Der Hauptmann hat noch von ihm Abschied genommen, sie haben es erfahren. Er hat eine so große Unruhe in sich gehabt am letzten Tag und der Doktor hat ihn gefragt, ob er einen besonderen Wunsch habe. Da hat er gesagt: »Wenn es möglich wäre, möchte ich wohl mein Pferd sehen.« Der Sanitäter, der dabei war, hat gemeint, er sei vielleicht nicht ganz bei Bewußtsein, aber der Doktor hat’s gut verstanden und hat gesagt: Das muß möglich sein. Da haben sie das Pferd hereingeführt; sechs Stufen hoch ging’s vom Hof in den Saal. In dem Saal liegen Mannschaften, und in einem kleinen Nebenzimmer der sterbende Hauptmann. Das Pferd hatte keinen Raum dort drinnen. Es stand unter der offenen Tür und sein Herr hob mühsam die Hand nach ihm hin. Da führten sie es so weit hinein, daß er seine Nase und den schönen Hals streicheln konnte. Das Pferd schnoberte an der blassen Hand herum und als sie müde zurücksank, wieherte es leise.

Der Bursche soll gesagt haben, dem Herrn seien Tränen in den Bart gelaufen. Und das Pferd – wenn es nur gekonnt hätte – aber so ein Tier kann nicht weinen. »Es muß alles in sich hineindrücken,« soll der Bursche gesagt haben.

Als sie es wieder hinausführten durch den Saal, schrie auf einmal ein Ulan, der einen Kopfschuß hatte und eine Eisblase auf dem Kopf: »O meine Lisel.« Die Lisel war ihm unter dem Leib weggeschossen worden, aber sie war nur schwer verwundet, nicht tot. Und er hatte sie hinter sich gelassen, um sein Leben zu retten. Nicht einmal einen Gnadenschuß hatte er ihr gegeben, da schrie sie hinter ihm drein. Im ärgsten Kugelregen glaubte er sie noch schreien zu hören.

Jetzt, seit er den Kopfschuß hatte, kam sie ihm immer im Fieber und in Träumen vor. Wie einer, der seinen besten Kameraden hat müssen totwund liegen lassen, kam er sich vor. Aber der Kamerad versteht’s doch, daß man nichts anderes machen kann. Die Lisel jedoch – kann das so ein treues Tier begreifen –, daß man’s in der bitteren Not verläßt? in der tobenden Hölle, in die es den Herrn hineintragen mußte?

Die Schwester kam und erneuerte das Eis.

Denn der Ulan sagte nun immer vor sich hin: »Das Tier hat ihn getragen, bis daß es niederfiel« – und konnte keinen Schluß von dem Vers finden. Das alles erzählen die Leute, die bei dem Begräbnis gewesen waren, und die Schwester weiß, daß sie nun zurücksehen in das, was im Krieg am grausigsten und schrecklichsten ist: das Hinstürmen müssen über die hinweg, die zu einem gehört haben. Als ob sie einem nichts mehr angingen. Man muß bedenken: es ist bei ihnen noch nicht lang her, erst kurze Tage, daß sie es in der Wahrheit miterlebt haben.

Aber der lustige Schübel-Max, der nicht lange bei traurigen Dingen verweilen mag, weil sie einem, wie er sagt, »das Gemüt anfressen,« bringt unverzüglich eine andere Saite zum Erklingen.

»Also so ein Tierle,« sagt er, »hat Menschenverstand.

Es kann’s bloß nicht sagen, daß es alles versteht. Aber es versteht rein alles. Zum Beispiel mein Fuchs, wenn die Proviantwägen nicht nachgekommen sind und wir haben beide Hunger gehabt, er und ich, und ich hab’ ihn ein bißchen getätschelt und gesagt: ›Fuchs, heut ist’s nichts mit der Verpflegung,‹ dann hat er mich vorher angeguckt, ob ich’s im Spaß sag’ oder im Ernst und hat mit dem Maul an meinen Taschen herumgeschnobert, ob nicht doch noch eine alte Brotrinde drin sei. Aber dann hat er, wenn nichts drin war, ganz gottergeben mit dem Schwanz gewedelt und das hat geheißen: Mag’s sein wie’s will, also du kannst einmal nichts dafür. Soviel ist sicher.

Und anhänglich ist ein Gaul. Ein treuer Schatz kann nicht anhänglicher sein.«