Da wunderte sich das Büblein, weil die Schmidbergerin sonst nie so etwas tat, und weil sie aussah, als ob sie etwas von Herzen freue.
Am Abend aber, als sie den Laden geschlossen hatte, ging die Schmidbergerin auf das Bänklein unter dem Fenster des Webers Boßhardt und wartete, bis er heraussah. Da reichte sie ihm fast verschämt den Brief, den sie hinter ihrem Schürzenlatz stecken hatte, und sagte: »Wenn Ihr ihn lesen wollet, Boßhardt; der Mensch braucht einen Menschen, nicht bloß im Leid, auch wenn er eine Freud’ erlebt.«
Der Weber sah sie mit seinen kleinen, hellblauen Augen freundlich an. Denn sein Herz ging über die kleine Gemeinde der Stundenleute hinaus und spürte, wo etwas Lebendiges um ihn her gleich ihm aus unsichtbaren Quellen trank oder sich nach ihnen hinsehnte.
»Kommt aber doch ins Haus, Nachbarin,« sagte er. »Die Lampe brennt schon und ich brauch’ meine Brille zum Lesen.«
Gleich darauf saß die Schmidbergerin auf der langen Bank, die drinnen in der Stube an der Wand hinter dem Tisch entlang lief, neben der Haushälterin, und der Weber saß oben am Tisch bei der Lampe, hatte die Brille auf und las mit der gleichen tiefen Stimme, wie er ein Kapitel aus der Bibel las:
»Lissabon, den …
Liebe Mutter!
Da wirst Du staunen müssen, daß ich hier bin im Königreich Portugal, das in Europa liegt. Ich bin aber bloß auf der Durchreise hier, denn Du kannst Dir denken, daß ich heimpressiere und zwar nicht nach Schluderbach, sondern sogleich zum Militär, wo man jetzt hingehört. Denn, liebe Mutter, wenn man im Ausland hört, daß alle zusammenstehen und wollen einem sein Vaterland verhauen, dann schießt einem das Blut in allen Adern herum und sucht einen Ausweg, so heiß wird es einem, und man merkt auf einmal, daß man ein Deutscher ist, an was man vorher oft nicht gedacht hat. Und man muß sich keinen Augenblick besinnen, daß man heim muß und mittun.
Liebe Mutter, als ich erfahren habe, daß Krieg ist, da bin ich mit meinem Herrn, der ein Ingenieur ist, hoch im Gebirge in Argentinien gewesen, wo mein Herr eine große Wasserleitung hat bauen sollen. Er ist auch ein Deutscher; ich bin außer ihm der einzige Deutsche an dem Werk gewesen. Als die Botschaft kam, da sind wir beide die Nacht durch gelaufen, manchmal in Sprüngen den Berg hinunter und weiter, immer weiter, und haben fast nichts geredet. Nur einmal hat mein Herr gesagt: »Jetzt kann ich’s wieder wett machen.« Aber was er wett machen wollte, daß weiß ich nicht, bloß das von mir selber.
Liebe Mutter, es hat mich schon oft umgetrieben, das muß ich jetzt sagen, daß Du hast um mich leiden müssen. Das reut mich, weil ich spüre, daß Du und ich zusammengehören und sonst zu niemand. Wenn man in der Fremde ist und hart durch muß, fallen einem viele Sachen ein. Ich hätte Dir auch oft gern geschrieben. In der Nacht hab’ ich’s mir oft ausgedacht, was ich Dir schreiben will. Aber bei Tag hab’ ich gedacht: wartest noch eine Weile, bis du sagen kannst: das und das bin ich geworden. Liebe Mutter, ich hätt’ es schon lang weiter gebracht, aber es ist mir immer wieder zur Unzeit der Zorn aufgefahren und habe ein paarmal meine Stellen verloren und einmal bin ich auch gesessen, weil ich einen halbtot geprügelt habe. Lügen will ich nicht, darum sage ich es Dir. Er ist aber ein Schuft gewesen, er hat es verdient.