Der Schreiner stand hinter ihr mit gezwirbeltem Schnurrbart und mit Besitzermiene. Ich konnte ihn nicht leiden, seit ich von seinem Vorhandensein wußte, und als ich ihn sah, noch weniger. Es ging etwas Feindliches von ihm aus, das aber mich allein anging, sonst mochte er ein guter Kerl sein, und er war auch ansehnlich von Gestalt und stand stramm und aufrecht da wie ein Feldwebel in Zivil. Ich durfte nicht sagen, was mir durch den Kopf ging, es war aber oft so bei mir.
Luise sagte noch zu seiner Empfehlung, daß er Zither spiele und nie ins Wirtshaus gehe und auch nicht rauche. Da war mir eines so verhaßt wie das andere, denn man sah an allem, daß er ein Leimsieder war und sich etwas darauf einbildete, daß er sparsam und fleißig sei. Mit solchen Leuten maß ich mich von vornherein nicht, denn es gab höhere Eigenschaften, man sprach aber nicht davon.
Es lauerte in der Zukunft eine unangenehme Begegnung mit ihm auf mich, das spürte ich sogleich, aber ich ließ mir nichts gefallen und sah schon dem Bild kalt in die Augen. Helene aber nahm ich aus; sie tat mir leid, weil sie dazwischen stehen mußte, es war aber so der Lauf der Welt.
Von dem allem wußte Luise nichts. Sie war voller Lobpreis über eine Begegnung mit Fräulein Brigitte, die sie soeben gehabt hatte. „Sie wär's allein schon wert, daß man hierher reiste, so gibt's nicht viele Leute. Du hast nie geschrieben, wie sie ist, Ludwig. Wie eine Schwester mit unsereinem, oder wie eine Mutter. Auf hundert Schritt sieht man, was das für ein Mensch ist, lauter Güte bis auf den Grund. Man sagt sonst den Krummen nichts Gutes nach. Je krümmer, desto schlimmer, heißt's im Sprichwort. Aber die ist über ihren Berg hinübergestiegen, mag sie's gemacht haben, wie sie will, es mag nicht leicht gewesen sein.“
Da ließ ich meine Wissenschaft auffahren, die ich von dem Zeitler hatte; denn es sollte niemand meinen, daß man mir erst den Star stechen müsse, was Fräulein Brigitte betraf. Man konnte nicht alles heimschreiben, es war besser, auch noch etwas zum Reden aufzuheben, und ich kannte sie genauer als die meisten Menschen, ich hatte es aber seither für mich behalten.
Lotte Meister saß dabei und dachte sich ihr Teil, man konnte es ihr ansehen, sie hatte nichts zu verstecken in ihrem offenen Gesicht. Sie wußte auch, wie es war, wenn man über Berge hinübersteigen muß, sie hatte es erlebt. Und sie dachte, für mich könne es vielleicht noch kommen, bis jetzt wisse ich alles nur vom Hörensagen. Aber sie hatte es doch anders als Fräulein Brigitte. Denn diese mußte ihre Last lebenslänglich mit sich herumtragen, aber Lotte war aus der Trübsal hervorgegangen wie aus einem Bad: gesund an Leib und Seele, stark und aufrecht wie ein Baum, und war eine Kindermutter, während die andere mit leeren Händen im Leben stand und nur einen geheimnisvollen Schatz mit sich herumtrug, dessen Widerschein aus ihren Augen glänzte.
*
Als ich meine beiden Besucherinnen nun an die Bahn geleitete, stand ich mit zufriedenen Sinnen bei ihnen, weil sie einen so guten Eindruck von mir hinwegnahmen. Ich sah sie schon heimkommen, ihre kleinen Geschenke austeilen, die sie hier am Orte mit Bedacht ausgewählt hatten, die Reisekleider versorgen und in die alltäglichen schlüpfen, und hörte sie erzählen, wie schön die Gegend und die Stadt sei, in der ich lebe, wie ich bei rechten und guten Leuten sei, die mich gern hätten und etwas auf mich hielten, wie ich als einziger Junger unter lauter älteren Herren mich munter und als einer, der sich zu regen wisse, bewege, und so mehr, was ich mir alles in Gedanken zugute schrieb. Ja, jeden schönen Platz, den ich ihnen gezeigt, die Aussicht, die wir vom Berge herab auf das Flußtal, auf die Stadt mit ihren vielen Türmen und das von leichtem Dunst umwallte Gebirge gehabt hatten, die Fröhlichkeit, in der wir beisammen gewesen waren, sah ich als eine Art Gastgeschenk an, das sie von mir empfangen hatten, und ich fühlte mich reich und froh, daß alles gut ausgefallen war, so daß ich mit gehobenem Mut von einer zur andern schaute. Denn ich mochte gern in gutem Andenken zurückbleiben, aber mitzufahren verlangte es mich nicht, wir hatten doch verschiedene Arten, zu leben. Da, als wir so standen und auf den Zug warteten, kam auf einmal der Zeitler gegangen, wie ich nach Herthas Beispiel den Oberaufseher des Friedhofs nannte. Er ging mit einem kurzen Gruß vorüber, kehrte aber noch einmal um, da ihm, wie er sagte, noch rechtzeitig eingefallen sei, daß dies die Meinigen sein werden, von deren baldiger Ankunft ich ihm schon erzählt hatte. Denn jener abendliche Besuch mit Hertha war nicht der einzige geblieben, den ich ihm machte inmitten seiner stillen Gesellschaft. Ich hatte ihn aber immer nur in der losen Joppe mit Hirschhornknöpfen gesehen, die er im Dienst trug, und in der Mütze mit dem Abzeichen seines Berufs, nun trug er, da er eine kleine Reise vorhatte, einen dunklen Anzug nach feinem, aber älterem Zuschnitt und einen weichen, breitrandigen Filzhut und sah sehr verändert aus, so daß ich ihn erstaunt betrachtete. Zum Staunen war es mir aber auch, mit welch ritterlicher und herzlicher Höflichkeit er die beiden Frauen begrüßte und mit ihnen redete ein paar Minuten lang, so daß diese ganz erwärmt zurückblieben und sich wunderten, was das für ein Freund von mir sei, denn als einen solchen gab ich ihn in der Geschwindigkeit aus.
