Da sahen sie meine Not und Lotte machte sich los und kam zu mir her und sagte: „Siehst du, Ludwig, das ist mein Bräutigam. Jetzt gerade vorhin habe ich mich ihm versprochen. Gib ihm eine Hand, er heißt Friedrich Meister, ihr müsset nun auch Freunde sein.“ Aber ich gab ihm keine Hand. Wie konnte ich ihm die Hand geben, wenn er nur so da herein kam und alles störte, was bisher war und wenn er Lotte um den Hals faßte? Da sagte die alte Mutter aus ihrem Lehnstuhl heraus: „Gehet ihr beiden nur ein bißchen spazieren, das wird euch gut tun. Der Ludwig bleibt bei mir, gelt, Ludwig?“

Und ich setzte mich auf den niedrigen Schemel zu ihren Füßen und legte meinen geschorenen Kopf an ihre Knie und spürte, wie sie fortwährend zitterten. Das Brautpaar ging hinaus, und wir blieben allein, und die alte Frau sagte, als ob sie mich durch und durch sehen könnte: „Ja, lieber Bub, das kommt uns beiden sonderbar vor, daß uns der Friedrich unsere Lotte nimmt, gelt? Aber weißt du, er nimmt sie nicht fort, er läßt sie da und bleibt auch dabei, und so haben wir sie alle beide.“

Aber ich schüttelte meinen Kopf in ihre Zudecke hinein und sagte da heraus: „Er soll sie nicht in den Arm nehmen, sie gehört mir. Sie hat es gesagt, daß sie mir gehört.“ Und dann sah ich auf, ob sie keinen Rat wisse.

Da lagen ihre alten Augen gut und warm auf mir, und sie sagte: „O Büblein, wo will das hinaus mit deinem heißen Herzen? Sieh, wir können nicht alles für uns allein haben, was gut ist und schön und was wir lieb haben. Du verstehst es noch nicht, aber du mußt es noch lernen. Das kommt noch oft. Komm, komm,“ und sie streichelte mich mit ihren zittrigen Händen und sagte: „Es wird schöner, als du denkst. Was meinst du, mir hat die Lotte auch gehört, schon lang vor dir, schon als sie noch ganz klein war.“ Da mußte ich sie ansehen, wie sie so gut und so gelassen in ihrem Stuhl saß und ich dachte, ich müsse sie lieb haben, weil sie so arm sei und packte sie plötzlich mit beiden Händen an den Armen. Das tat weh, das durfte man nicht. Sie zuckte zusammen und preßte die Lippen aufeinander, und ich schämte mich, daß ich so ungestüm war. Aber sie lächelte mich an und sagte: „Ich versteh's schon, Ludwig, du meinst es gut. Sei nur ruhig, sei nur still. Komm, ich erzähl' dir was, weil wir grad so schön beisammen sind.“ Da erzählte sie mir die Geschichte von dem ausgestopften Eichhörnchen. Die hieß etwa so:

„Es ist einmal gewesen, schon lang, als die Lotte noch nicht viel größer war als du, da haben wir, mein Mann und das Kind und ich, droben an der steilen Steige gewohnt in dem Bahnwärterhaus, denn mein Mann ist ein Bahnwärter gewesen. Da haben wir eine gute Zeit gehabt, sag' ich dir. Da bin ich noch grad gewesen und aufrecht und stark. Ja ja, guck nur, ich bin erst seit der bösen Krankheit so, so elend. Der Mann, so gut und immer vergnügt, es sei ein Wetter gewesen, was es für eins wolle. Eine Stimme wie eine Amsel hat er gehabt und immer die Mundharfe in der Tasche. Wenn er die Strecke abgeschritten ist, hat er immer geharft dabei, und am Abend daheim gesungen auf dem Bänklein vor der Tür, und unsern Garten geschafft, es hat kein fürwitziges Gräslein drin sein dürfen. Solche rosa Pfingstnelken, dünkt mich, habe es sonst nirgends gegeben. Einen Nußbaum haben wir gehabt, der hat ein ganzes Dach über unser Häuslein gebreitet, und gleich dahinter hat der Wald angefangen.

Ja, lieber Bub.

