Da mußte aber gerade in diesem erhebenden Augenblick der Mediziner dazwischenfahren, der mit einem schönen Gruß von der Gesellschaft kam und uns meldete, daß man keine Zeit habe, aufeinander zu warten und auch nicht zu dem Schneckentempo, das wir neuerdings eingeschlagen hätten. Er fuhr auf die andere Seite des Fräuleins und sagte mit Lachen: „Oder haben Sie eine dringende Unterhaltung? In diesem Fall bedaure ich, stören zu müssen.“ Da fuhr dem Fräulein Bitterolf eine kleine Röte und ein gehöriger Schuß Hochmut in den Kopf, und sie sagte, kalt wie ein Eiszapfen: „Ich wüßte nicht,“ und gab ihrem Roß die Sporen, daß es flog. Wir beide danebenher im Saus, eine Strecke geradeaus und dann um eine scharfe Wegbiegung. Vor uns stob die weiße Wolke, in der die andern daherfuhren, aber dazwischen drin war etwas lebendig, nämlich eine Gruppe junger Mädchen, die den Weg gerade vor uns überquerten, als wir um die Ecke bogen. Sie waren in hübschen, farbigen Sonntagskleidern und hatten Maiblumensträuße in den Händen, die sie im Wald geholt hatten, nun flatterten sie auseinander im Schreck vor dem Überfahrenwerden und schrien auf wie eine Herde Küchlein, in die der Habicht stößt. Das Unglück wollte es, daß meine Nachbarin Hertha darunter war, derentwegen ich schon seit jenem Abend, da ich sie hatte warten lassen, ein schlechtes Gewissen in mir herumtrug. Sie erkannte mich und ließ mir einen Blick zulaufen über die Schulter zurück, der war mit allerlei beladen, was ich so schnell nicht auseinanderklauben konnte, und in dem Augenblick fuhr das Fräulein mit dem Rad in ihre Blumen und ihr blauweißes Sonntagskleid hinein. Es gab eine Erschütterung beider Parteien, bei welcher die Blumen in den Straßenstaub fielen, das blauweiße Kleid einen langen Riß bekam, und das Fräulein auf seinem Sitz schwankte. „So machen Sie doch die Augen auf,“ herrschte sie das Mädchen an, das verwirrt, erschrocken und in Staub gehüllt dastand und seinen verdorbenen Sonntagsputz ansah. Niemand, und auch ich nicht, gab ihm ein freundliches und gutes Wort, wir fuhren weiter und sprachen davon, daß am Sonntag die Landstraßen so voll seien von gewöhnlichem Volk. Daß man eigentlich besser täte, werktags zu fahren, und daß es zum Glück noch gut abgelaufen sei. Das heißt, die andern sprachen davon, aber ich war still dazu und hatte nur immer das Mädchen vor Augen, wie es im Straßenstaub stand und seine Blumen am Boden lagen. Es hatte mir vor dem Unglück einen Blick zugesandt, und ich hätte etwas gegeben, wenn ich ihn hätte deuten können: ein bißchen traurig und ein bißchen schelmisch und in allem lieb und schön. Den Augenwink hatte es nun zahlen müssen mit einem zerrissenen Sonntagskleid und einem herrischen Wort in sein sonntagsfrohes Gemüt hinein. Mir war nicht gut zumute, aber ich ließ nichts davon verlauten, denn es brauchte niemand zu wissen, daß ich das Mädchen gekannt hatte. Es war ein unfrohes Lustigsein den Sonntagmorgen hindurch, bis ich, was mich bedrückte, pfeifend in den Wind schlug, da ich es doch nicht ändern konnte.
