Doch war es der Mutter recht, daß der Herr Professor scheint's nicht mehr böse sei. „Denn sonst hätt' er dich nicht mitgenommen, denk ich,“ sagte sie.

Aber daß er mich geküßt hatte, das behielt ich für mich.

Bei uns daheim küßte man einander nicht. Auch mich nicht, so gut ich es sonst hatte.

*

Eines Tags wurde Lotte Wolf unsere Nachbarin; ich konnte froh sein, daß sie es wurde.

Sie war groß und dunkelhaarig; es dauerte nicht lange, bis sie auch zu meinen Besitztümern gehörte. Als sie am ersten Abend nach ihrem Einzug eine Weile unter der niedrigen Haustür stand und auf die grünen Bäume der Au hinübersah, da wunderte ich mich, daß sie da drinnen in dem Häuschen Platz haben sollte. Es schien mir niedriger zu sein als alle andern, weil sie so groß und hoch war. Sie trug eine blaue Bluse und eine weiße Schürze und hatte den Hals frei, daran hing ein dünnes Silberkettlein mit einem Herzchen. Es zog mich mächtig zu ihr hin, aber ich wußte nicht, was ich sagen sollte; ich beschrieb aber immer engere Kreise um sie her. Da sah sie mich und lachte mich an und sagte: „Komm her, Kleiner, wie heißt du?“ Ich sagte, daß ich Ludwig Fugeler heiße, und daß das Haus da drüben mir gehöre, und daß ich viele rote Nelken habe. Da sagte sie, ich solle ihr eine davon holen, die wolle sie an ihre Bluse stecken und dafür wolle sie mir etwas Schönes zeigen. Ich rannte hinüber und pflückte einen ganzen Strauß von den Blumen, die mir seither nur zum Ansehen gehört hatten, und brachte sie ihr, die mich zum Dank mit ihrer großen, festen Hand an meinem Lockenwald packte und ein wenig zauste. Da wurde ich heiß und rot vor Glück und Stolz, und sie nahm mich mit in ihr Häuslein hinein, daß, wie die andern alle, eine Stube mit einem Alkoven und zwei Kammern hatte.

Das Schöne, das sie mir zeigen wollte, stand auf der glänzend polierten Kommode und war ein ausgestopftes Eichhorn, das blanke Äuglein und spitze weiße Zähne hatte. Es saß auf einem bemoosten Baumast und hatte eine Nuß zwischen den Vorderpfötchen, und Lotte sagte, sie wolle mir einmal die ganze Geschichte des Eichhorns erzählen, das Mux geheißen habe und fast gescheiter als ein Mensch gewesen sei. Sie sei aber sehr traurig und ob ich gerne traurige Geschichten höre? Das wußte ich aber nicht, denn bis jetzt hatte mir niemand Geschichten erzählt, und ich entdeckte auch in diesem Augenblick noch etwas anderes, das mich stark interessierte. Das war eine alte Frau, die neben dem Ofen in einem mächtig hohen Lehnstuhl saß und immerfort mit dem Kopf zitterte. Sie hatte eine breite weiße Binde um die Stirn gelegt, und unter der Binde sahen ein paar dunkle Augen hervor und zu mir herüber, und ich bekam auf einmal Angst vor diesem Menschenwesen und wollte mich aus der Stube machen. Da nahm mich Lotte bei der Hand und führte mich zu ihrer Mutter hin. Denn das sei ihre Mutter, sagte sie, und sie müsse immer im Lehnstuhl sitzen, sie könne gar nicht von selber aufstehen. Ja, nun sah ich es, sie zitterte mit den Händen und den Füßen ganz ebenso, wie mit dem Kopf, sie zitterte am ganzen Körper, das sah unheimlich aus. Aber als sie anfing zu sprechen, da war es gleich anders. Da hatte sie einen so freundlichen Mund und so freundliche Augen, daß meine ganze Angst verging. Sie sagte, wenn wir nun Nachbarsleute seien, so müsse ich fleißig zu ihr kommen, und sie habe auch ein Buch mit Bildern, das wolle sie mir zeigen, und ob ich keine Geschwister habe? Da sagte ich zuerst nein, denn die Schwestern waren immer wie etwas anderes, wie Kindermädchen oder Pflegemütter, und sie hatten auch eine jede ein Haus, für das sie Ausgänge zu machen hatten und spielten fast nie auf der Straße oder ums Haus herum. Aber dann besann ich mich und sagte, daß ich doch Geschwister habe, zwei, es seien aber bloß große Schwestern. Und Frau Wolf sagte, das müsse ich nie vergessen, daß ich große Schwestern habe. Auch später nicht, wenn ich ein Mann sei, denn es gebe sonst fast niemand, die Mütter ausgenommen, der so getreulich für die Brüder sei, wie ältere Schwestern, die gehen durch dick und dünn mit ihnen.

