine Ladenstube hinein und brachte von dort einen Hakenstock heraus. Man konnte sich denken, was er damit wollte. Aber das warteten die Buben nicht ab. Wie das wilde Heer stürmten sie hinaus.
Und dann das Haus des einzigen Juden im Städtlein, des alten, reichen Samuel Wormser. Es hat unten vergitterte Fenster und hinter den vergitterten Fenstern sitzt der Samuel in seinem bunten Schlafrock und dem Sammetkäppchen und zählt seine unermeßlichen Reichtümer, wenn es die Jugend recht weiß. Seine Frau Lea ist alt und dick und hat ein gelbes Gesicht und eine schwarze Perücke auf und ruft ihrem Mann so unnachahmlich: Sa—moel! Aber sie ist daneben unsäglich gut. An Ostern essen alle Kinder Matzen, die sie von Samuel Wormsers Lea haben. Das ist ein interessantes Haus. Am Samstag Abend steigen die Buben hie und da über die Hofmauer hinein und sehen ins Fenster, wie da der Samuel und die Lea und ihr Enkelsohn, der Hirsch Rosenstock, und die Magd, die Sannel, und der Knecht, der Kallmann, um den siebenarmigen Leuchter herumsitzen, und wenn sie angestrengt horchen, so hören sie, halb gesungen, halb gesprochen, ein fremdartiges Beten. Hier jubeln und toben sie nicht, da sind sie ganz still und es schaudert sie ein bißchen an. Das ist so eine fremde Welt, aber sie ist nicht zum auslachen, sie ist heilig und verlangt Respekt. Einmal haben sie einen durchgehauen, der die alten Leute stören wollte. Das sei ein gutes Werk gewesen, sagte der Rektor Cabisius. Das Durchhauen nämlich.
Da ist auch das Haus des Doktors. Das ist das schönste dort herum. Es hat einen großen, messingenen Türgriff, zwei Schlangen, die aus einer Schüssel fressen, und die Tür glänzt von Sauberkeit und Leinöl und die Schlangen glänzen auch. Hat noch eine Tür auf Erden einen solch feierlichen, dumpfen Schall, wenn sie zufällt? führt noch irgendwo eine solch glänzende leinölgetränkte breite Treppe zu solch einem atemraubend feierlichen Zimmer empor, wie das Sprechzimmer des Doktors ist? Es ist kaum möglich. Georg Ehrensperger stellte sich lange Zeit den lieben Gott nicht viel anders vor, als den Doktor.
Ein bißchen freundlicher vielleicht, und den Bart ebenso groß, aber weiß, und einen blauen Mantel, — aber sonst, so groß und breit und so unsäglich imponierend und eine so volle Stimme, auch aus dem Bart heraus, alles.
Ach, das Bilderbuch nimmt ja kein Ende. Es ist ja kein Fertigwerden. Man kann ja nur alles streifen mit einem raschen Blick.