*
In der Nacht, die darauf folgte, ging es mir sonderbar. Es war mir, als gehe meine Tür auf und ein Mensch komme herein mit einem Licht in der Hand. Es war eine alte Ölampel, wie wir zu Hause eine gehabt hatten, und zu deren Öl ich die Buchelen selber im Stadtwald gesammelt hatte. Die Ampel kannte ich sogleich wieder, sie war von Zinn und blank geputzt, und ihr Licht schien durch eine vorgehaltene Hand, an der ein dünner silberner Ring schwach erglänzte. Die Hand war rot durchleuchtet und als ich sie ansah samt dem Ring, wußte ich, daß sie meiner Mutter gehöre. Da dachte ich: Das ist ein Traum, denn deine Mutter lebt ja nicht mehr. Aber es ging mir durch und durch ein wehes Wohlsein und ein lebendiges Gefühl von einer lieben Nähe, und ich war begierig, wie es weiter komme. Die Mutter stellte die Ampel auf den Nachttisch, und dann sah ich sie vor mir stehen, klein und kümmerlich und mit einem angstvollen Ausdruck in ihrem schmalen Runzelgesicht. Sie sah über mich hin, und ich erkannte durch die geschlossenen Lider ihren Mund, der schmallippig und eingesunken war, wie er sich leise flüsternd bewegte. Lieber Gott, laß mir meinen Buben recht werden, sagte sie, ich bin ein einfältiges Weib. Es ging mir durch und durch, ich hätte ihr gern gesagt, daß alles im besten Schick sei mit mir, aber ich konnte mich nicht rühren. Da fühlte ich eine große Träne heiß und schwer auf mein Gesicht niederfallen. Sie brannte mich und ich stöhnte und wollte sie wegwischen, aber es ging nicht, es wurde mir angst und bang. Ich versuchte, mein Kinderverslein zu beten, das ich abends beim Schlafengehen mit der Mutter gesprochen hatte, aber ich konnte nur einen Satz daraus finden: Alle Kindlein, bloß und arm, decke du sie weich und warm. Aber es war nicht das, was ich sagen wollte, ich mühte mich vergebens, und als ich es nicht zuwege brachte, ging die Mutter kopfschüttelnd wieder weg. Das Licht nahm sie mit. Da, als sie die Tür hinter sich zumachte, trat mir das Elend und das Verlassensein ans Herz. Ich hätte sie gern zurückgerufen und ihr Liebes gesagt, aber es war zu spät, und auf einmal liefen mir die Tränen stromweis übers Gesicht.
Eine Uhr schlug von irgend einer Kirche her, vielleicht vom nahen Münster, ein Luftzug wehte über mich hin. Da saß ich plötzlich aufrecht im Bett mit offenen Augen und hatte in Wahrheit noch nasse Backen von den vergossenen Tränen des Traumes.
Der Mond sah neugierig ins Zimmer und legte eine lange, schmale Lichtbahn auf den Fußboden. In dieser Lichtbahn war wohl vorhin die Mutter gestanden, an die ich schon so lang nicht mehr gedacht hatte. Es plagte mich, wo sie wohl auf einmal hergekommen sei, denn, Traum oder nicht Traum, sie war mir auf einmal nah und lebendig und regte allerlei in mir auf; ich mochte mich auf die rechte oder linke Seite legen, so blieb das helle, aufgestörte Wachsein, das mir fremd und ungewohnt war, und das Denken an Dinge, die weit von mir lagen am Tag und für gewöhnlich.
Zum Beispiel sah ich hell und deutlich zum Greifen unsere Stube daheim an einem Himmelfahrtsfestmorgen vor mir. Ich hatte einen Frühspaziergang in den Wald gemacht und einen Hut voll von den rosasamtigen Blümlein mitgebracht, die man bei uns Himmelfahrtsblümlein hieß. Sie wuchsen an einer heimlichen Stelle, tief im Wald, und ich hatte den Kuckuck schreien und eine Drossel singen gehört, hatte Eichhörnchen ihre Sprünge machen und ihre stolzen Fahnen dennoch leicht und zierlich tragen sehen und hatte etwas von Morgenfrische mit in die niedrige Stube gebracht. Die Mutter machte ein Kränzlein aus den Blumen und hängte es um das kleine, verblaßte Bildchen eines jungen Weibes, das einmal ihre Mutter gewesen war. „Sieh, Ludwig,“ sagte sie, „man muß die nicht vergessen, die fortgegangen sind. Sie sind nicht tot, sie sehen uns und brauchen, daß wir sie lieb haben. Wenn wir sie vergessen, so friert sie's und tut ihnen weh. Dann klopfen sie an, oder sie kommen uns im Traum, oder es zerspringt ein Glas, das ihnen gehört hat, oder ein Spiegel, und anders können sie nicht sagen, was sie gern wollen: denkt an uns, vergesset uns nicht, denn ihr seid Fleisch von unserem Fleisch, und es ist um eine Zeit, so kommet ihr auch zu uns. Jetzt freut's vielleicht die Großmutter, daß du ihr das Kränzlein gebracht hast.“
Das alles war mir damals nicht wichtig. Ich war von Kindesbeinen an ein Bub, der vor sich hin und in den Tag hinein lebte ohne viel sinnige Gedanken, und die Blümlein hatte ich nur geholt, weil es mich freute, in der Morgenfrühe in den Wald zu gehen, die Großmutter war gar nichts für mich, ich hatte sie nie gekannt.
