Das alles war Deutschland, war Vaterland, Heimat, und das alles lag in treuer Hut. Noch nie hatte er das Wort Vaterland so inbrünstig gedacht wie auf dieser Fahrt. Er hätte zu jedem Menschen, der ihm begegnete, sagen mögen: Weißt du auch, wie gut du’s hast? Weißt du auch was Krieg ist? Nein, Gott Lob und Dank weißt du’s nicht. Aber es ist doch schad, daß du’s nicht weißt.

Noch um eine Ecke, dann hielten die Kühe (eine davon gehörte dem Dötlesvetter) an der heimatlichen Scheuer.

Ein Haus daneben, keins von den stattlichsten, aber doch das liebste von allen, Blumenbretter vor den Fenstern mit Nägelein, Kapuziner und Winden, ein Nero, der am längsten gewartet hatte und der still und außer sich vor Freude an seinem Herrn emporstieg und inbrünstig schnaufte und wedelte. Daheim, daheim. Die Kinder strebten herunter. Er hob mit starkem Schwung eins ums andere vom Wagen. Der Schorschle schlief und hatte die Fäustlein an den Schläfen, die Mutter hatte ihn im Arm. Da nahm er sie mitsamt dem Büblein. Wenn die Hirzenbacher nicht zugesehen hätten, er hätte sie miteinander ins Haus getragen, es wäre aber gegen allen Brauch gewesen.

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Es war eine mondhelle Nacht. Die Schuhmacherin lag wach und sah zu ihrem Mann hinüber, der schlief tief und fest. Lange, volle Atemzüge tat er, es war ein Staat. Zwischen ihnen lag der Schorschle und schnäufelte kurz und leicht, wie halt so ein Kindlein tut, man merkt’s kaum. Die Mutter hatte ihn ins Bett genommen, weil er schrie und nicht mehr einschlafen wollte. Nun war er wieder hinüber ins Traumland. Die Schuhmacherin hätte auch wieder einschlafen können, sie hatte jetzt alles um sich herum, was zu ihr gehörte.

Freilich, auf wie lang? Das war der Wurm im Apfel. Drei Tage war der Mann jetzt da, vier kamen auch. Über die vier hinaus konnte sie noch nicht denken. Der Mann sagte zwar, das sei noch nicht nötig. Sonst seien die vier auch noch verdorben. Wenn ihn nicht alles täusche, stehe in der Bibel etwas davon, daß der Mensch das Leben tagweis nehmen solle, nicht wochenweis. Aber das sagte er wohl, und es stand auch in der Bibel, ob er es aber selber so mache, dessen war sie doch nicht sicher.

Er war oft weit weg mit seinen Gedanken, so daß man ihn errufen mußte; ob er aber hinter sich oder vor sich sah, das wußte dann kein Mensch. Das Weib dachte, es werde beides sein, einmal dies und einmal das. Gestern Abend hatte sie ihm den Schorschle eine Weile zum halten gegeben, so lang sie in den Keller ging. Da hatte er das Bürschlein lustig an seinem Bart herumspielen lassen, so lang sie in der Stube war. Als sie aber wieder hereinkam, merkte er’s gar nicht, guckte dem Schorschle tief in die Augen und sagte ein paarmal hintereinander: »Du arms Büble.« Sie hätte ihn gern gefragt, warum der Schorschle ein arms Büble sei, aber wußte sie es denn nicht selber? es war doch genug, daß sein Vater wieder in den Krieg mußte.

Die Schuhmacherin erhob sich ein wenig, stützte sich auf den Ellbogen und sah dem Mann ins Gesicht. Es lag in einer fahlen Helle, weil der Mond jetzt vorrückte. Die Helle machte ihn vielleicht ein bißchen unruhig, denn er bewegte die Lippen, wie eins manchmal vor dem Aufwachen tut. Es wäre einfach gewesen, den Vorhang zuzumachen, aber der Schuhmacherin war es, als ob sie jetzt etwas erfahre, was sie wissen müsse.

Die Sache war nämlich so: Der Schuhmacher sprach nicht gern vom Krieg und von seinen Erlebnissen draußen überhaupt. Weder im Wirtshaus, noch auf der Gasse, noch daheim.

Er konnte manchmal sagen: »Ihr könnet gar nicht genug Gott danken, daß der Krieg draußen ist und nicht hier. Wenn ich denk’, wie es da aussieht.«