1915

Inhalt

Seite
Der Tunichtgut[3]
Zum zweitenmal[55]
Von der stummen Kreatur[115]
Nichts Besonderes[145]
Heimat[163]

Der Tunichtgut

Das Glöcklein an der Ladentür der Schmidbergerin bimmelte heut den ganzen Tag. Es hatte ein helles, hohes Stimmlein, und wenn es angestoßen wurde, konnte es lange nicht zur Ruhe kommen. Es war so geschwätzig, wie die Weiber, die sich in dem niedrigen Lädchen trafen und einander die Stadtneuigkeiten erzählten. Es war das Gegenteil von der Schmidbergerin selber, die nicht viel redete um einen Kreuzer, wie die Leute sagten. Sie sagte auch heute nicht viel, wo es doch wahrhaftig wichtige Dinge zu bereden gab. Der Büttel war durchs Städtlein gegangen und hatte es ausgeschellt, daß Krieg sei. Krieg, und die Männer und die Buben mußten fort, ein ganzer Trupp schon heute, die anderen morgen und übermorgen, je nach dem Alter und der Dienstzeit. Krieg gegen die halbe Welt, wenn man alles glauben durfte, was von Mund zu Mund ging. Der Hutmacher Haas kaufte ein halbes Pfund Tabak und sagte, so lang die Schmidbergerin ihn auswog (denn er nahm immer vom offenen): »Wer da wieder heimkommt, das weiß kein Mensch. Man kann froh sein, wenn man Mädle hat und keine Buben, einmal ich bin froh.« Der Hutmacher Haas hatte ein Gallenleiden und darum fast immer einen üblen Humor und seine drei Töchter hatten es nicht am besten bei ihm.

Aber als er das sagte, da nickte die Kreuzbäurin, die zwei Söhne und einen Schwiegersohn hinauslassen mußte, und neben ihr die Schreiner Hübnerin ließ einen tiefen Seufzer fahren, denn sie hatte nur einen einzigen Sohn, der in Ulm bei den Pionieren gedient hatte und der heute nacht noch fortmußte. Der alten Schullehrerin aber liefen ganz still zwei große Tränen herunter, als sie an ihre vier Enkel dachte, an denen ihr Herz hing.

Aber in die entstandene kleine und bedrückte Stille hinein fuhr die Stimme des jungen Polizeidieners Ruckhaber, der sich ein Paar Hosenträger holen wollte und grad noch die Rede vernommen hatte.

»Ihr Leut, jetzt ist keine Zeit zum Kopfhängen,« sagte er frisch, »und wer Buben hat, soll Gott danken, daß sie mitkönnen. Zum Vergnügen geht keiner, das ist gut wissen, aber doch möcht ich den sehen, der sich halten ließ’, wenn’s gegen den Feind geht und fürs Vaterland.«

»Jawohl,« fiel der Fuhrmannsknecht Schorsch Weidler ein, der ein Kistchen Wetzsteine auf der Achsel hatte und sich nach einem Platz umsah, wo er es abstellen könne. »Und im Gegenteil kann man froh sein, wenn man ein Mannsbild ist und muß nicht daheim hinsitzen, wie die Weiber, sondern kann vorne hinstehen und zu den Franzosen sagen: ›Aus dem Weg da, denn nach Deutschland hinein kommt ihr nicht, da muß alles im guten Alten bleiben.‹«

»Fest steht und treu die Wacht am Rhein,« sagte der Polizeidiener dazu, und nun konnte man sehen, wie über die ernsten und stillen Züge der Schmidbergerin ein Lächeln und ein Aufglänzen ging und wie sie vor sich hinnickte, wie eine, die jetzt das gehört hat, was sie selber gern gesagt hätte.