„Kilian,“ sagte meine Mutter manchmal, wenn sie ihm seine gewaschene und geflickte Wäsche zurückgab, „Kilian, die Hemden halten nimmer. Ich setze einen Fleck an den andern, aber was genug ist, ist genug.“
„Ja, ja,“ sagte der Kilian, „sie tun's schon noch. Gut geflickt gibt auch warm. Ich kauf' dann schon einmal neue, jetzt grad langt das Geld nicht dazu.“
„Aber zu den teuren Nelkenstöcken, da langt's,“ eiferte die praktische Frau. Denn er hatte sich wieder einmal etwas ganz Wunderbares kommen lassen, etwas ganz Märchenhaftes, nie Dagewesenes von roten Nelken, das in der Zeitung ausgeschrieben gewesen war. Er fiel immer damit herein, es war nie so etwas ganz Besonderes, es wurden eben immer gewöhnliche rote Nelken, wie von jeher. Aber er hatte seine große Vorfreude daran, wenn sie Knospen trieben und die Knospen sich rundeten. „Diesmal gibt's ganz dicke, ganz große,“ sagte er dann geheimnisvoll.
Das sagte er auch jetzt, als ihn die Mutter wegen der Hemden plagte.
„Ja, ja, und dann sind's wieder dünne, und das Geld ist draußen, und der Winter kommt, und kein gutes Hemd ist im Kasten, und das Alter kommt auch.“
Aber er lächelte bloß und ließ mich auf den Knien reiten. Und ich schlug mich auf seine Seite und sagte: „Jawohl gibt es dicke, gelt, Heinrich, es ist in der Zeitung gestanden?“
Da seufzte die Mutter nur noch ein wenig und brummte: „Vier Kinder hab' ich, nicht bloß drei.“ Aber es hätte ihr eins gefehlt, wenn sie den Heinrich Kilian nicht mehr zu bemuttern gehabt hätte. Sie war eine gute, gute Frau. Sie gab alle ihre Kraft her für die, die sie liebte, sie wollte nichts für sich. Sie schaffte im Taglohn in guten Bürgerhäusern, sie wusch und putzte, sie hatte das Kirchenreinigen und das Schulhausfegen. Sie gehörte einem Heer von Frauen an, die da mit Kübeln und Besen hantierten. Sie brachte verschrumpelte Hände mit heim und in der Tasche das Geld, das unser tägliches Brot kostete. Und sie saß bis in den späten Abend hinein bei der Lampe, die einen grünen Blechschild hatte, und flickte alles, was wir den Tag über zerrissen, und einmal brachte sie einen Samtrest mit heim, der aus fünf bis sechs Stücken bestand, und machte mir ein Anzüglein daraus. Das alles tat sie mit wenig Worten und mit einem ruhigen, ebenen Gesicht. Ich glaube, wer nach ihren Augen gesehen hätte, der hätte viel gefunden. Aber ich weiß jetzt nur noch von einem einzigenmal, daß ich ganz weit hinein gesehen habe in diese Augen. Das war spät, das kommt jetzt noch nicht.
Als sie das Samtanzüglein genäht hatte, nahm sie mich den Sonntag drauf an der Hand und ging mit mir in ein schönes, vornehmes Haus, das war mitten drin in der Altstadt. Es hatte eine breite, schwere Tür, daran war ein großer eiserner Kopf von irgend einem Ungetüm, der hatte einen dicken Ring im Maul.
Daneben hing ein Glockenzug, der hatte einen Griff von einer Schlange, die eine lange Zunge herausstreckte. Und die Mutter hob mich auf und ließ mich daran ziehen. Da ging die Tür von innen auf und wir traten in eine Halle, darin war ein grünes Licht, das kam vom Garten herein, zu dem hin eine Pforte offen stand, und wir stiegen eine breite, dunkle Treppe hinauf, die ein geschnitztes Geländer hatte, und kamen in einen weiten Raum, an dem viele Türen lagen, und von dessen Wänden gemalte Männer und Frauen auf uns niedersahen. Ich hielt mich fest an der Hand der Mutter, denn unsere Schritte hallten in dem hohen Raum, der mit einem buntfarbigen Steinmuster gepflastert war, und es war kühl und groß und dämmerig da. Da ging eine Tür auf, es fiel helles Sonnenlicht auf die Steine des Pflasters, und in dem Sonnenlicht stand ein schöner alter Herr. Er hatte einen Sammetkittel an, darauf fiel ein langer, silberiger Bart hinunter, und seine vollen Locken schimmerten auch silberig, und er rief: „Aha, da haben wir ja das Zaunköniglein! Grüß Sie Gott, Frau Fugeler. So, so, das ist recht, wollen Sie nur gefälligst hereinspazieren!“ Er hatte ein so lachendes, helles, heiteres Gesicht, daß ich ihn immer ansehen mußte, auch als wir in dem Saal waren, in den er uns führte, er war das Hellste von allem. Zwar die Sonne fiel durch hohe Fenster herein, und auf dem Boden lag ein Teppich voll glühender Blumen, und an den Wänden hingen Bilder: Äpfel und Birnen und Trauben, die aussahen, als ob sie zum Essen wären, eine Wiese mit lauter durchsonnten, roten und blauen Blumen, ein Blütenbaum mit weißschimmernden Ästen. Aber der alte Herr war doch noch heller als das alles.