Was er da sagte, erfüllte mich mit Begierde, mehr von den beiden und besonders von Fräulein Brigitte zu hören. Ich mag wohl auch den Zeitler bittend genug angesehen haben, denn er fing nach einigem Zögern wirklich an, einiges aus ihrer Lebensgeschichte mitzuteilen. Woher er sie wußte, verlautete nicht. Ich muß glauben, daß er selber irgendwie an ihr beteiligt oder mindestens Zuschauer gewesen war; er vermied es aber, sich selbst zu nennen. Das sei immer so, sagte Hertha, er rede nie von sich.

Es ist mir aber, als habe er doch von sich geredet ohne Willen, denn er verfiel im währenden Erzählen in eine seltsam reiche und blühende Sprache, die deutlich genug sagte, daß er einmal in einer Welt gelebt habe und sie noch in sich trage, die von seiner jetzigen unterschieden sei in mehr als einer Hinsicht.

Ich meine, ich höre ihn noch; es wird aber wohl bei mir anders herauskommen.

„Dort drüben,“ sagte Zeitler, und deutete nach einem Marmorgrabmal, das zwischen einer Baumgruppe heraussah, „liegt oder lag eine junge, feine Frau, die der Tod an einem einzigen heißen Krankheitstag erwürgt hat. Sie hatte die Augen noch offen, als der Sarg geschlossen wurde, oder vielmehr, sie waren, schon zugedrückt, langsam wieder aufgegangen, und es sah erschütternd aus, wie die erloschenen Sterne unbeweglich nach dem Kinderhäuflein hinschauten, dem sie noch lange hätten scheinen sollen. Das war die Mutter der Geschwister Hagenau. Sie war eine Waldbauerntochter gewesen, gesund, schön, lebensfreudig und heißblütig und dabei reich und von guter Bildung, und hatte dem etwas verbrauchten Hause mit Blut und Geld aufhelfen sollen. Letzteres war geschehen, aber der Reichtum ihres sprühenden Lebens schien ganz und gar der jüngsten Tochter Brigitte aufbehalten gewesen zu sein, während die älteste und der um weniges jüngere Sohn dem Vater nacharteten, der brav, gewissenhaft, gründlich belesen und mit allgemeiner Bildung versehen, aber etwas trocken und unlebendig war. Oder wenigstens so ungefähr wurde er geschildert. Doch soll er an der Frau unendlich gehangen haben und durch ihren Tod ganz gebrochen, und also doch nicht ohne Leidenschaft gewesen sein. Für die Kinder hatte er nach dem Tode der Frau nicht mehr viel Aufmerken. Er veranlaßte ihre Schulbildung, wie es recht und üblich war und nahm eine Hausdame, die für Nahrung und Kleider und für das Hergebrachte an guten Sitten und was man so gemeinhin Erziehung nennt, sorgte, und die er der Bequemlichkeit halber nach einiger Zeit heiratete, ohne daß sie viel für ihn gewesen wäre. Die arme Frau und Mutter hatte allen Grund gehabt, ihr Häuflein mit gebrochenen Augen noch traurig anzusehen, wenn man so sagen darf, denn es war nicht mehr viel Freudigkeit und Kinderglück im Hause. Einzig die jüngste Tochter, die auch im Äußeren das Abbild der Mutter war, schien Sonne und Lebenslust in sich selbst zu tragen und sich ihre Nahrung zu holen, wo man sie ihr nicht anbot. Sie war von jedermann überzeugt, daß er sie liebe und Freude an ihr habe, und dieses glückliche Wissen um sich selbst, ließ sie hinwiederum auch allen Leuten strahlend und wie ein kleines Sönnchen entgegenkommen, dem sich in Wahrheit niemand ganz entziehen konnte. Die beiden andern Kinder wuchsen dagegen als Schattenpflanzen auf; das Mädchen als stille, brave, pflichttreue Schülerin, die ihren Ehrgeiz darein setzte, alle Unterrichtsstoffe gründlich und unvergeßlich in sich aufzunehmen, der Knabe, der vielleicht am meisten von allen die Mutter entbehrte, aber ohne sich dessen bewußt zu sein, als knurriger und verdrießlicher Sohn seines unfrohen Vaters, ohne rechte Blüte lang ins Kraut schießend. Er ärgerte sich selbst und andere bei jeder Gelegenheit, und besonders hatte er es auf die lachende Brigitte abgesehen, deren Liebreiz er verspürte und genoß, ohne es merken zu lassen. Vielmehr stritt und balgte er sich mit der Schwester herum und hatte hunderterlei an ihr auszusetzen, vielleicht nur, um sie in raschem Zorn entflammen zu sehen, worin sie ihm besonders gut gefiel, oder auch, um ihr helles und unwiderstehliches Gelächter zu hören, wenn ihr sein nörgelndes Wesen komisch erschien.

