Aber es war ein Strich durch die hübsche Rechnung gemacht worden, denn es war ein Posten für ein Fahrrad eingelaufen, und zwar für ein gutes, da die billigen nichts aushielten. Dafür hätte man einige Reisen machen können, aber es war jetzt nichts zu wollen, das Geld mußte zuerst abbezahlt werden so nach und nach. Denn wer wollte sich einen hübschen Hut kaufen oder einen Schirm, was beides man unterwegs brauchte, an die Reisekosten nicht zu denken, solang eine unbezahlte Rechnung im Hause lag? Also das war nichts gewesen für diesmal; man mußte es auf ein anderes Jahr sparen, es war aber schade, denn es wäre doch an der Zeit gewesen, einander wieder zu sehen. Nicht daß mir das Rad nicht gegönnt war, aber wenn es noch ein bißchen Zeit damit gehabt hätte, so wäre es besser gewesen.

Das alles war so ungefähr aus dem Brief zu lesen, einiges davon ergänzte ich auch in meinen Gedanken, denn ich konnte mir ja deutlich vorstellen, wie alles zu Hause zuging. Ich sah sogar das zinnerne Büchschen von der Mutter her, das Luise in einer Schublade aufbewahrte, und das ihre Extragelder barg. Sie hatte es gewiß oft herausgenommen und die Stücke gezählt, die darin lagen, und hatte dann mit Helene ausgerechnet, was alles zusammen kosten konnte. Nun aber war es leer, und es kam auch so schnell nichts mehr hinein, und das hing mit mir zusammen. Ich ärgerte mich nicht wenig, als ich den Brief las bis zu dieser Stelle, aber ich wußte nicht recht über wen oder was am meisten. Freilich über mich mußte es eigentlich sein, ich war der schuldige Teil, und es half mir nichts, daß Luise mir gar keinen Vorhalt machte, nicht den mindesten. Hätte sie es getan, so hätte sich mein Grimm einigermaßen gegen sie wenden können, denn sie hätte dann unrecht gehabt auf irgend eine Weise. Ich mußte es aber selber tun. Aber wie? Lebte ich etwa in etwas anspruchsvoller als andere junge Leute, die ich kannte, nicht eher im Gegenteil? Und hätte ich nicht studieren können, wenn ich gewollt hätte? Das aber hätte dann noch viel mehr gekostet. Und hatte ich nicht die bestimmte Absicht, später das Rad zu bezahlen? Ich ging um den wahren Kernpunkt der Sache herum, der darin bestand, daß die tüchtigen, liebevollen und guten Schwestern umsonst darnach aussahen, ich möge mein junges Sein und Wesen in etwas mit ihnen teilen, da sie es so unermüdlich nährten und bereicherten mit ihrer Arbeit und Sorge. Vielmehr glaubte ich eine Mahnung zur Dankbarkeit zu verspüren, die mir unleidlich war. Obgleich ich keine Scheu trug, alle Opfer anzunehmen, wollte ich mich doch nicht verpflichtet fühlen, sondern dachte, wenn man dankbar sein müsse, so könne einem schon alles gestohlen werden, und war mir nicht bewußt, daß der Stachel, wider den ich löckte, in meiner eigenen Brust saß, da mich ja sonst niemand angriff. Ich wäre am liebsten auf ein paar Tage heimgefahren, das wäre das einfachste gewesen; doch, begreiflich, gerade das konnte ich nicht tun, denn umgekehrt kostete die Reise auch Geld. Im stillen aber wußte ich: wenn ich gekommen wäre, sie hätten mich dennoch mit Jubel und Jauchzen empfangen, es wäre etwas ganz anderes gewesen.

Als ich den Brief wieder zur Hand nahm, wurde ich inne, daß ich ihn erst zur Hälfte gelesen hatte; es lag ein zweites Blatt dabei, in dem stand geschrieben, daß meine Schwester Helene im Lauf des nächsten oder übernächsten Jahres zu heiraten gedenke, nämlich wenn die Aussteuer beieinander sei. Denn auf Abzahlung wolle sie kein Stück anschaffen. Sie habe einen guten und tüchtigen Verlobten, der ein Schreiner sei und es wohl einmal zum Meister bringen werde. Er sei überaus sparsam und fleißig und fange schon an, in den Abendstunden das eine oder andere Stück für den einstigen Haushalt zu schreinern. Helene bekomme es einmal nicht schlecht; der Bräutigam habe schon gesagt, nach der Hochzeit dürfe sie nicht mehr um Geld nähen, er könne selber eine Frau erhalten, sie müsse dann nur das Haus imstand halten und vielleicht ein Stück Gemüseland, denn er esse gern selbstgepflanzte Bohnen und Erbsen. Freilich, für jetzt nähe sie um so eifriger, sie möchte vier Hände haben, um nur viel fertig zu bringen, denn alles koste Geld, es sei nicht zum Sagen.

