Zuerst dachte ich patzig: Was habe ich denn getan? Was tu' ich denn Unrechtes? Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es bös ausgefallen. Aber Lotte sah wieder einmal aus wie die Germania auf dem Kriegerdenkmal; ich war ein kleiner Bub ihr gegenüber. Und doch brach dabei ein so heller und wahrhaftiger Strahl aus ihrem Gesicht und Wesen, der klopfte bei mir an, daß ich auftun mußte. Sie wartete auch zum Glück auf keine Antwort, sondern fing an, kleine Dinge von daheim zu erzählen. Daß ihre alte Mutter das Nervenzittern noch verloren habe, es sei wie ein Wunder, sie sei fast wieder jung; daß das lustige Mädchen Hermine seinem Feldwebel angetraut sei, und daß ihre, Lottens, Kinder wie die Tännlein heranwachsen, es sei schade, wenn ich sie nicht sehe, sie seien im nettsten Alter.
„Da sind sie, glaub' ich, schon lang drin,“ sagte ich und lachte. Da lachte sie auch, und als Luise zu uns trat, waren wir in einer Fröhlichkeit, an der sie unverzüglich teilnahm, denn sie spürte freudig, daß ein Riegel aufgegangen sei.
Ich hatte denn auch, angestoßen wie ich war, vieles mitzuteilen, das mir die beiden Getreuen begierig abnahmen; ich hätte noch mehr haben können, es wäre ihnen nicht zu viel gewesen.
Im vorigen Winter hatte ich Kolleg gehört bei einem Geschichtsprofessor. Es war ein Prachtsmensch mit einem silbernen Bart. Man meinte, er sei dabeigewesen, als Napoleon seinen Leuten unter den ägyptischen Pyramiden sagte: „Jahrtausende schauen auf euch hernieder.“ Manchmal schloß er die Augen, wenn er redete, und manchmal griff er mit der gespreizten Hand in die Luft, da holte er sein Wissen her, es stand in Fülle um ihn herum. Er kannte mich; er hatte zu Herrn Hagenau gesagt, ich hätte Augen gemacht wie ein hungriger Hund. Wenn er in den Laden kam, sagte er: „Mein lieber Fugeler.“
Literaturvorträge hörte ich auch. Und ich las viel, aber davon war nicht anzufangen; es gehörte zum Beruf und zur allgemeinen Bildung. Man konnte ein Buchhändler sein so oder so, ich hatte aber im Sinn, etwas Rechtes zu erreichen. Ich sprach mit ernsthafter Wichtigkeit, und die beiden Frauen hörten mir mit Andacht zu, Lotte aber mit einem leisen Zweifel, ob man der Sache in allem richtig trauen könne; wenn ja, dann wollte sie mir gern mit Achtung begegnen. Sie hatte mich abgekanzelt, aber sie war ja dennoch froh, wenn etwas Rechtes mit mir los war, denn sie hatte mich gern, und sie gönnte es den Schwestern, wenn sie mit mir zu Ehren kamen.
Luise saß still und freudig dabei. Wenn ihr etwas das Herz regte, so nannte sie den Mutternamen. „Das möchte die Mutter freuen,“ sagte sie, als ich preisgab, man lasse mich im Hause Hagenau etwas gelten und habe mich ersichtlich gern. Auch sei die Kundschaft im Laden mir zugetan. Herr Kasimir hatte vor kurzem gesagt, ich solle nach der Lehrzeit noch ein Jahr im Hause bleiben und dann mich in der Welt umsehen, er wisse mir schon Plätze. Nachher sehe man wieder. Das schwellte mich, ich sah einen gesicherten Weg vor mir, und außerdem tat es meiner jungen Selbstherrlichkeit gut, daß der schweigsame und zugeknöpfte Herr auf einmal anfing, mit mir ins Benehmen zu treten. Er sprach über das und das mit mir, gab mir Briefe zu schreiben und Bücher zu lesen, lobte oder kritisierte, was ich tat und ließ hie und da unverhofft bei Tisch oder sonstwo die Blicke auf mir liegen, als ob ich ihm zu denken gebe.
Ich dachte zufrieden, es seien ihm die Augen über mich aufgegangen und er fange an zu merken, daß er gut mit mir fahre. Auch sei er längst nicht so trocken, wie man von weitem meine, sondern ein feiner und zurückhaltender Mensch, der sich seine Leute zuerst ansehe, ehe er sich mit ihnen gemein mache.
Das alles ließ ich vor den beiden spielen, fing aber unversehens einen Augenwink von Lotte Meister auf, der sagte: Ach du, ich seh' dich ja durch und durch, mach' mir nichts weis. Es lag ein bißchen gutmütiger Spott darin bei aller Freundschaft, das stach und streichelte mich zu gleicher Zeit.
Luise aber sah in die Zukunft hinein wie in einen goldenen Becher, denn ich kam immer mehr aus ihren Sorgen, und man sah, daß kein Grund vorhanden war, über mich zu kümmern, denn ich wurde recht, man konnte mich ruhig laufen lassen. Sie war es nicht gewöhnt, sorgenfrei zu sein, sie hatte seinerzeit von der Mutter ein Bündel übernommen und es bis hieher getragen, nun lachte etwas im Grund ihres Herzens: es ist dann nicht so, daß ich nicht auch lustig sein kann, wenn die Zeiten darnach sind. Nur her mit den guten Zeiten, ich habe schon lang auf sie gewartet. Sie fing an auszuladen, was sie von daheim wußte.
Helene wäre gern mitgekommen, aber es mußte ihr ums Geld sein. Der Schwager Schreiner hatte große Rosinen im Sack; nämlich es war eine Schreinerei feil, ein altes Lottergestell von einem Haus freilich, aber nicht teuer und mit einer Kundschaft darauf, die nicht zu verachten war. Sie wollten noch ein Jahr mit der Hochzeit warten und zusammenlegen, was jedes verdiente, dann war dem schweren Anfang schon etwas abgebrochen. Vielleicht zog Luise mit und mietete den unteren Stock für ihre Bügelei, es half den Schreinersleuten auf, man konnte gemeinsame Haushaltung machen und beisammen bleiben. Sie zog ein Bild des Brautpaars aus dem Ledertäschchen, das sie am Arm trug. Helene war schmal und fein und hatte ein zartes Gesicht mit einem lieben, aber etwas müden Ausdruck. Das sei immer so bei den Bräuten, die lange warten müssen, erklärte Luise, es sei begreiflich und habe gute Gründe. Sie sei aber gesund und munter, nur schaffe sie zu viel; es sei gut, wenn das später anders komme. Im Haus herum schaffen sei gesünder als das ewige Sitzen bis spät in die Nacht hinein.