„Mutter, das versteht er ja noch nicht,“ sagte Lotte, und die alte Frau wackelte mit dem Kopf und sah mich freundlich an, und schwieg. Und ich erfuhr es erst später, daß sie einen einzigen Bruder habe, der ein großer Herr geworden sei und nichts mehr von ihr wissen wolle. „Aber,“ sagte Lotte, als sie das meiner Mutter erzählte, „das mag er halten, wie er will. Ich kann meine Mutter gut erhalten, und das tue ich auch.“ Dabei streckte sie den einen bloßen Arm mit dem heißen Bügelstahl, den sie in der Hand hatte, wagrecht hinaus und ich dachte, sie sehe der Germania gleich, die oben auf dem Kriegerdenkmal auf dem Friedhof stand, nur daß die Germania einen Kranz ausstreckte und Lotte einen Bügelstahl. Aber für Lotte paßte ein Bügelstahl besser, denn eben damit erhielt sie ihre Mutter.

Sie stand den ganzen Tag am Bügelbrett, und um sie herum häufte sich die weißeste Wäsche; sie hatte immer eine schneeweiße Schürze an und eine Bluse mit kurzen Ärmeln und regierte das heiße Eisen, daß es blitzend hin und her fuhr und alles sich glättete, was sie unter die Hand bekam.

An schönen Sommertagen, wenn drinnen in der Küche der kleine Bügelofen glühte und seine Hitze mit der zitternd warmen Sommerluft vermischte, stand sie wohl draußen unter dem Vordach aus Sackleinwand, das sie sich selber aufgespannt hatte. Dann hingen an den Latten des Zaunes gebügelte weiße Unterröcke und rosenfarbige und blaue Kleider und führten, wenn ein Lüftchen zwischen ihnen hinstrich, für sich selbst ein Tänzchen auf, als wollten sie sich auf den Sonntag einüben, wo sie sich um junge, warme Glieder schmiegen würden, drunten in der Au und wo ihre Falten und Spitzen noch ganz anders hin und her geschwenkt werden würden als jetzt, nach den Klängen einer guten Blechmusik und in den Armen der stattlichen Grenadiere und Pioniere. Denn die schöne Lotte hatte zu ihrer Kundschaft nicht die großen, feinen Häuser in der Stadt, die, wenn sie tanzgelüstig wurden, sich selber aufspielen lassen konnten, sondern das hart verdienende, arbeitsame Völkchen der Fabrikmädchen, der Verkäuferinnen in den Warenhäusern und was so junges, lebenslustiges Geziefer mehr war. Es kamen auch ledige Herren zu ihr, die ihre Wäschepäckchen selber unter dem Arm trugen und am Samstagabend selber wieder abholten. Darunter waren solche, die ich leiden konnte, und solche, die mir unausstehlich waren. Einige stellten sich zu Lotte ans Bügelbrett und sahen zu, als ob sie demnächst ihre Hemden selber bügeln wollten und ihnen nur noch die letzte Feile zu der Kunst fehlte, und dann begannen sie allerlei Gespräche mit ihr. Aber manche machten dumme Späße und versuchten Lotte in die bloßen Arme zu kneifen, da fuhr ich wütend dazwischen, denn das durften sie nicht, da Lotte mir gehörte und ich sie, wenn ich groß war, heiraten wollte. Lotte aber zupfte mich leise am Haar, daß ich still sein sollte und sagte: „Laß nur, Ludwig, ich wehre mich schon selber,“ und holte sich einen frischen Bügelstahl, den schwenkte sie ein paarmal hin und her, da sah sie wieder aus, wie die Germania, und ihr Gesicht war ernst und schön, aber zu dem Kecken sagte sie gar nichts. Da sah der meist ein bißchen dumm aus und machte, daß er fort kam. Das war mir recht, denn es war mir am wohlsten, wenn wir drei allein waren. Bei mir zuhause war oft den ganzen Nachmittag niemand daheim, da wurde das Häuschen der beiden Frauen meine zweite Heimat, und ich dünkte mich König darin zu sein. Aber eines Abends kam ich so gegen Dunkelwerden hinüber. Man hatte mir heut bei Tag meine Locken abgeschnitten, weil ich nun doch zu groß dafür wurde, und weil mich die Buben soviel damit neckten, und ich fühlte mich erwachsener als je dadurch, aber es fror mich auch irgendwie, und ich wollte mich bei meinen Freunden wärmen. Da sah ich, als ich in die Stube trat, einen jungen Mann, den ich immer gern hatte leiden mögen, weil er so still und bescheiden kam und ging und nie viel sagte. Der hatte seinen Arm um die schöne Lotte geschlungen und sah sie leuchtend an, und sie wehrte sich gar nicht, sondern stand ganz still und sah ihn auch so an, und das Bügeleisen stand mitten auf einer Bluse, es roch auch schon verdächtig. Ich blieb an der Türe stehen und wußte gar nicht, was beginnen, es ging ein Schmerz und Zorn und ein Schrecken durch mich durch. Da sahen sie mich und lächelten und winkten mir mit den Augen, daß ich näher treten solle, und Lotte nahm das Bügeleisen und stellte es an seinen Platz. Aber ich rührte mich nicht von der Stelle und wäre nur gern wieder draußen gewesen, weil ich das nicht sehen konnte, daß sie der fremde Mensch umschlungen hielt.