Da sitzen wir einmal an einem Sonntagabend um den Tisch. Alle drei. Das Fenster steht offen und die Lotte sagt: ‚Vater, blas' eins. Blas': Brüder, Brüder, wir ziehen in den Krieg‘. Denn er ist ein alter Soldat gewesen und hätt' gern einen Buben gehabt, der auch einmal Soldat würde, und hat der Lotte immer vom Militär erzählt. Das ist ihr Leben gewesen. Da zieht er die Mundharfe heraus und bläst eins ums andere, und auf einmal legt Lotte ihre Hand auf meinen Arm und sagt leise: ‚Da sieh' hin‘. Da sitzt auf dem Fenstersims ein Eichhörnchen und guckt mit seinen schwarzen Äuglein zu uns her und horcht auf die Musik. Denn darauf sind sie aus, das lieben sie.

Wir sind ganz still gewesen, um es nicht zu verscheuchen, und es ist erst wieder fortgesprungen, als mein Mann das Blasen einstellte und die Mundharfe auf den Tisch legte. Von da an ist es oft gekommen, immer öfter. Es ist noch ein ganz junges gewesen, und es ist nach und nach ganz zahm geworden. Die Lotte hat ihm Haselnüsse auf den Sims gelegt und dann auf die Bank am Fenster und auf den Tisch, und es ist bald aus- und eingegangen, wie ein Eigenes. Dann, im Winter, ist es ganz dageblieben. Die Lotte hatte ihm ein Bettchen gemacht in einem Korb, darin ist es gelegen, wie ein Kind. Sie hat es immer selber hineingetan, es hat ihm sonst niemand etwas tun dürfen. Wenn sie ganz leise gepfiffen hat, so ist es heraus und auf ihre Achsel gesprungen und hat seinen schönen buschigen Schwanz um ihren Hals gelegt. Die Lotte ist damals hergewachsen, wie ein junger Baum und hat zwei lange dicke Zöpfe hinuntergehängt, aber mit dem Lernen, da ist's ihr nicht so leicht gegangen. Sie hat sonst so vielerlei im Kopf gehabt. Jetzt hat sie nur noch lernen können, wenn der Mux mit in das Buch hineingesehen hat. Und dann hat sie ihn allemal gefragt: ‚Verstehst du das, Mux?‘ und hat ihm ins Gesicht geblasen, da hat er sich geschüttelt und sie hat zu mir in die Küche hinausgerufen: ‚Mutter, der Mux ist ein Gescheiter, der versteht's auch nicht.‘

Das ist drei Jahre lang so gegangen. Im Sommer hat der Mux seine Freiheit gehabt. Bei Tag auf dem Nußbaum und im Wald und bei Nacht in seinem Korb. Im Winter, da hat er ganz bei uns gelebt. Da, in einem Frühjahr, die Lotte ist zwölf Jahre alt gewesen und ein großes Mädchen, geht eines Tages ein schweres Gewitter herunter. Es donnert und blitzt und der Regen fällt nur so kübelweis, und ich denke: Das ist schon gar nicht mehr geregnet, und richte trockne Sachen für meinen Mann, denn er ist ja richtig weit draußen auf der Strecke. Da sind auf einmal Tritte vor der Tür, und etwas schüttelt sich und pustet, und ein Herr kommt herein, den hatte ich noch nie gesehen. Es war der neue Forstassessor, und er wollte dableiben, bis der ärgste Guß vorbei sei. Es war ein schöner Mensch, groß und breit und mit einem Weltsschnurrbart, aber es hat mir gleich etwas nicht gefallen an ihm, so um die Augen herum. Die Lotte ist dagesessen und hat an ihrem Federhalter genagt, denn sie hat sollen einen Aufsatz machen, und der Mux sitzt an seinem gewöhnlichen Platz auf ihrer Achsel und klopft mit dem Schwanz, wie wenn er sich auch besinnen müßte. Da packt der Assessor die Lotte am Zopf und sagt: Ein schönes Kind! Das dürfen Sie auch hüten, wenn ein paar Jahre noch herum sind. Und ich sagte: Wir wollen es so erziehen, daß es sich selber hütet, das wird noch besser sein.