Überdem kommen wir an ein scharfes Eck am Wege und wer steht dahinter? eine ganze Gesellschaft von Männern in roten Kitteln und Hosen, die haben sich tief geneigt. »Darf ich, Jungfer Christiane,« sagte der Schultheiß, »euch euer Henkerkollegium vorstellen?« Und will anfangen, die Namen herzuzählen. »Ach,« sag’ ich, »lasset es gut sein, Herr Schultheiß. Wenn mein Kopf jetzt dann herunterkommt, kann ich’s doch nicht behalten.« Da ließ er’s.
Darauf nach einer Weile flammt ein helles Feuer auf einem Hügel auf. »So soll ich dann verbrannt werden?« frag’ ich. »Ich habe doch gemeint, enthauptet.« »Das sollet ihr auch,« sagt der Schultheiß. »Aber weil ein kühler Morgen ist, so habe ich ein bißchen einbrennen lassen.« Und so kommen wir mit der Weile an eine Wand, davor ist ein schräges Brett gelegen und hat oben an einem Loch in der Wand geendigt. Auf das Brett habe ich mich unverzagt hingelegt und den Kopf wie auf ein Kissen in die Wand hinein und hab’ die Augen zugemacht. »Jetzt kommt’s,« hab’ ich gedacht. Da ist von innen etwas heruntergesaust und hat mir den Kopf abgeschlagen. Den Schlag hab’ ich noch gespürt im Nacken, wie ich aufgewacht war.«
Da kam dem Kranken ein Lachen von innen heraus, so mühsam und hart auch sein armer Leib rasselte und klopfte und die Luft aus- und einzog, wie durch ein rostiges, löcheriges Sieb. Es war doch noch schön auf der Welt, es freute ihn, es lächerte ihn.
Er sah die Jungfer Christiane an und seine Lippen formten ein Wort, das war ihm soeben aus einem tiefen Geheimfach heraus entgegengesprungen.
»G’schichtleslügere,« sagte er zärtlich und innig.
Wenn er gesund gewesen wäre und hätte einen Schatz gehabt und hätte zu ihm gesagt »Herzensschatzele« oder »Seelenmockele«, er hätte es nicht herzlicher und traulicher sagen können.
Und auch: es wäre ihm nicht freudiger abgenommen worden.
Das war das erstemal in Jungfer Christianens Leben, daß ihr das Wort süß einging und gar keinen Stachel hatte und keine Ehrenkränkung war, auch nicht die mindeste, obgleich es diesmal gar nicht paßte. Denn es hatte ihr wirklich und wahrhaftig so geträumt, jedes Wort hell und klar. Aber mochte sie doch so geträumt haben und mochte es doch wahr sein, das kam ja hier gar nicht in Betracht. Fortan war ihr das Wort innerstes Verstehen, Freude, Wundern und zärtliche Neckerei, alles in einem, und ein Ehrentitel, ja Stempel auf ihre eigene Wesenheit.
Darauf geschah es bald, daß sich trotz der langen Ruhe in der Eisenbahn ein Schlaf auf ihre Augenlider senkte und auch der Kranke, die mütterliche Hand in der seinen, ein Weilchen in sich hinein schlummerte, so daß die Nachtwache, als sie geräuschlos und mit abgeblendetem Licht die Türe aufmachte und hereinsah, dieselbe still wieder schloß, beiden den ruhigen Augenblick gönnend.
Er war ihnen auch zu gönnen und war nicht lang.