»Joseph, verlaß mich nicht,« schreit er hell hinaus.
»Was werd’ ich dich denn verlassen,« sagt der Joseph, wie wenn nichts wär, ganz ruhig. Der Feldwebel schreit: voran, drauf! Aber der Joseph sagt bloß: »Der muß auch mit« und lädt den Bruder auf den Rücken. Und wie das jetzt der Fall sein mag, ob der Feldwebel gedacht hat: mit dem ist doch vorher nichts anzufangen, eh’ der andere versorgt ist oder ob’s ihm grad so natürlich vorgekommen ist wie uns, kurzum, er läßt ihn richtig laufen. Und der Joseph schleppt den Vinzenz – es sind ja beides Kerle wie die Bäum’ – fünfzehn Schritt vor, durch einen Geschoßhagel hindurch, bis an eine steinerne Ruhebank, die er von weitem erspäht hat, es ist ein Kruzifix dabei gestanden. Dort hat er ihn wohl in Deckung hinlegen und dann wieder an seine Schuldigkeit gehen wollen, denn er ist keiner von denen gewesen, die an sich denken im Gefecht, da trifft ihn ein Geschoß in den Hals und fährt ihm durch und durch und dem Vinzenz noch in die Brust.
So weiß ich’s von denen, die nach ihnen kamen und denen der Vinzenz im Niederfallen noch zurief: »Behüt’ euch Gott, ihr Brüder, wir zwei tun nimmer mit.««
Die Schuhmacherin drückte ihren Schorschle ans Herz und sah von der Seite den Mann an, der jetzt den Vorhang ein Stück weit auftat, um einer betrübten Mutter zu geben, was ihr gebührte, und der im gleichen Feuer gewesen war. Ja und der, hilf Gott, auch wieder hineinging. Aber sie tat keinen Schnaufer, um ihn nicht drauszubringen.
Die Hansenbäuerin saß ganz still und aufrecht da und sah vor sich hin, wie in eine weite Ferne. Wahrscheinlich kniete sie nieder ins Gras zu ihren beiden Buben und horchte, ob ihr Herz noch schlage und ob etwa noch ein letztes, armes Wörtlein von den blutigen Lippen falle. Und vielleicht legte sie einen nach dem andern – was gingen sie die fliegenden Kugeln an? – ausgestreckt zu den Füßen des stillen Mannes am Kreuz, der grad auf sie heruntersah, und der einstmals auch sein Leben für die Brüder gelassen hat.
»In der Zeitung sei damals gestanden,« fuhr der Schuhmacher fort, »der Sturmangriff sei glänzend durchgeführt worden. Ich weiß nicht. Wenn man selber mittut, merkt man allemal nicht so viel von dem Glanz. Das macht, daß er so viel gute Kameraden kostet. Das wissen die nicht so, die es schreiben. Aber nach vier Stunden haben wir die Stellung doch gehabt: eine steile Anhöhe; es ist ein Wallfahrtskirchlein droben gestanden, das war bös zerschossen, aber es hat doch noch etwas von einem Dach gehabt. Innen lag alles voll von Verwundeten, Deutsche und Franzosen durcheinander, außen drum herum legten wir die Toten, die kein Dach mehr gebraucht haben. Da sind auch Eure Buben gelegen.
In dem Kirchlein ist auch eine Orgel gewesen. Und in der späten Dämmerung ist einer von den Verwundeten aufgestanden, es ist ein Schullehrer gewesen, er hat einen Kopfschuß gehabt, keinen so schweren, und hat auf der Orgel ein Lied gespielt, das hab’ ich von daheim gekannt; unser Organist hat’s immer am Karfreitag unters Nachtmahl hineingespielt. »Liebe, die für mich gestorben,« heißt es, hat er gesagt. Da haben wir alle mit Graben aufgehört und die Mützen heruntergetan; nämlich wir sind gleich dran gegangen, den Toten das Bett zu machen und das Lied ist ihr Schlaflied gewesen.
Unser Feldwebel ist ein Rauhbauz und hat einen oft elend kuranzen können. Aber wie er das Zwiegespann gesehen hat: »Das hat man sich denken können, daß für die Zwei eine Kugel langt,« hat er gesagt und hat mit den Augen gezwinkert, daß man’s nicht merken soll, daß es ihm schwer fällt. Er hat auch sein Teil; der Arm wird wohl hin sein.«
An den Daniel dachte kein Mensch, bis er auf einmal patzig sagte: »Aber gelt, Vater, bloß die Deutschen habt ihr hineingetan in das Grab, die Franzosen nicht!«
Da sahen sie alle nach dem kleinen Kerl hin, der ganz mit seinen eigenen Gedanken bei der Sache war.