Es war, wie man so sagt, ein Knopf gebrochen bei mir, das hing mit dem Besuch insofern zusammen, als ich durch ihn unter die Menschen und mit ihnen in eine Gleichartigkeit gekommen war. Aber es war auch wieder gut, daß er vorüber war, denn ich war doch nicht ganz gleichartig mit den Bitterolfschen, ich mochte mich strecken, wie ich wollte. Sie hatten etwas mitbekommen von klein auf, und es war noch in ihnen großgezogen worden, das ich kaum vom Hörensagen kannte. Das konnte man nicht mehr nachholen. Es war vielleicht ein Erbteil von vielen Vorfahren her, die sich selbst und ihre Kinder geschult und erzogen hatten, daß sie leicht und frei und ohne Mühe sich im Leben bewegen konnten und nirgends anstießen durch Unbehilflichkeit oder Nichtwissen. Auch hatten sie, wie sie sprechen und hören lernten, gleich eine Luft um sich herum gehabt, in der es mit allerlei Geistigem reichlich umging. Vielleicht waren schöne Bilder und Musik, und Frauen in feinen Gewändern um sie her gewesen, und sie hatten kluge Männer von aller Kunst und Weisheit reden hören; das war ihnen alles gewesen wie das tägliche Brot. Mit dem allem war ihnen der Tisch gedeckt von Jugend an, da wuchsen sie heran und wurden Auserwählte und hielten sich auch dafür. Und es war so, daß man vieles erwerben und in manches hineinwachsen konnte, wenn man sich darnach sehnte und alle Kraft anspannte, sie aber waren da von jeher daheim und lebten hochgemut und auch hochmütig, wie es mir schien, und es blieb immer ein Zaun, an dem man sich stoßen konnte, zwischen ihnen und unsereinem. Dann, wenn man sich stieß, sahen sie einander an und lächelten erstaunt oder verzeihend, und man sah, daß sie hinter ihren klugen Stirnen dachten: ach du, du kennst ja unsere Sprache nicht, du bist aus einem andern Land.
Sonst, für dich selbst betrachtet, wärest du ganz recht, aber unsereiner kannst du ja nicht sein.
Solche Gedanken gingen viele mit mir um, als wir wieder wie sonst im Hause Hagenau zusammen lebten.
Aber halt, kam es mir dann: ist nicht Fräulein Brigitte auch eine von derselben Art, klug, vornehm und von reicher Bildung, sicher in sich selber und vor den andern? Ungescheut trägt sie ihre Last auf dem Rücken und hat eine stolze Würde, als wäre sie die aufrechteste Frau. Sie aber zieht keine Grenzen um sich, sondern ist gleich nah und gütig mit allen und auch mit mir. Was also ist besonders an ihr – und wie kommt es, daß man Vertrauen und Verehrung zu gleicher Zeit bei ihr empfindet?
Sie ist eine Persönlichkeit, entschied der Verstand, stolz über die Formel, die er gefunden hatte; eine solche wird nicht geboren, sondern entwickelt sich erst.
Ja, aber wie? Einfach mit dem Alter? Oder durch Leiden, wie bei ihr?
Das blieb immer noch die Frage, die indessen wieder in den Hintergrund trat, weil die Gegenwart fortwährend Neues an den Tag brachte.
Ich war wieder mit dem Blumenmädchen Hertha zusammengekommen, was sich bei unserer nahen Nachbarschaft fast von selber machte und was ich auch wünschte, denn so unbekümmerlich ich auch für gewöhnlich meines Weges ging, so ertrug ich doch nicht leicht das Gefühl, daß irgend jemand mir böse oder von mir beleidigt sei, ich wollte nirgends einen schlechten Eindruck machen. Das hing freilich nicht mit irgendeiner Tugend in mir zusammen, sondern nur mit der Gewöhnung daran, daß jedermann mir wohlgesinnt und zugetan sei, die ich in nichts unterbrochen wissen wollte.
Das gute und natürliche Mädchen machte es mir auch leicht, meine Entschuldigung anzubringen; es genügte ihr, daß ich im Grunde der war, für den sie mich gehalten hatte und mit dem man ein harmloses Wort sprechen konnte, was sie so gern tat, und wozu sie den Tag über bei ihrer etwas griesgrämlichen Frau wenig Gelegenheit hatte.
Eines Abends begegnete sie mir in der Nähe des Kirchhofeingangs, an dem ich zufällig auf einem Spaziergang vorbei kam. Wir waren schon wieder so gute Freunde, daß ich auf ihre Einladung mit ihr hinein ging, da sie, wie sie sagte, den Oberaufseher besuchen wollte, mit dem sie gut bekannt sei. Wir gingen durch die Gräberreihen, zwischen denen wie schwarze Schatten hie und da Trauernde wandelten, nach einer Gegend hin, wo alte Bäume zwischen eingesunkenen Hügeln standen, und wo die Steine verwittert und die Namen fast unleserlich und mit feinem Moos ausgefüllt waren. Es war eine längst verklungene Gesellschaft hier beisammen, es mochte aber nicht mehr viel von den stillen Bewohnern der unterirdischen Kammern übrig sein. Während dort immer noch Trauer und Tränen umgingen, war hier längst Ruhe eingekehrt, und die Vögel bauten ihre Nester an den Sträuchern, die aus den Gebeinen der längst Gewesenen entsprossen waren.