Darum wolle auch Luise von jetzt an alles, was mich angehe, allein bestreiten, sie sage es mir im Vertrauen, daß ich mich in allem an sie wenden solle. Helene wolle es nicht, natürlich. Sie sage, es dürfe in nichts anders werden, aber sie werde schon froh sein, wenn ihr Geldlein sich schneller aufrunde, daß der Schatz nicht so gar lang warten müsse. Ich solle mich nichts anfechten lassen, es werde alles recht und gut. Das Bügelgeschäft gehe gut, es sei keine Not. Wenn sie nicht so altväterisch erzogen wäre, so hätte sie die Reise trotz allem gemacht, aber ich wisse ja, wie die Mutter gewesen sei: lieber um und um geflickt, als einen Pfennig Schulden. Von der habe sie es auch, sie könne nichts dafür. Ich solle nur freudig sein in meiner Jugend, es sei gut, daß ich aus dem Engen hinausgekommen sei, sie wollte oft selber auch, sie wäre es. Wenn sie nur wisse, daß es mir gut gehe und daß ich in das Hohe und Feine hineinkomme, so sei es schon recht. Vielleicht wisse ich einmal ein gutes Buch für sie zum Lesen, denn das sei ihre Liebhaberei schon von jeher gewesen, und Sonntags habe sie Zeit dazu. Wenn man doch einen Bruder habe, der mitten in den Büchern sitze, so sei es ja zu machen.

Da war es mir nun leichter und schwerer in einem. Denn Luise war viel zu gut und zu lieb, und man mußte ihr dankbar sein, ob man wollte oder nicht, ja, an ihr hängen von Herzen, so oft sie einem einfiel, was freilich oft lange anstand. Und Helene war Braut und steuerte auf das Frau-Meisterin-sein hin. Aber daneben war da ein Schwager, der ein Schreinergeselle war und von dem ich nichts wußte, als daß er sparsam sei und fleißig. Das war noch lange nichts Besonderes, man konnte daneben unausstehlich sein. Vielleicht hatte er schon einen Pik auf mich, weil ich noch in den Kosten war, was ihn, rund herausgesagt, gar nichts anging. Es war immer so schön gewesen, als die beiden Schwestern miteinander hingelebt hatten und ihnen alles gemeinsam gewesen war. Es kam mich an wie Heimweh, aber nach dem, was sich ändern wollte, nicht nach dem, was neu entstand. Und heimfahren wollte ich jetzt gerade nicht, auch fiel der Brief, den ich schrieb, steif und hölzern aus, weil ich eine Verlegenheit in mir trug. Wenn aber Luise hätte in mir lesen können, was ich eigentlich gern gesagt hätte, sie hätte sich nicht beklagen müssen.