Das ärgerte und entzückte ihn dann zu gleicher Zeit; er ließ aber weder das eine noch das andere merken, sondern tat gleichgültig und als ob es ihm zu wenig wäre, darauf zu horchen. In ihrem zwölften Jahr war Brigitte ein schlank aufgeschossenes Mädchen mit prachtvollen Zöpfen, die sie lang herabhängend trug, und mit einem Ausdruck in dem blühenden Gesichtchen, als ob sie von weitem die vollen Ströme des Lebens rauschen höre und sich anschicke, darauf zuzugehen, um sich darin zu baden. Statt dessen aber wartete ein dunkles Meer der Leiden auf sie, und das Rauschen war ein herannahendes Gewitter, das den vernichtenden Blitz auf sie niedersandte und die Sonne auslöschte, ehe sie noch im Mittag stand.“

Hier unterbrach sich der Zeitler, für einen Augenblick aus der Vergangenheit auftauchend, und merkte selbst, daß er in einer Weise zu uns redete, die wir nicht bei ihm gesucht hätten, und die auch bei ihm selbst zurzeit nicht üblich war. Er nahm eine der Nelken zwischen die Lippen, und es war mir plötzlich, als habe ich ihn nicht im Leben, sondern auf einem Bild so gesehen und wisse nun, wer er sei, es falle mir nur der Name nicht ein.

„Kurzum,“ fuhr er nach einer kleinen Pause fort, als habe er wie ein Maler nach einem andern Pinsel gesucht oder als Musiker eine andere Saite aufgezogen, „die Brigitte erlitt einen schweren Unfall, der sie zu dem verwachsenen Geschöpf machte, das sie jetzt ist, und ihr ganzes Leben umkehrte. Es ist schon lang her, und vielleicht sollte man es jetzt nicht mehr sagen, aber der Kasimir war schuld daran. Es war in einem Nachbargarten. Die Brigitte saß in einer Schaukel, die zwischen zwei Bäumen angebracht war; sie schwang sich leicht spielend hin und her und plauderte daneben mit den Nachbarsmädchen. Da trat der Kasimir hinzu und fing an, die Schaukel zu stoßen, daß sie hoch und immer höher hinausflog. Vielleicht gefiel es ihm, daß die schwarzen Zöpfe so lustig tanzten, vielleicht auch hatte er sein unholdes Vergnügen daran, daß die Brigitte rief: ‚Laß sein, ich will nicht so hoch!‘, kurzum, er stieß mit aller Kraft, daß die Schaukel mit dem schönen Vogel drin an die vollen Kronen der Bäume anstieß und zwischen den Zweigen hindurchrauschte. Das Mädchen wurde blaß und bekam Angst, was sonst nicht in seiner Art lag, und bat flehentlich ums Aufhören, aber der fünfzehnjährige Flegel hatte seiner Lust noch nicht Genüge getan, oder was es war; als die Brigitte außer sich herunterrief: ‚Laß los, oder ich springe heraus!‘, gab er, der es natürlich nicht glaubte, noch einen letzten, wilden Stoß drein, um dann aufzuhören, und in dem Augenblick flog das Mädchen durch die Luft und schlug schwer auf den Boden auf. Die Schaukel aber kam ledig zurück und schwang sich, in den Ringen knarrend, noch eine Weile hin und her, bis einer hinging und sie anhielt.

