Die Leute gingen nach und nach, und andere kamen herein und draußen vor dem Laden sagte die Schlosserin ein bißchen giftig: »Die Schmidbergerin hat gut lachen. Ihr Mann ist tot und ihr Lausbub, ihr verkommener, ist in Amerika in guter Sicherheit, die braucht niemand ins Feuer zu schicken.«
Aber die Weiber waren selber erbaut und gerührt von der guten Rede der zwei jungen Männer und sie spürten auch selber etwas von dem Großen, das da auf schweren Flügeln herangesaust kam, und sagten nur: »Ein Kreuz ist so und das andere anders, es hat ein jedes sein Päckle,« und strebten eilfertig ihren Häusern zu, denn da war die Arbeit zu Haufen, ungerechnet das, daß man noch jeden Augenblick da sein wollte, so lange die Ausziehenden daheim waren.
Die Schmidbergerin hatte aber nicht »gut lachen«, und lachte auch nicht. Sie tat den ganzen Tag ihre Schuldigkeit im Laden und schenkte denen, die zum b’hüet Gott sagen unter ihre Tür traten, ein paar Zigarren oder auch eine gute Münze auf unterwegs je nach ihrem Stand und Vermögen, und gab ihnen mit stillen Gesicht gute, feste Händedrücke mit auf den Weg. Aber als sie am Abend die Holzläden vor das Schaufenster und vor die Tür getan und die Riegel geschlossen hatte, da ging sie in ihr Gärtlein hinter dem Haus, beugte sich zu einem rotblühenden Nelkenstock herunter und sagte mit schwerer Stimme: »O Gottlieb!« Und in dem Wort lag so viel Kummer und so viel Liebe und so viel vergebliche Sehnsucht und Sorge, als ein volles, zugeschlossenes und geduldiges Mutterherz nur fassen kann. Der Nelkenstock nahm ein paar große, warme Tropfen in seine offenen Blüten auf, obgleich der Abendhimmel klar und licht war, und vielleicht duftete er darauf noch stärker als vorher. Der Nelkenstock stammte noch von ihrem Gottlieb; er war aus einem Ableger von demjenigen gezogen, der das Mansardendach vor seiner Bubenkammer mit seinen purpurnen Blüten überschüttet hatte. Darum war er der Mutter ans Herz gewachsen. Aber Antwort konnte er doch nicht geben auf das dringliche Fragen ihres Herzens:
Bub, lieber Bub, wo bist du? und was schaffst du? und wenn du noch lebst, wie mag dir’s zu Mut sein, wenn du es hörst, daß das Land in Gefahr und Not ist? Gleich ist dir’s nicht, so wenig wie mir. Wenn ich dir’s nur sagen könnt’! Wenn ich dir nur einen Strauß von den Nelken an den Helm stecken könnte und einen in den Gewehrlauf, und hinter dir drein gucken, wie andere Mütter ihren Buben. Ich tät’ dich nicht halten, wenn ich auch dürfte, und ich könnt’ auch nicht. So einen Hitzkopf, wie dich.
Da mußte die Mutter in all ihre suchenden Gedanken hinein lächeln, wenn sie dachte, daß sie ihren Buben vom Kriege zurückhalten wollte, falls er da wäre; den und halten, wenn er etwas wollte!
Sie stand auf und ging das Gartenweglein hinunter, bis da, wo der kleine Garten an die Wand des Nachbarhauses anstieß. Dort setzte sie sich müde auf das Bänklein, das der Gottlieb noch gemacht hatte, eh’ er fortging von ihr. Das war jetzt sechs Jahre her. Damals war er sechzehn gewesen, klein und mager, ein leibarmes Bürschlein. Kein Mensch hätte vom bloßen Ansehen wissen können, wie wild und hitzig und ungefügig er war, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Höchstens an dem steil aufstehenden Haar sah es, wer es wußte, und an den Augen, die aus tiefen Höhlen heraus Funken schießen konnten. Wie er jetzt wohl aussah? Sie besann sich oft darüber. Im Traum und im Wachen sah sie ihn vor sich. Aber immer wie damals, und sie hätte doch so gerne sein jetziges Bild gehabt. Seine Schulkameraden hatten jetzt Schnurrbärte und waren ausgewachsene junge Männer.
Als die Mutter mit ihren Gedanken so weit war, sah sie ihre Tochter von weitem die Gasse heraufkommen. Sie hatte eine breite, gedrungene Gestalt, so jung sie war, und sie ging ein wenig schwerfällig, denn sie stand vor der Geburt ihres ersten Kindes. Unter einer Haustür blieb sie stehen und sprach zu jemanden, den man nicht von hier aus sehen konnte, ins Haus hinein. In dem Haus wohnte eine Freundin von ihr, deren Mann morgen fort mußte.
»Die Lene wird froh sein, daß der Jakob nicht in den Krieg muß,« dachte die Schmidbergerin. Denn der Tochtermann hatte einen stark verkürzten Fuß und war militärfrei.
»Ich weiß nicht, ich gönn’s ihr, zumal jetzt, wo das Kind um den Weg ist. Aber ich, wenn ich jung wär, ich glaub’ es wär mir ein Leid, wenn meiner nicht mitkönnte. Grad wenn ich ihn gern hätte und einen Stolz auf ihn haben möchte.«
Die Mutter fühlte sich oft nicht recht eines Blutes und einer Art mit der Tochter, die ihr doch nie Sorgen und Kummer gemacht hatte. Die Lene war wohl mehr ihres Vaters Tochter, brav, nüchtern und ein wenig phlegmatisch. Den Flaschner Bäuerle hatte sie genommen, weil er ihr ähnlich war und weil er ein gutes Geschäft hatte. Von dem Bruder sprach sie nicht gern. Sie schämte sich seiner, denn er war als ein Tunichtgut in aller Leute Mund und hatte mehr Streiche verübt als sonst irgend ein Bub im Städtlein, noch eh’ er seiner dritten Meistersfrau bloß aus Zorn über ein paar empfangene Ohrfeigen einen Stein durchs Fenster und an den Kopf geworfen hatte.