Als der Zeitler weggegangen war, sagte Luise zu Lotte Meister: „Es ist schade, daß der Ludwig es sich nicht mehr denken kann: der Mann sieht doch ganz und gar dem alten Stadtpfarrer Möbius gleich.“ Und sie erzählte eine Geschichte davon, daß dieser heimatliche Geistliche, den man im Gegensatz zu jüngeren Kollegen nur den alten Herrn genannt habe, als letzte Amtshandlung meine Taufe und zwar am Bett meines kranken Vaters vorgenommen habe. Als nun der geistliche Herr mit den netzenden Fingern meine kleine Stirn berührt habe, sei es ihm aufgefallen, wie ich ihn mit großen, offenen Augen betrachtet und plötzlich das Gesicht zu einem Lächeln verzogen habe. Er sei, dies ansehend, leicht erblaßt, wie einer, der eine Erschütterung im Innern verspürt und habe nach einer fast unmerklichen Pause seine Amtshandlung fortgesetzt, aber nachher zu meiner Mutter gesagt, die mich im Arm hielt, es sei ihm gewesen, wie wenn ich kleines Seelchen eine Botschaft an ihn hätte aus dem Lande, von dem ich herkomme. Das habe ja aber freilich jedes Kind, wenn man recht in die unschuldige Tiefe seiner Augen zu versinken wisse, indessen sei es ihm heute besonders aufgefallen. Meine Mutter habe zu diesem nicht recht etwas zu sagen gewußt; der alte Herr sei aber am Abend desselben Tages an einem Schlaganfall gestorben und habe es also wohl schon vorher in sich gehabt. Ich tat nicht viel dergleichen, als ob mich die Geschichte aus meiner frühesten Kindheit interessiere, im stillen aber war es mir, als habe ich noch eine Erinnerung an das alte Gesicht, das sich über mich geneigt habe, und es fiel mir wieder ein, wie es mir mit dem Zeitler beim ersten Sehen gegangen war. Doch konnte das ja freilich nicht sein, wie ich mir sagte, da ja die menschliche Erinnerung so weit nicht zurückreicht. Ich blieb aber doch in wunderlich aufgerührter Stimmung stehen, und sah mich, als ich allein durch die Straßen ging, als kleines Kindlein auf dem Arm meiner Mutter liegen und dem alten Herrn mit großen Augen entgegenlächeln. Was für eine Botschaft konnte er aber empfangen, und was konnte ich neugeborenes Wesen ihm zu sagen gehabt haben? Aus welchem Lande war ich gekommen? Doch aus dem Leibe meiner Mutter, die mich zärtlich und traulich bei sich gehabt hatte, bis ich groß genug war, um ein eigenes Leben zu führen?
Es überlief mich eine weiche und dunkle Woge, als ich so meines Ursprungs gedachte, den der alte Herr mit ahnendem Sinn noch von weiter her geleitet hatte. Vielleicht hatte er eine Stimme vernommen, die zu den Alten und Jungen sprach: „Kommet wieder, Menschenkinder,“ und die ihn nun beim Namen rief. Ich wußte es nicht und besann mich auch nicht weiter darüber, da ich ja, fern vom Anfang und vom Ende, mitten im Leben stand, aber ich spürte den Zusammenhang mit beiden auf eine kurze Weile, wie wohl ein Wanderer, der an einer Brunnenstube vorbeikommt, sein Ohr einen Augenblick an die Tür legt und die unterirdischen Wasser brausen hört, dann aber wieder weiter geht, weil genug fröhliche Bäche am Tageslicht springen.