Sie sah ihn aber zögernd herkommen, richtete sich auf und sagte, wie wenn sie ihn erwartet hätte:
»Weber, ich muß Euch etwas zeigen von meinem Buben, das hat er mir zuletzt geschrieben. Ich hab’s wollen für mich behalten. Aber er braucht’s nicht mehr, daß man’s ihm hütet.«
Sie zog ein Blatt aus ihrer Schürze, zeigte mit dem Finger auf eine Stelle, und der Weber las:
»Das eine muß ich Dir auch noch sagen, liebe Mutter, daß ich mir heut nacht auf der Wache, als ich habe eine Sternschnuppe fallen sehen, schnell gewünscht habe: einen ehrlichen Soldatentod. Denn ich passe nicht in den Frieden hinein, es wird mir oft alles zu eng und dann muß ich in etwas dreinschlagen. Jetzt weiß ich nicht, wie es wird. Denn aufs Wünschen kann man nicht gehen.
Wie aber der Morgen gekommen ist, hätt’ ich doch auch gern noch gelebt, denn ich bin doch auch noch jung. So ist es hin und her gegangen. Wie der Feldgeistliche am Sonntag gesagt hat: es hat ein jeder noch extra seinen Krieg in sich selber. Da hab’ ich’s mit dem Herrgott ausgemacht: meine Mutter soll noch eine Freud’ an mir haben. Sonst soll mir’s gleich sein.«
»Und jetzt?« fragte der Weber, als er gelesen hatte.
»Und jetzt muß ich halt eine Freud’ an ihm haben. Kann ich denn anders?« sagte die Schmidbergerin und lächelte in ihre Schmerzen hinein.
Da war der Weber froh, daß er seinen Zettel daheim gelassen hatte.
Er ging still wieder in die Stube zurück, um seine Kappe zu holen.
Dort waren sie immer noch an den Zukunftsaussichten, die der Gottlieb vielleicht gehabt hätte.