Jetzt aber, liebe Mutter, wie wir nach ein paar Tagen an den Hafen gekommen sind, mein Herr und ich, da haben wir erfahren, daß die Deutschen nirgends durch können, weil die Engländer alle Schiffe absuchen und die Deutschen gefangen nehmen. Es sei alles umsonst. Da ist mein Herr ganz still hingesessen und hat vor sich hingebrütet und übers Meer hinausgesehen. Aber ich habe gesagt: »Es muß zu machen sein, daß wir hinüber kommen, da soll uns kein Teufel und kein Engländer hindern.«

Liebe Mutter, es ist das einzigemal, daß ich gestohlen habe, nämlich zwei Pässe von Portugiesen, die mit mir in der Kammer geschlafen haben. Es reut mich aber nicht, denn die können wieder Pässe kriegen. Als ich damit zu meinem Herrn kam und ihm sagte, daß ich mir ausgedacht habe, wie wir reisen wollen, sah er mich traurig an und sagte: »Nein, nein, so kann ich nicht heimfahren, es würde nicht gut ausfallen bei mir. Ich kann nicht Komödie spielen; es liegt nicht in mir. In Gibraltar gefangen sitzen möchte ich aber nicht.«

Dabei sah er aber aus, wie das Heimweh selber, und wenn ich an ihn denke, so sehe ich ihn immer so sitzen, den Kopf in der Hand, da brennt es mich im Herzen für ihn.

Aber ich bin anders. Wenn ich etwas muß, so muß ich. Den einen Paß warf ich ins Feuer, denn zurück konnte ich nicht mehr. Mit dem andern habe ich mich als Kohlenschaufler auf einem Schiff anwerben lassen, das nach Europa gefahren ist. Portugiesisch kann ich zur Not und auch ein bißchen Englisch. Die Haut und das Haar habe ich mir dunkel gemacht und habe einen alten Seemannsanzug gekauft und dann ging es los. Als das Schiff heimzu schwamm, da hätte ich jauchzen mögen; denn das weiß kein Mensch, wie ich Heimweh gehabt habe in der Zeit vorher. Aber ich habe mich nicht mucksen dürfen und kein deutsches Wörtlein verlieren, sonst wäre ich verloren gewesen, denn überall waren Aufpasser von den Engländern.

Liebe Mutter, da habe ich mich aber zusammennehmen müssen, bei Tag und Nacht. Es ist mir oft angst gewesen, ich könnte im Traum deutsch reden. Oder wenn die Leute auf dem Schiff über Deutschland geschimpft haben, dann habe ich meine Fäuste im Sack ballen müssen, daß ich nicht losgefahren bin. Denn je näher heimzu, desto besser habe ich gespürt, daß ich eine Heimat habe und ein Vaterland.

Liebe Mutter, es ist das allerärgste, wenn man nirgends hingehört. Es ist schwer gegangen mit dem Verstellen, aber dennoch habe ich es fertig gebracht. In den Häfen, wo englische Offiziere aufs Schiff gekommen sind, da ist es am schwersten gewesen. Denn sie haben Verdacht auf mich gehabt und haben mich deutsch angeredet, ob ich mich vielleicht verrate. Aber ich habe getan, als ob ich sie nicht verstehe und habe den Kopf geschüttelt, da haben sie mich gelassen.

Es ist ein Heizer auf dem Schiff gewesen, der hat mir nicht getraut und hat mich immer den Engländern angezeigt. Ich habe ihn aber hier in Lissabon, als wir glücklich an Land waren, in eine stille Seitenstraße geführt und habe ihm vor Gott eine solche Ohrfeige hingehauen auf deutsch und ohne Worte, daß er an ein Haus hingetaumelt ist. Liebe Mutter, das reut mich auch nicht. Denn wenn ein Mensch heim will und seinem Vaterland beistehen, so soll man ihn lassen; das geht niemand etwas an.

Einen solchen langen Brief habe ich in meinem Leben noch nicht geschrieben und schreibe auch keinen solchen mehr. Morgen fahre ich mit der Eisenbahn heimzu. Sobald ich an der deutschen Grenze bin, stelle ich mich beim Militär. Eingelernt will ich bald sein, denn ich kann schießen und reiten wie ein Alter, und Strapazen bin ich auch gewöhnt.

Wenn ich im Feld bin, schreibe ich Dir eine Karte. Wenn der Krieg aus ist und ich lebe noch, dann komme ich zu Dir.

Dein Sohn Gottlieb.«