Da war dann nun eine Zerstörung geschehen, die jedem weh tun mußte, der sie sah. Es wäre fast leichter anzusehen gewesen, wenn das arme, totenblasse Kind, das da im kurzen Grase lag, die Augen nicht mehr aufgemacht hätte. Es wäre dann in aller seiner sonnigen Schönheit dahingegangen, und jedermann hätte es als einen Liebling bei Gott und Menschen in der Erinnerung gehabt. Aber freilich, der Kasimir wäre dann sein Mörder gewesen in aller tapsigen Dummheit, und so konnte man es wieder nicht wünschen, auch wenn es etwas geholfen hätte. Das Leben ging auch, ohne zu fragen, seine eigenen Wege, legte das schöne, unglückliche Geschöpf auf ein jahrelanges schmerzhaftes Siechbett, drohte zuweilen, es nachträglich noch hinweg zu nehmen und ließ es dann zu einem schweren, unbegreiflichen Dasein wieder aufstehen. Die Wirbelsäule war verkrümmt und wurde es immer mehr, und unaufhaltsam sank der schöne, feine Kopf zwischen die Schultern und beugte sich der aufrechte Wuchs, den das heranblühende Kind gehabt hatte. Da war die Brigitte kein Sönnchen mehr, sondern eine arme, leidende Kreatur, von deren tieferen Schmerzen gewiß kaum ein Mensch recht wußte, und die eine Mutter hätte brauchen können, wenn sie, die draußen schlief, irgend zu erwecken gewesen wäre. Denn als das lange Siechtum überstanden war, regten sich von neuem in dem lebensvollen Mädchen die Kräfte des Blutes und der überschwängliche Lebensdrang, den sie von der Mutter ererbt hatte, und der nun in einem verwachsenen Leibe gefangen lag. Die Schwester heiratete in all ihrer dünnblütigen Zahmheit einen Privatdozenten von der Universität, der in früheren Jahren die kleine Brigitte sein Bräutchen geheißen hatte, und dem auch jetzt unglücklicherweise ihr lebenverlangendes Herz mit harten Pulsen entgegenklopfte. Er zog mit der Frau nach dem hohen Norden hin und wurde eine Berühmtheit in seinem Fach, das junge, schmerzlich lebendige Geschöpf aber blieb in dem unfrohen Vaterhause zurück. Die zweite Frau des Vaters war auf einer Erholungsreise in ihre Heimat gestorben und auch dort begraben worden, und es verstand sich von selbst, daß Brigitte die Führung des Haushalts übernahm, der aus dem Vater und dem Unglückswurm Kasimir bestand. Dieser war über den Unfall, den er herbeigeführt hatte, außer sich gewesen, was sich darin zeigte, daß er, wie er ging und stand, von der für sterbend gehaltenen Schwester weg in ein benachbartes wildes Tal lief und sich dort verschiedene Tage und Nächte lang umhertrieb, bis ihn endlich das Verlangen, etwas Näheres zu erfahren, wieder in die Stadt führte, und zwar zuerst auf den Friedhof, wo er sehen wollte, ob sich das Muttergrab geöffnet und über einer neuen Bewohnerin wieder geschlossen habe. Als er nun sah, daß nichts dergleichen erfolgt war, setzte er sich, übermüdet von Angst und Reue und dem ziellosen Umherirren, auf den mütterlichen Hügel nieder und schlief ein, bis er spät am Abend verwirrt emporfuhr, weil jemand seinen Namen gerufen hatte. Es war dies sein Vater, der, gleichfalls aufgestört aus seiner gewöhnlichen Ruhe, heftige Angst um sein Lieblingskind empfand, dem er freilich sein besonderes Wohlgefallen kaum je gezeigt hatte, und der nun fast instinktmäßig den Ruheplatz seines Weibes aufsuchte, um ihr als Mutter zu sagen, daß sie eigentlich jetzt am Platze sein müßte. Als er nun an dieser Stelle den Sohn fand, dem er begreiflicherweise heftig zürnte, und dem er eine gehörige Strafe, er wußte nur noch nicht welche, zugedacht hatte, ging eine seltsame Wandlung mit ihm vor, deren er sich nicht erwehren konnte. Der Missetäter hatte nämlich, vielleicht um bequemer zu ruhen, vielleicht aber auch in einem ausbrechenden Verlangen nach Schutz und Hilfe, mit beiden Armen den aufrechtstehenden Marmorblock umfaßt und den Kopf auf den mütterlichen Namen gelegt, und erschien dem Vater wie ein alttestamentlicher Flüchtling, der zur Sicherung vor seinen Verfolgern in den Tempel eindrang und die Hörner des Altars umklammerte. Auch zeigte sich im Schlaf eine so unverstellte Herzensnot und Bekümmernis auf dem sonst gleichgültigen Gesicht des Sohnes, daß sich der Vater des Erbarmens und der Rührung über das Leiden, das noch größer war als seines, nicht enthalten konnte und den Schlafenden aufweckte, nicht zum Gericht, wie dieser meinen mußte, sondern um ihn ans Herz zu schließen. Das ist freilich nicht buchstäblich zu verstehen, denn Liebkosungen waren in der Familie nicht Sitte und waren bisher nur von dem jetzt verdunkelten Sönnchen ausgegangen, aber dennoch ging von da an ein stilles Einverständnis zwischen Vater und Sohn einher. Für diese beiden war überhaupt das Unglück der armen Brigitte ein freilich noch tiefverschleiertes Glück. Denn die Reue, die der Kasimir, und das Mitleid, das beide empfanden, zwang sie, ihrer kargen Natur einiges an Zartheit, Güte und Fürsorge abzuringen, um der armen Kranken das Leben zu erleichtern, was alles ihnen selber wieder zugute kam. Es geschah aber das Wunderbare, daß das gequälte Geschöpf, die Brigitte, in aller ihrer Leibes- und Seelennot dennoch wieder etwas von dem alten Lachen fand, zuerst nur selten und fast widerwillig, aber später sich selbst unwiderstehlich. Das war, als sie sah, wie die beiden Männer, der alte und der junge, ihre ungeschickten Versuche machten, sie aufzuheitern und das düster gewordene Haus zu erhellen. Es war ihr wie jemandem, der zusieht, wie unerfahrene Hände sich mühen, verquollene Fensterladen aufzumachen, um Licht in einen dunklen Raum zu lassen, und der endlich hingeht, um es selber zu tun, da doch keine Aussicht ist, daß es anders hell werde. Denn die ursprüngliche und gottbegnadete Heiterkeit hatte in der ganzen Familie doch nur Brigitte allein, und es wurde ihr nach und nach klar, daß es alles nichts helfe, sie müsse den verschütteten Quell wieder ausgraben, da sie ohne ihn nicht leben könne, und auch die andern darnach dürsteten. Das ging freilich nicht ohne blutende Hände ab und nicht ohne Verzweiflung am endlichen Gelingen. Es wurde ihr nichts erspart an qualvollem Verlangen nach Glück und vollem Menschenleben, besonders wenn sie andere in aller Ruhe und Gottergebenheit erleben sah, was sie selber, wenn es ihr zuteil geworden wäre, mit Seelenjauchzen und Wonnestürmen in sich ausgetragen hätte.

