Aber sie rechnete sich nur ehrlich mit Leib und Leben dazu. Sie stand hinter ihrem Ladentisch mitten drin in den Schützengräben, in die das Wasser hineinlief, daß die Stiefel nicht mehr trocken wurden, und patrouillierte freiwillig auf gefährlichen Pfaden gegen die feindliche Stellung hin, und hörte das höllische Geknatter der Maschinengewehre und der großen Geschütze, bei dem man sein eigenes Wort nicht verstand, und stand nachts einsam auf vorgeschobenem Posten Wache, und litt tausend Schmerzen mit den Verwundeten, und suchte verborgene Gräben und Hecken ab, ob nicht einer drinnen liege, der sich verblute, wenn man ihn nicht bald finde. Das alles tat und erlitt sie durch die tausend Fäden, die von ihrem Herzen hinausgingen zu den Söhnen ihres Volkes, von denen einer ihr eigener war, wie das die Mütter so tun und erleiden, denen in ihren wachen, hinaushorchenden Herzensgedanken allmählich alle, die draußen sind, so zu eigen werden, als wären sie alle ihres Blutes Kinder, unter sich verbunden, und ihnen innig nah verwandt.

Es war an einem Abend am Ende des Oktobers, da kam grad als die Schmidbergerin schließen wollte, noch ein kleines Dirnlein in den Laden und holte, was ihm die Mutter auf einen Zettel geschrieben hatte und gab das Geld dazu aus seinem zusammengepreßten Fäustlein her.

Die Schmidbergerin machte ihm die Tür auf zum Hinausgehen, denn es hatte Düten in beiden Armen, da flog ein lauer, starker Windstoß die Gasse herauf, der das Kind schier umgeblasen hätte. Es taumelte gegen die Schmidbergerin hin und diese sagte: »Ei, was für ein Wind auf einmal. Geh’ nur ganz nah an den Häusern hin, Dorle, sonst kommst du nicht heim.«

»Der Wind kommt von Belgien her,« sagte das Kind wichtig, und lachte, als ob es etwas Schönes wisse.

»Von Belgien? woher weißt du denn das?« fragte die Schmidbergerin erstaunt.

»Von meiner Mutter. Sie hat gesagt: Immer wenn der Wind über den Kälberkopf herbläst, dann kommt er von Belgien. Da ist mein Vater. Vorhin hat sie gesagt: Laß dich nur durchblasen, das tut dir nichts, den Vater bläst er auch durch.«

Das Kind sprang unverzagt in den Wind hinaus und die Schmidbergerin fühlte eine seltsame Lust, sich auch von dem Wind aus Belgien her durchblasen zu lassen. Sie tat ein Tuch um und schloß den Laden. Ihr Lämplein stellte sie brennend in den Hausflur, dann ging sie dem Wind entgegen die Gasse entlang.

Am Haus ihrer Tochter stand sie still. Aus der Schlafstube kam das klägliche Weinen des Kleinen; die Lene war scheint’s bei ihm und trug ihn herum, man hörte sie hin und her gehen. Im Wohnzimmer saß der Tochtermann am Tisch und las die Zeitung. Man konnte von der Straße her die Stube übersehen. Einen Augenblick dachte sie daran, einzutreten. Aber sie ging weiter. Es war den ganzen Tag schon etwas in ihr, dem mußte sie jetzt ins Gesicht sehen, ganz allein für sich. Gleich hinter dem Städtlein ging eine stille Staffel in die Höhe, die stieg sie hinan. Als die Staffel aufhörte, breitete sich ein freier Platz aus, der war mit Gebüsch und Ruhebänken angelegt. In der Mitte stand eine junge Linde, die bog der Wind hin und her und sie ließ es sich schlank und ruhig gefallen, daß er mit ihrem Stamm und mit ihren weichen, fast nackten Ästen ein derbes Spiel trieb und ihr die letzten gelben Blätter entführte.

Die Schmidbergerin setzte sich auf die Bank unter der Linde und tat ein paar tiefe Atemzüge. Aber aus dem Haus, das den freien Platz auf einer Seite begrenzte und das allein von allen im Städtlein so hoch gestiegen war, fielen Töne einer Ziehharmonika, die sie wieder vertrieben, denn sie mußte jetzt gerade etwas anderes hören. So stieg sie noch höher hinan, den schmalen Fußweg bis zu der Eiche, die oben an der Anhöhe mit weit ausladenden Ästen stand und über das Tal hinblickte. Hinter ihr ging ein Weglein an den Wald hinüber, der schwarz dastand, eine dunkle, lebendige Mauer. Der Vordergrund war ein breiter, großer Acker. Er war umgebrochen und die Schollen rochen herb und stark. Am Himmel flogen die Wolken hin, große, zerrissene, eilige Heerhaufen. Der Wind aus Belgien trieb sie vor sich her. Wie ein geschlagenes Heer. Oder war es anders? Mußten sie sich sammeln zu einem großen, gemeinsamen Angriff? Zwischen den flüchtigen Gebilden sahen die Sterne heraus, ruhig, groß und klar. »Die sehen über alles hin und lassen sich’s nicht anfechten,« dachte die Schmidbergerin. Sie zog ihr Tuch fester an sich, daß es der Wind nicht fortnehme. Also das war es, was sie umtrieb und was sie nicht zwischen Schmierseife und Heringen ausdenken konnte: seit sich ihr Gottlieb so wacker hielt im Feld draußen und auch anerkannt wurde von seinen Mitkämpfern und Vorgesetzten, wuchs immer stärker der Wunsch und das Verlangen in der Mutter, daß er möchte am Leben bleiben und ein rechter, tüchtiger Mann werden in der Heimat. Jetzt war dann doch ein dicker Strich zwischen seinem früheren und seinem neuen Dasein. Die Mitbürger würden ihn achten lernen, und er würde es auch verdienen, gewiß, wenn er jetzt im Krieg so den Ernst und den Tod kennen gelernt hatte. Die Lene sprach schon jetzt in einem anderen Ton von ihm und ihr Mann auch. »Mein Bruder hat das und das geschrieben, das ist einer, der.« »Mein Schwager ist Unteroffizier geworden, er meint, mit Belgien werde es vollends schnell gehen.«

Ihr, der Mutter, schrieb er fleißig Postkarten, wie andere Söhne ihren Müttern auch. Sie hatte sich noch nie so an ihm freuen dürfen, wie jetzt. Darum wallte eine Leidenschaft in ihr auf: sie wollte ihn behalten. Und neben der Leidenschaft eine zunehmende Angst: es trifft ihn. Du wirst sehen, es trifft ihn.