Aber mein Hirn hatte getreulich alles aufbewahrt mit allen Tönen und Farben, was an jenem Morgen gewesen war, und noch vieles dazu, das schüttete es aus, wie ein Säcklein voll Raritäten und breitete es um mich herum aus, ein Stück ums andere. Ich sah die ganze Heimat. Die Mutter hatte sie mir mitgebracht, aber es war etwas dabei, das mich nicht recht freuen konnte. Denn sie hatte mich traurig angesehen, ich war ihr nicht recht irgendwie. Und es war jetzt zu bedenken, daß sie vielleicht lebte auf irgend eine Art, wenn man es auch nicht erklären konnte, wie, und daß sie zur Tür hinausgegangen war, weil ich meinen Vers nicht konnte, und daß sie mich mahnen wollte, ich solle sie nicht vergessen. Bei dem allem wurde es mir eng und schwül zumute, wie ich es vordem kaum je so empfunden hatte, und ich erhob mich aus dem Bett, um ans Fenster zu treten und die frische Nachtluft über mich hinströmen zu lassen. Da geschah es, daß mir beim Vorübergehen mein Bild aus dem Spiegel entgegensah, vom Mondlicht schwach beleuchtet, und ich erschrak daran, stellte mich aber trotzdem aufmerksam davor hin und sah mein Gesicht seine Augen auf mich richten, als ob es mich prüfen und ergründen wollte. Es war mir, als sei es ein zweiter Mensch, einer, der zu meinem Ich du sagen könne, und der mich durch und durch sehe, und es war mir nicht im mindesten möglich, mich von ihm abzuwenden oder ihm das Anstarren zu verbieten, ich war festgehalten, wie das Eisen vom Magneten. Dergleichen hatte ich vordem nie erlebt. Was bist du für einer? schien mir das Spiegelbild zu sagen. Dich sollte ich kennen, meine ich. Schon von früher, von lang her. Du bist schon lang nicht mehr bei mir gewesen, es ist eigentlich schade. Aber wie ich, mich dem Bilde befreundend, es näher ansah, und der Mond mir dazu leuchtete, faßte mich auf einmal ein Grauen vor mir selbst und dem Spiegelbild, das ich als mein Selbst erkennen mußte; es war, als ob aus den glänzenden Punkten meiner Pupillen ein Dritter heraussehe, der wieder ich war. Es konnte ins Unendliche so fortgehen, man wußte nicht mehr, wer man selber war und wer sich fremd in einem bewegte, und dazu tauchten Möglichkeiten und Fragen auf, die einem nie kamen, wenn man unbesehen für sich hinlebte und vor denen es einen ins Mark hinein fror. Da riß ich mich mit Gewalt von mir selber los und flüchtete mich ans Fenster, meine aufgeregten Pulse im Anschauen des stillen Nachtbildes beruhigend, das da draußen für sich hinlebte, gleichgültig, ob einer es ansah oder nicht. Die herrliche Pyramide war ganz vom Mondlicht durchflossen, es war, als bade sie alle ihre Blumen, Rosetten, Knäufe und Spitzen darin und sei lebendig in ruhevollem Atmen, und hinter ihr stieg der Berg auf mit seinen dunklen Bäumen, deren Wipfel in den silberlichtbeglänzten Himmel tauchten, ohne sich zu rühren. Die Häuser aber standen von innen heraus verdunkelt und ganz im Schlaf, und nur ich junges Blut wachte und wäre gern gut, einig mit mir und den ewigen Lebensgewalten und allem, zu dem ich im stillen du sagen konnte, gewesen, denn ich war wunderlich aufgerührt. Und ich hätte auch gern jemanden gehabt, zu dem ich nah gehörte, einen Freund oder so. Aber das dauerte nicht lange, und es kam nicht viel darnach. Es schauerte mich am offenen Fenster und im leichten Hemd, und ich kroch ins Bett zurück, den Spiegel vermeidend. Da nahm mich der Schlaf in die Arme bis der Morgen kam.
*
Als die Geschwister Bitterolf abgereist waren, ging das Leben im Hause wieder seine alten Gleise hin. Mir war es recht, daß sie dagewesen, und daß sie wieder gegangen waren, beides hatte sein Gutes. Ich war in allerlei Leben hineingekommen, das ich vordem nicht gekannt hatte. Zum Beispiel konnte ich auf der Straße hie und da den Hut abziehen vor angesehenen Leuten, deren Namen und Art ich kannte, die mich wieder grüßten mit Höflichkeit und Achtung, und konnte jungen Mädchen unter den Hut schauen mit Fug und Recht, weil ich schon mit ihnen gespielt und geredet und ihnen etwa das Jäckchen oder den Schirm getragen hatte. Im Laden aber gab es Gelegenheit, mit Studenten oder anderen jungen Leuten Gespräche zu führen. Da war ich nicht mehr nur der junge Mensch mit dem braunen Haarbusch, als der ich etwa schon bezeichnet worden war, sondern ich hieß Herr Fugeler oder auch Fugeler kurzweg, je nach der Intimität. Und ich strengte mich an, in meine Arbeit hineinzuwachsen, da ich gern etwas Rechtes darin vorstellen wollte.