Doch,“ unterbrach sich Zeitler, „es hat schließlich niemand das Recht, davon zu reden, da sie selber es nicht tat. Wenn sie aber,“ fuhr er fort, „von einem Anlauf nach der festen Burg der Herzensstille und des sich Genügenlassens ermüdet zurücksank, so malte sich ein so ehrlicher und ratloser Kummer in den Gesichtern der Männer, daß sie es nicht mitansehen konnte und sich wieder aufraffte, und wieder, wenn sie ein heiteres Gesicht und einen kleinen Scherz zuwege brachte, so erhellten sich die trockenen und verlegenen Mienen so sehr, daß es ihr ein beständiger Reiz war, die Verwandlung zu sehen und hervorzubringen.

Was aber zuerst nur kraftlose und gequälte Versuche waren, das entwickelte sich im Lauf der Jahre durch ehrliche und anhaltende Übung zu einem lebendigen und ungestörten Besitz, um den sie die meisten Menschen, in deren Dasein es immer glatt und eben zugegangen ist, beneiden könnten, wenn sie dazu die Fähigkeit hätten, ja zu einer Quelle, nach der es verstäubte und müde Wanderer hinzieht und niemals umsonst. Natürlich steckt da noch allerlei darin und dahinter, zu dem, wie zu einer verschlossenen Brunnenstube, sie allein den Schlüssel hat. Doch kann man immerhin an einem frisch und unermüdlich sprudelnden Brunnen merken, wie die aus der Tiefe steigende Quelle beschaffen sein muß.