Da lachten sie und staunten, daß ich solche Sprüche tue, und erzählten es am Abend unserem Mietsmann, dem Heinrich Kilian, der mit seinen sechzig Jahren noch Ausläufer in einer Buchhandlung war, und der immer alles wissen mußte, was ich den Tag über gesagt und getan hatte. Er hatte mich stark in sein altes Herz geschlossen, die Freundschaft war aber gegenseitig.

Ich meine, mich zu entsinnen, daß ich an jenem Abend, als die Schwestern um ihn herumstanden und ihm von meinem Ausflug in die Kirche, in der meine Mutter zum Reinigen angestellt war, und von meinem Ausspruch erzählten, – daß ich auf seinen Knien saß und die rote Nelke hinter seinem Ohr hervorholte und sie hinter mein eigenes steckte. Er aber ließ mich reiten, „nach Sachsen, wo die schönen Mädchen auf Bäumen wachsen,“ und sagte wohlgefällig: „Ja, ja, du kriegst sie, Herzkäfer, gescheiter,“ und lachte in seinen Stoppelbart hinein.

Wenn es nicht an diesem Abend war, so war es sicher an vielen andern so.

Denn alles, was schön, erfreulich und begehrenswert war in dem kleinen Bereich, in dem ich lebte, das war mein. Ich streckte die Hand darnach aus und es neigte sich zu mir. Das war eine lange Zeit hindurch so.

Die graue Katze gehörte mir, und die Mutter und die Schwestern und der alte Heinrich Kilian samt allem, was er in seiner Kammer hatte, und Häuslein und Garten und darüber hinaus. Das war die Zeit, da ich im Paradiese lebte, und aß von allen Bäumen im Garten und wußte noch nichts vom verbotenen Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Es war nichts verboten, und so konnte ich nicht sündigen.

Mein Vater starb, als ich noch kein Jahr alt war. Er hatte mich in seiner Krankheit bei sich im Bett, wenn er genug Atem hatte, um mich auf seiner Decke sitzen zu lassen, und ich zupfte mit meinen kleinen Händen an seinem dichten Bart herum. Damals soll ich, geht die Sage, ein sehr schönes Kind gewesen sein mit einem braunen Lockenbusch und dunkelblauen Augen, und er, der sich immer einen Sohn gewünscht hatte und ihn nun, da er in so erwünschter Weise vorhanden war, verlassen mußte, sagte mit seinem letzten Atemzug: „Lasset mir meinem Büble nichts geschehen.“

Das war nun ein heiliges Vermächtnis für die Mutter und die beiden Schwestern, die vier und sechs Jahre älter waren als ich, und denen die Lust an einem hübschen, lebendigen Spielzeug noch ein stärkerer Antrieb war, mich zu verwöhnen und zu hätscheln, als das letzte Wort des verstorbenen Mannes, der an ihnen nie die große Besitzerfreude gehabt hatte, wie an mir.

Wir wohnten damals in einem der kleinen Häuslein „am Graben“, die der Stadt gehörten und von dieser samt den winzigen Vorgärtchen um ein Billiges an Taglöhner, Waschfrauen, Flickschuster, Näherinnen und dergleichen kleine Leute vermietet wurden.

Es ist mir, als habe dort immer die Sonne geschienen, und tatsächlich blinkten auch die nach Südosten gelegenen kleinen Fenster der einstöckigen Häuslein, die kein Gegenüber hatten, in jedem Morgenstrahl, der vom Himmel kam; und in den schmalen Rabatten der Gärtchen hoben, vom ersten Schneeglöckchen bis zur letzten Aster des Herbstes, den ganzen Sommer die Blumen der armen Leute ihre Gesichter dem freundlichen Licht entgegen.

Salat und Suppenkräuter baute meine Mutter in ihrem Gärtchen; sie hatte keine Zeit und auch nicht so recht die Gemütsart, die man braucht, um Blumen zu ziehen; die Blumen pflegte dafür Heinrich Kilian; der hatte ein Stücklein des Gartens in Pacht, nicht viel größer, als meines Vaters schmales Bett auf dem Kirchhof drüben, und doch groß genug für eine Fülle der rötesten Nelken. Rote Nelken, das waren seine Lieblingsblumen, von denen hatte er immer, so lang sie blühten, eine zwischen den Zähnen oder hinter dem Ohr, mit ihnen trieb er einen Luxus und eine Verschwendung, wie sonst mit gar nichts.