Wird auch jetzt ein solcher zu mir kommen, wenn du sie gelesen hast?

Ich soll ja nicht fragen. Aber warten, das darf ich doch?

Es war einmal ein Tag, da machte ich die Augen auf in einem hohen, weiten Raum. Das ist das erste von allem, dessen ich mich entsinnen kann, es ist mir, als sei ich damals in die Welt herein geboren worden. Ich lag auf einer Bank, die eine hohe, geschnitzte Lehne hatte, und sah mit blinzelnden Augen um mich und über mich. Es ging hoch hinauf, fast schwindelnd hoch, und ich spürte auf einmal, daß ich ein klein – kleinwinziges Büblein und nicht daheim in meiner Stube sei. Da waren viele steinerne Säulen, die alle so unmenschlich hoch und groß waren und oben irgendwie zusammenstrebten. Und da waren Fenster, durch deren buntfarbiges Glas Ströme von farbigem Licht in die hohe, dämmerige Halle flossen. Das Licht floß an den Steinsäulen hin und auf dem Fußboden weiter und traf auch mich, und auf einmal fing es an, zu klingen, zuerst hoch und hell, und dann leise und zart, und dann so mächtig, immer stärker und mächtiger, daß ich nicht wußte, wo ich hinfliehen sollte, so mächtig dröhnte und tönte das Licht, das ich noch nie gesehen hatte. Es tat mir etwas wohl, aber noch viel weher tat es daneben, und ich tat, was alle Kinder in der Not ihres erschrockenen Herzleins tun mögen, ich rief der Mutter.

Sie hörte es nicht, weil das Getöse so stark war, da rief ich lauter und lauter und rutschte von der Bank herunter auf meine Füße und schrie: Mutter, Mutter!

Da hörte ich unter das starke Tönen hinein eine Weiberstimme, die gehörte einer breiten, dicken Gestalt, die einen Besen führte, und sie rief nach einer Ecke hin: „Fugelerin, Ihr Bub ist aufgewacht, er schreit.“

Gleich darauf tauchte meine Mutter zwischen den Steinsäulen auf und kam schnell auf mich zu. „Still, still, Ludwig,“ sagte sie und wischte mir mit einem trockenen Zipfel ihrer nassen Schürze die Tränen weg, die mir im ersten Schreck über die Backen gesprungen waren. Und dann nahm sie mich an der Hand und führte mich den langen Weg zwischen den Säulen hindurch bis an einen großen steinernen Tisch, auf dem eine grüne Decke lag mit silbernen Fransen, und hieß mich auf die Stufen niedersitzen, die zu dem Tisch hinaufführten.

Ein Teppich lag darauf, den streichelte ich mit der Hand. Er war so weich und dick, wie das graue Fell unserer Katze daheim, und ich bekam einen halben Wecken, den die Mutter aus der Tasche zog. Ich solle jetzt ruhig hinsitzen und auf das schöne Orgelspiel horchen, sagte die Mutter, und als ich fragte, was das sei, Orgelspiel, hob sie den Finger in die Höhe und sagte: „Horch, Büble, da droben kommt's herunter, dort wo es so silberig glitzert an der Wand. Dort sitzt ein Mann und spielt, und morgen ist Sonntag, da sitzt alles voller Leut' in der Kirche, und da muß er wieder spielen“; dann ging sie, und ich sah sie dort drüben mit Eimer und Schrubber hantieren, da konnte mich das Große, Fremde nicht mehr anfechten, weil ich ihre lebendige Nähe spürte.

Aber das konnte ich noch nicht verstehen, daß das Tönen dort oben herunter komme und das Scheinen zum Fenster herein. Es war beides da, der Raum war voll davon, und mein Kinderherz war voll davon, und als ich mit der Mutter heimkam, da rief ich den beiden Schwestern, die in dem schmalen Vorgärtlein neben der Haustür saßen und strickten, entgegen: „Ihr müßt einmal mitgehen, in dem großen Haus drin ist etwas ganz rot und blau und goldenes, das schreit so arg.“