Das Weib aber, das ihn gern geweckt und mit aller Liebe getröstet hätte, zog sich die Decke übers Gesicht, daß er nicht gestört sei, und weinte bitterlich.
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Aber was der Schuhmacher in der Nacht herausgestöhnt hatte, das war nicht alles gewesen, was er aus dem Krieg mit heimgebracht hatte und was er davon zu sagen wußte.
Es kam ein Weib drei Stunden weit über Berg und Tal daher, um ihn zu fragen. Da fand sich’s, daß er Dinge erlebt und in sich gesammelt hatte, von der Art, die die Engel Gottes gelüstig machen könnte, Mensch zu sein auf Erden, weil sie in ihrer friedlichen Seligkeit nicht wissen können, was es ist, wenn Brüder das Leben für einander geben, und wenn blutige Streiter noch Herz und Milde für den Feind haben, und wenn Väter überall Väter sind, wo sie auch hinkommen und wo Kinder sind auf der Welt.
Es war am Sonntag nachmittag auf der Hölzleswiese. Der Kirschenbaum bot seine braunroten Früchte an zur Schnabelweide. Auf der Leiter stand der Vater und über ihm in einer Gabel saß der Daniel und ließ die Füße baumeln. Beide brockten eifrig, ohne zu dem Baum zu sagen: mit Verlaub, ich bin so frei, aber mit dem Unterschied, daß der Daniel alles gleich da hinein versorgte, wo es am sichersten ist und nur die Steine hinunterspuckte, und der Vater ein Weidenkörblein anhängen hatte, das sich nach und nach füllte, für die Familie nämlich, die unter dem Baum saß. Von Zeit zu Zeit rief er: »Paß auf, Lenele,« und warf eine Handvoll als Abschlagszahlung in das aufgehobene Schürzlein, versprechend, bald komme er hinunter, es sei jetzt einstweilen genug.
Die Mutter hatte den Schorschle im Schoß und ließ ihn, der seine Füße in Gebrauch nehmen wollte, auf sich herumsteigen, gab ihm liebe Namen und dachte drunterhinein, wenn es morgen nicht Tag würde und sie könnten alle miteinander schlafen bis zum Friedensschluß, so hätte sie nichts dagegen. Denn morgen war derjenige Tag, man weiß schon welcher.
Da kam ein Weib aus dem jenseitigen Wald heraus, nicht aus dem Hölzle, sondern aus dem Frauenzeller Staatswald, der sich lang und dunkel auf der Hochfläche hinstreckt. Es trug schwarze Kleider und hatte ein Körblein am Arm, ging so sachte für sich hin und wiegte manchmal den Kopf, wie wenn es seinen Gedanken im stillen Red’ und Antwort stände. Das sahen sie unter dem Kirschenbaum und dachten: wo mag sie auch hinwollen? sie sieht aus, als ob sie mit einer Leich’ gehen wollte. Es ist aber unseres Wissens keine in der Nachbarschaft.
Als die Wallerin – sie mußte nämlich an dem Kirschenbaum vorbei – herzu kam, bot ihr die Schuhmacherin die Zeit mit der Frage: »Auch unterwegs heut?« und empfing mit dem Dank die Gegenfrage: »Da bin ich doch recht nach Hirzenbach?«
Die Schuhmacherin wies ihr Weg und Steg, nicht ohne auf den Busch zu klopfen, wem etwa in Hirzenbach der Besuch zugedacht sei, schon wegen der Wegweisung ins Unter- oder Oberdorf.
Aber sie staunte nicht schlecht, als sie vernahm, daß ihr eigenes Haus vermeint sei, und daß der Weg ihrem Mann zulieb gemacht sei.