Das war vorher nicht gewesen. Da war alles lauter Freude und Stolz, daß er mittat, und daß sie nicht nebendraußen stehen mußte, wenn alle dem Vaterland ihre Söhne gaben.
Mit den Wolken flog schnell, in gleitenden Bildern und ohne Aufenthalt, ihr Leben an ihr vorbei. Ihre Mädchenjugend und der Dienst in der Stadt, und die hitzige Verliebtheit in den »besseren Bürgerssohn« und ihr Glaube an ihn. Und seine Heirat mit einer Kaufmannstochter, und das Büblein, das keinen Vater hatte, und das Abfindungsgeld, das sie dem Treubrecher gern an den Kopf geworfen hätte, und der junge Schmidberger, der das Geld und das tüchtige Mädchen gut in seinem Geschäft brauchen konnte und der nach langem Sträuben auch das Büblein dazu nahm und ihm sogar seinen Namen gab. Das hitzige Blut, das der Bub geerbt hatte, nur im höheren Grad, und der Vater, der »es ihm austreiben wollte«. Die tausend Streitigkeiten um ihn, die brave Lene, die schon mit fünf Jahren ein Tugendböldlein war und den Bruder beim Vater verpetzte; sie selber, die Mutter, die sich nicht recht zu helfen wußte, weil man ihr tausendmal sagte, sie solle Gott danken, daß der Bub eine feste Hand über sich habe, er könne es brauchen, wahrhaftig.
Gott danken dafür, das tat sie nicht, denn sie meinte oft, die feste Hand mache ihr den Buben noch ganz zunichte. Aber sie wurde still und verschlossen, und bat nur ihren Gottlieb von Zeit zu Zeit: »Gelt, werd mir recht. Werd’ mir brav, Gottlieb. Der Vater meint’s gut, er meint’s gewiß gut.«
Einmal, als sie das sagte, streckte der Bub die Zunge heraus, breit und lang, da erschrak sie im tiefsten Herzen, denn es war wie eine lange Antwortrede auf alles, was sie gesagt hatte. Da tat sie ihrem Herzen Gewalt an und gab ihrem Buben eine Maulschelle von großer Kraft und er lief fort und kam vor Abend nicht wieder.
Tausend Bilder, mehr als tausend, vorüber mit Gedanken-, Wind- und Wolkenschnelle.
Also ja, sie hatte viel um ihn gelitten, um ihren Buben, und am meisten dadurch, daß sie wußte: Er hat selber nichts Gutes. Gar nichts.
Wer weiß, vielleicht käm’s jetzt? Vielleicht dürfte sie, die Mutter, ihm noch Liebe antun, und er ihr, und es würde noch schön, und er brächte eine brave, gute Frau ins Haus, die mit ihr, der Mutter, auch gut wäre.
Und darum, weil noch so viel zu richten und zu schlichten wäre in des Gottlieb Schmidbergers Leben, und alles im besten Zuge damit, darum soll das Vaterland so gut sein und soll ihn wieder hergeben. Nicht jetzt, behüte, erst nach dem Krieg. Die Mutter hat so eine große Angst in sich, die läßt sie nicht im Haus, und läßt sie nicht schlafen bei Nacht. Sie hat ihren eigenen Krieg in sich, von dem die Schluderbacher nichts wissen, und überhaupt niemand als, ja, vielleicht unser Herrgott. Mit dem probiert sie als einmal drüber zu reden. Sie paktiert sogar mit ihm: »Verwundet, wenn er das würde, da wollte ich nichts sagen. Durch Kreuz zur Krone, sagt man allemal; es muß ihm nichts geschenkt sein. Grad einen Arm oder Fuß wird’s ja nicht kosten. Obgleich, ich will gar nichts verlangen, im Notfall hat er ja eine Mutter. Nur grad, daß er heimkommt, weil ich auch gar nicht weiß, wie er aussieht, seit er ein Mann ist.«
Aber unser Herrgott, oder was da in ihrem Herzen sich regt, geht auf gar nichts ein.
»Ich versprech dir nichts, gar nichts. Die Sachen, die ich verspreche, sehen ganz anders aus. Was weißt denn du, was ich mit dem Gottlieb Schmidberger im Sinn habe?«