Der Vater hatte damals den Gottlieb halb tot geprügelt und am andern Morgen war der Bub fortgewesen und hatte noch Geld mitgenommen. Seither prophezeiten alle Schluderbacher, daß er ein böses Ende nehmen werde, und nur seine Mutter hielt an ihm fest und meinte, es sei doch ein guter Kern in ihm, der eines Tages herauskommen werde. Wie eben die Mütter sind, besonders wenn sie, wie die Schmidbergerin, so ein Büblein schon mit in die Ehe gebracht haben und nun ihrer Lebtag meinen, sie haben etwas an ihm gutzumachen.
Die Lene hielt aber zu ihrem Vater, der darüber verstorben war, daß der Bub, den er gehalten hatte wie seinen eigenen, seiner Meinung nach, ein Tunichtgut sei und bleibe. Auch wollte der Flaschner Bäuerle nicht viel von dem Schwager wissen und war froh, daß er fort sei.
So war die Mutter allein mit ihrem heimlichen Kummer und ihrer großen Liebe und auch allein mit ihrem warmen und raschen Herzen, das sie aus ihrer Jugend mit herübergebracht hatte und das immer noch feurig schlagen konnte, wo etwas Großes und Lebendiges geschah. Sie hätte gern einen Helden aus ihrem Haus und Blut dem Vaterland gestellt, dem sie sich plötzlich mit allen Sinnen verwachsen und verwandt fühlte, seit es angegriffen und in Not war.
»Wenn nur auch gewiß alle gehen und ihre Schuldigkeit tun,« dachte sie ein wenig sorgenvoll und ließ ihre Gedanken in allen Häusern, die sie kannte, herumgehen.
»Ach was, sie werden schon,« wies sie sich zurecht. »Wenn Not an Mann geht, weiß ein jeder, wo er hingehört.« Und wie zur Bestätigung dieses Gedankens klang von weitem ein Lied auf, von vielen Männerstimmen im Marschieren gesungen. »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt.«
Da schossen dem einsamen Weib die Tränen in die Augen vor einer heiligen Freude und Liebe.
Wie die Stimmen vorüberzogen und verklangen, schlug eine einzelne Stimme an ihr Ohr. Sie kam aus dem offenen Fenster des Nachbarhauses, in dessen Nähe sie saß. Es war eine tiefe Männerstimme und sie gehörte dem Weber Boßhardt, der das Haupt der kleinen Pietistengemeinde des Städtleins und der Stundenhalter war. Die Schmidbergerin horchte auf. Boßhardt betete den Abendsegen mit seiner kleinen Hausgemeinde. Sein Sohn und der Knecht mußten heut in der Nacht noch fort, dann blieb der alte Mann, der ein Witwer war, allein mit der Hauserin.
Die Schmidbergerin tat unwillkürlich die Hände zusammen beim Zuhören. Es waren die großen, feierlichen Worte eines Psalms, die in die tiefe Dämmerung herausfielen.
»Denn er hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößest. Auf den Löwen und Ottern wirst du gehen, und treten auf den jungen Löwen und Drachen. Er begehret meiner, so will ich ihm aushelfen, er kennet meinen Namen, darum will ich ihn schützen.«
Als der Vorleser so weit war, fiel wieder naher Soldatengesang in die Stille hinein, und das Fenster wurde von innen leise zugemacht.