Ein kühler Morgenwind. Ein Lämpchen an einem Fenster und ein Weib dahinter mit verweinten Augen. Feste, starke, hallende Tritte, die durch die Nacht hingehen und in ihr verschwinden.

Ein Mann, der sich das Liebste vom Herzen genommen hat und ausgeht, weil das Vaterland ruft. Zum zweitenmal.

Von der stummen Kreatur

Ein Märzabend dämmert herunter. Der lange Saal liegt schon im Schatten, nur vorne an den Fenstern sind noch ein paar Betten bleich beschienen vom sinkenden Tageslicht. Es hängt eine Wolke in der Luft, sie webt hin und her und will zum Fenster hinaus. Aber sie kann nicht. Die draußen in den Schützengräben gelegen sind, lange Wintermonate hindurch, immer in der freien Luft, die wollen jetzt in der warmen Stube, in der Dämmerstunde, wo das Rauchen erlaubt ist, ihr Pfeifenrüchlein beisammen behalten. Die Wolke wird immer dicker; es wäre entschieden gesünder, wenn man ein Fenster aufmachte. Aber wenn’s ihnen so behaglich ist. Sie haben genug Unbehagliches, um jetzt grad nicht mehr zu sagen, erlebt. Es soll ihnen so wohl als möglich sein. Mit dem Doktor könnte es allenfalls etwas setzen. Aber erstens vermeidet er weislich, um diese Zeit zu kommen, und zweitens ist er kein Unmensch. Grad weil er kein Unmensch ist, kommt er jetzt nicht. Sonst müßte er aus seinem ärztlichen Gewissen heraus die Fenster aufreißen, daß die kalte, klare Märzenluft hereinströmen könnte.

Licht wollen sie auch noch nicht. Es sei gemütlicher so. Der Schwester kann’s recht sein; es ist ohnehin nicht mehr viel Petroleum da, der Lazarettinspektor hat in allen Sälen herumgeschickt, man solle äußerste Sparsamkeit walten lassen. Die Ofentür hat einer ein bißchen aufgemacht, daß der Flackerschein vom Feuer auf den Boden fällt. Er hat’s mit der linken Hand getan, denn die rechte ist nicht mehr da.

Unsereins könnte es alterieren, zuzusehen, wie er sich behilft bei allen Verrichtungen. Aber er sagt, bei ihm mache es nicht so viel. Er sei Briefträger, und die Postverwaltung nehme ihn wieder. Und überhaupt. – Ja, immer dieses überhaupt. Wenn man das in Worte fassen könnte. Es ist nicht auszusagen, was dieses überhaupt alles sagt. Wer’s spürt, der spürt’s. Die Saalschwester spürt’s. Sie macht sich im Saal zu tun. Da vorne am Fenster liegt einer, dem sie den Fuß massieren muß. Dazu ist’s gerade noch hell genug. In der Dämmerstunde, da ist allerlei zu hören, was bei Tag nicht herauskommt, da spinnen sich Fäden hinaus zu denen, die noch im Kampf stehen, und heim zu denen, die warten, bis sie wiederkommen. Da kommt auch heraus, was überhaupt heißt. Es heißt: »Ich leb’ doch noch. –

Und wenn ich nicht mehr lebte, so müßte doch Deutschland siegen.

Und es siegt auch.

Auf mich kommt’s nicht an.

Aber ich bin doch froh, daß ich noch lebe. Es ist noch gut gegangen.