Der Kasimir hatte schon längst bei sich selber beschlossen, unverheiratet zu bleiben, um der Schwester ein dauerndes Heim bieten zu können. Das hätte unter Umständen ein schweres Opfer sein können, das wohl auch die klare und natürlich empfindende Frau, die Brigitte ist, niemals angenommen hätte. Aber sie sah bald, daß sie dem Bruder mehr geben könne, als er ihr, ja, daß der etwas trocken und karg ausgestattete Mensch nicht so viel mitteilende Lebenskraft habe, daß es um die Ehe, die er hätte führen können, schade gewesen wäre. Sie ließ ihn ruhig gewähren, ohne es ihm auf die Nase zu binden, wie sie die Sache auffaßte, so daß er das erwärmende Gefühl behielt, ihr zur Sühne für einen ungezogenen Augenblick sein ganzes Leben zum Opfer zu bringen, was ihm wohl tat und ihn, wenn er es hie und da bedachte, erhebend anrührte. Oder vielleicht auch noch anrührt,“ schloß der Zeitler, dem es plötzlich einzufallen schien, daß die Personen, die er aus der Vergangenheit heraufgeholt hatte, wo er ihnen irgendwie näher gestanden sein mußte, noch da waren, ja, daß ich begierig Horchender jeden Tag um sie war.

Es war inzwischen fast ganz Nacht geworden, aber nicht eigentlich dunkel, denn am wolkenlosen Himmel waren die Sterne sichtbar geworden und flimmerten wie Fenster, auf denen der Widerschein eines Lichtes liegt; auf dem weiten Gräberfeld webte und rührte sich allerlei, aber es waren nur die Gebüsche, die der leise Nachtwind regte, oder die weichen, langen Zweige der Trauerweiden, die sachte hin und her wogten; Düfte kamen in weichen Wellen heran und umgaben uns, und ich dachte an meine Mutter und daß sie gesagt hatte: Die Toten haben keine andere Sprache, um uns zu sagen: Vergeßt uns nicht, denkt an uns. Aber es war nichts von Grausen dabei, denn es hüllte mich ein großes Wohlsein ein. Ich fühlte eine quellende Liebe im Herzen und wußte nicht, galt sie der siegreichen Brigitte oder dem kleinen Sönnchen, das sie früher gewesen war, oder dem Zeitler, der mir so wunderbar bekannt schien, und der sich selber ganz im Dunkel hielt, wenn er von den andern erzählte. Wer war er denn, wenn man fragen durfte? Aber man durfte nicht fragen, man mußte sich ganz still halten.

Da sagte auf einmal Hertha mit einem kleinen Seufzer: „Ach, daß die arme junge Frau die Augen offen gelassen hat! Aber ich ließe sie auch offen, wenn ich sterben müßte, man dürfte sie mir nicht zudrücken. Ich möchte wissen, ob meine Mutter auch noch nach mir hingesehen hat, wie sie tot gewesen ist. Nein, sie hat es nicht getan, sie hat mich ja schon vorher hergegeben gehabt, mich armes Kind. Wenn ich nicht so vergnügt wäre, so wäre ich gewiß recht traurig; ich habe es aber in mir, daß mich das Leben freut, ich kann nichts dafür.“

Der Zeitler stand auf und führte uns zum Ausgang; es war mir, als sei ich in einer andern Welt gewesen und kehre nun wieder in die vorige zurück. Hertha sagte, als wir vor ihrer Haustür waren: „Ach, es ist schad, daß man die Nächte verschläft, aber es wird so sein müssen, scheint mir. Ich möchte einmal eine Nacht durch laufen und bis in den Morgen hinein, durch den Wald und über einen Berg hinüber, aber nicht allein, es müßte zu zweit sein. Und wenn es hell würde, ständen wir oben auf einem andern Berg und wären froh, daß wir schon auf sind, eh' die Sonne kommt, weil es schad' ist um alles, was schön ist, und man sieht's nicht.“

Da hätte ich doch nicht übel Lust gehabt, sogleich mit ihr fortzuwandern durch schlafende Wälder und an schwatzenden Bächen hin und in den Morgen hinein. Aber sie schlüpfte ins Haus, und ich ging allein vollends in die Stadt hinein, und nach einer Weile hatte ich das Gelüste schon vergessen, denn es war so vieles lebendig in mir an diesem Abend, es war gut, daß ich mit keinem Menschen reden mußte.

*

Einmal, nicht lang nach diesem, kam ein Brief von meiner Schwester Luise, der mir viel zu schaffen machte. Er weckte mich, der ich ganz im Hier und Heute lebte und genug damit zu tun hatte oder es doch meinte, für eine Weile zum Gedenken an eine Welt auf, die mich nur ungern und nach ihrem Dafürhalten nur leihweise hergegeben hatte, die mir aus ihren treuen und stillen Kräften unermüdlich spendete, was ich bedurfte oder auch nur zu bedürfen glaubte und die nichts zum Entgelt wollte, als etwas von mir selbst, ein Zugehören, ein Heimdenken und freilich auch hie und da ein Zeichen davon.

In der Kürze: ich schrieb wenig genug nach Hause; es war mir alles entweder zu groß oder zu klein, als daß ich es hätte mitteilen mögen. Auch war das Schreiben langweilig und jede Stunde sonst besetzt, und so kam es, daß meine Schwestern nur nichtssagende Zettel von mir bekamen. Ich brauchte Wäsche oder Stiefel, oder mußte mir dies und das anschaffen; sie hatten mir einen Kuchen geschickt nach altem Rezept, er war gut gewesen, aber ich stand gut im Futter und sie brauchten mir in Zukunft nichts zum Essen zu schicken; ich machte einen Ausflug und grüßte sie mit einer Ansichtskarte; im übrigen ging es mir gut und ich hoffte es auch von ihnen. Ich dachte, sie seien damit zufrieden, denn ich war es selber auch, und in ihren Briefen stand auch nichts anderes. Nun aber hatte Luise den Plan gefaßt, mich zu besuchen und sich zu dieser Reise, die ein großes Ereignis in ihrem Leben werden konnte, nach und nach ein Sümmchen zurückgelegt. Sie wollte sich ein besseres Kleid dazu anschaffen, ein Reiseköfferchen und dergleichen, und sie gedachte auch, es sich unterwegs einige Tage wohl sein zu lassen und auch mir die oder jene Güte anzutun. Dabei rechnete sie meine Freude, mit der ich sie empfangen würde, mit der ihrigen, mich wiederzusehen, zusammen, und es schien ihr eine Summe, die es wert war, das Ersparte daran zu wenden, besonders wenn sie ihr Verlangen nach einer kleinen Unterbrechung des arbeitsreichen und einfachen Lebens, das sie führte, noch dazu tat. Denn ich hatte die Freude am Schönen und Freien, das es auf der Welt gab, nicht allein gepachtet, es gab noch andere Leute, denen es um ein offenes Fenster nach der Sonnenseite hin zu tun war.