*

Sie beklagte sich auch nicht, sondern im dritten Jahr meiner Lehrzeit, als diese fast zu Ende war, kam sie dennoch angefahren und mit ihr Lotte Meister. Man konnte alles nachholen, was das erstemal gewesen wäre, und besser als damals. Denn ich war mittlerweile ein junger Mann im zweiundzwanzigsten Jahr geworden, der ein sicheres Auftreten hatte und sich in der Gegend auskannte; ich konnte sie herumführen, wo es schön war, und ich konnte ihnen sagen, was sie wissen wollten. Denn sie kamen sich himmelweit von zu Hause vor; es war ein anderes Wasser und andere Berge als bei uns. Die Wälder sahen dunkel in die Stadt herein, aber die Stadt selber war heiter und hell. Doch hatte sie im Innern alte Straßen und Tore, und das Münster war ein Bruder von den unsrigen daheim. Die Leute hatten eine andere Aussprache als bei uns; was vom Land hereinkam, trug eine schöne und ehrenfeste Tracht, und die beiden hatten kein höheres Lob dafür, als daß sie sagten, so habe man es auf der Alb auch, wenigstens nicht viel anders. Sie schauten alles genau und ausführlich an, denn sie mußten nachher davon zehren und daheim davon erzählen können; sie sahen in fünf Tagen mehr als ich in drei Jahren; sie waren ruhigen und gesammelten Gemütes und machten die Tore weit auf, um alles hereinzulassen. Da ging mir selber manches erst auf, als ich es ihnen zeigte, ich wunderte mich, wo ich meine Augen gehabt hatte, aber ich ließ es nicht merken, sondern tat mit allem vertraut. Es waren zwei stattliche, tüchtige Frauenwesen; Lotte war immer noch schön, obgleich das Leben nicht oben über sie hinwegging. Sie hatte ihr kluges und heiteres Gesicht behalten, wenn auch kleine Fältchen dazwischen hinliefen; ihre Zöpfe lagen groß und schwer am Hinterkopf, und daß die Gestalt etwas an Fülle gewonnen hatte, paßte ganz gut zu ihr. Luise hatte ich eigentlich größer in der Erinnerung gehabt, das machte, daß sie ein wenig in die Breite ging, da sah sie kürzer aus. Auch gefiel mir an ihrem Anzug einiges nicht so recht, ich meinte fast, sie sei in der losen, kurzärmeligen Bügelbluse hübscher gewesen als in dem fest anliegenden und verzierten Kleid, das gut und neu und auch modisch war, ich war es nur nicht an ihr gewöhnt, und es schien ihr auch nicht ganz behaglich darin zu sein. Aber wenn sie den Hut abnahm, sah man das glatte blonde Haar um ihr gutes, großes Gesicht herum; sie trug es immer noch in einem Kranz aufgesteckt, und ihre blauen Augen waren so treu; sie brauchte gar nichts zu reden, so wußte man dennoch, wie endlos gut sie es meinte. Aber sie sagte es auch, wenngleich mit andern Worten.

„Sag mir alles, was dich angeht, Ludwig,“ bat sie, „du bist mir doch wichtiger als die ganze Stadt. Wir sind keine Briefschreiber, einmal du nicht; ich verlang's auch nicht, der Mensch kann nicht aus seiner Haut heraus. Aber das weißt du doch, daß wir daheim davon leben, wie dir's geht und was aus dir wird. Und überhaupt. Du bist doch unser Einziges. Darum bin ich doch gekommen, ich hätte ja auch sonstwohin reisen können.“

Das hätte sie aber nicht sagen sollen, denn es drückte mich. Man mußte mir nicht nachlaufen; es würgte mich im Hals, daß sie so liebreich mit mir redete. Geschwister mußten es einander nicht sagen, wenn sie einander gern hatten. Ich hatte sie auch gern, aber ich sagte es nicht, sonst spürte ich das Gegenteil in mir. Alles, nur nicht an der Kette sein, und wäre sie noch so zart und fein gesponnen. Ich schwieg und machte ein störrisches Gesicht. Aber Lotte Meister brach meinen Bock; sie scheute sich nicht, sie hatte noch immer ein Recht an mich gehabt, und sie durfte auch reden, denn sie brachte mir keine Opfer das ganze Jahr hindurch, sie stand frei vor mir und ich vor ihr. Sie nahm mich gehörig her, sie fand eine Gelegenheit unter vier Augen.

„Ludwig, Ludwig,“ sagte sie, „lauf die Welt aus und ein, du findest keine solche Treue mehr. Du hast Hörner aufgesetzt und mußt sie dir verstoßen, denk' an mich; es kann einmal weh tun, wenn du zu dir kommst und merkst, was du dir selber verhunzt hast. Ich seh' dich wie in einem Spiegel, du brauchst gar nichts zu sagen. Du nimmst es den Mädchen übel, daß sie für dich schaffen und daß sie arm und einfach sind; du willst hoch hinaus und willst niemand etwas zu danken haben dabei, und bist dennoch ein Genießer, der sich nichts versagen kann. Ich könnte dir noch vieles sagen, aber du verstehst es nicht, du hast noch Scheuleder auf, die müssen dir zuerst herunterfallen, vorher hilft das Reden nichts. Ich meine dir's gut: vergiß nicht, woher du kommen bist, und daß du ein goldenes Kleinödlein daheim hast.“