Fragte man ihn aber: »Ja, wie sieht’s denn aus?« so sagt er nur: »O wüst, wüst, seid froh, daß ihr’s nicht sehen müsset.«
Sagte jemand: »Was meinst auch, Schuhmacher, wie’s ausgeht? Du kommst doch draußen herein. Die Zeitungen schwätzen viel, wenn der Tag lang ist,« so wiegte er bedächtig den Kopf: »Ich kann bloß sagen: hereinkommen sie nicht, die Franzosen nicht und die Engländer nicht. Und wenn sie auf den Kopf stehen. Wir lassen sie nicht herein. Mehr kann ich nicht sagen.« Das war viel, aber es war den Hirzenbachern nicht genug. Er hätte erzählen können, was er wollte, man hätte ihm alles geglaubt, weil er von draußen herein kam. Aber kein Mensch wußte, wo sein heiteres, schlagfertiges Mundwerk von vordem hingekommen war. Vom Heuet und von der Ernte und vom Obst, da sprach er gern mit, und gegen die Kinder war er wie immer. Die gingen ihm nicht vom Fuß. Er schaffte den ganzen Tag. Als es regnete, saß er in der Werkstatt und flickte und sohlte alles Schuhwerk im ganzen Hause. Dem Weib machte er ein Paar Sonntagsschuhe. Ihrem Essen tat er alle Ehre an und sagte: »Dich sollt’ man als Feldköchin haben, da wär’ man versorgt,« und lachte sie an dazu.
Wenn der Daniel seine Kameraden in die Werkstatt schleppte, weil sie den Soldaten sehen wollten, so tat er ihnen den Gefallen und legte Ahle und Pechdraht weg und schnallte um, daß sie ihn anstaunen konnten. Auch sang er mit ihnen auf Begehren: »Heimat, o Heimat, bald muß ich dich verlassen« und: »O Deutschland hoch in Ehren« und was sie sonst noch anstimmten. Aber so scharf die Mutter aufpaßte: es ging kein einziger Kanonenschuß los in seinen Reden. Immer redete er von andern Sachen mit den Kindern.
Und das war, das wußte sie für gewiß, weil es ihm grauste, davon zu reden. Sie kannte doch ihren Johann. Er trug etwas mit sich herum, das war so, daß er manchmal tief aufschnaufen mußte. Aber er lud es nicht bei ihr ab. Vielleicht dachte er, sonst müsse sie es nachher schleppen, wenn er fort sei, und es wachse dann ins Ungemessene.
»Was magst du auch erlebt haben ohne mich da draußen?« dachte sie, als sie ihn so ansah. »Das machen viele Jahre an meinem Herzen nicht mehr wett.«
Da wurde auf einmal das tonlose Geflüster laut und der Mann sagte ganz laut: »Ach du barmherziger Gott.« Sonst gar nichts. Aber er sagte es in einem Ton, in dem alles hilflose Grauen und aller Jammer und alles Entsetzen der ganzen Welt beschlossen lag.
Da war es dem Weib, als habe er ihm nun sein ganzes Herz ausgeleert und es wisse von diesem Augenblick an, wie es im Krieg aussehe. Es war so vieles in der Zeitung gestanden und vieles auch von Mund zu Mund geredet worden, das hatte sie teils fassen können, teils auch nicht, aber nun drang ihr der Schrecken ins Herz mit Schießen, Hauen und Stechen, mit Bluten, Stöhnen und Sterben.
Ach du barmherziger Gott.
Jetzt wußte sie es nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Das schlug und hämmerte wild.
Der Mann war wieder still und schlief ruhig weiter.