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Wenn ich gerade einen derartigen Vergleich brauchen will, so war das Blumenmädchen Hertha ein solches Bächlein, das über allerlei Steine hinrieselte seinem freudigen Lebensgesetz nach und mit klarem Wasser, soviel auch Gelegenheit zur Trübung um den Weg gewesen wäre. Was mich betrifft, so war ich nicht schuldig, daß das hübsche und gute Mädchen so herzlich und traulich wie ein Nachbarskind mit mir verkehrte. Denn ich hätte es wohl nicht schwer genommen, eine Liebelei mit ihr anzufangen, da ja andere auch dergleichen taten und sie mir wohlgefiel in ihrer unverstellten und heiteren Natürlichkeit. Ich machte ein paarmal Abendspaziergänge mit ihr, wenn ich nichts anderes vorhatte und es mich darnach gelüstete. Sie konnte tun, was sie wollte, denn sie stand allein in der Stadt und hatte niemand, der auf sie achtete, wenn es nicht in gewissem Sinn der Zeitler tat. Sie tat es aber selbst, und das war es, was mich wunderlich an sie knüpfte. Es war an einem Frühlingsabend gewesen. Wir hatten uns ausruhend auf eine Bank gesetzt, und das Mädchen hatte begonnen, mit halber Stimme ein Volksliedchen zu singen. Da war es mich, als ich ihre schlanke Gestalt und ihr helles, hübsches Gesicht so neben mir sah, angekommen, ein wenig zärtlich mit ihr zu sein, und ich fing an, da ich keine Übung darin hatte, halb zutäppisch und halb verlegen mit den Löckchen an ihrem Nacken zu spielen. Sie litt es auch schweigend und wie in einem kleinen Wohlsein, aber als ich dadurch ermutigt, den ganzen Kopf zu mir herüberbiegen wollte, sah sie mir ernsthaft in die Augen und sagte: „Nein, das mußt du nicht tun, Ludwig. Sieh', ich will dir etwas sagen, das habe ich schon lang im Sinn. Ich könnte dein Schatz sein, das wäre leicht zu machen, denn man kann etwas mit dir anfangen, du bist leicht zu bewegen. Aber ich will es doch nicht sein. Ich habe mir vorgenommen, daß ich einen Schatz haben will, der mich heiratet, und ein solcher bist du nicht. Du nimmst eine Feine und Vornehme, ich weiß es für sicher, und wenn es eine Rechte ist und die gut zu dir paßt, so ist es mir auch recht. Ich hab' dich gern, ich muß es grad sagen, von allem Anfang an, seit ich dich gesehen habe. Ich kenne dich auch gut, denn du bist leicht zu kennen, und ich bin nicht dumm. Du kommst von einfachen Leuten her, das hast du noch an dir, du mußt nicht meinen, du müssest es verstecken, ein mancher wär' froh, er wäre her wo du bist. Gescheit bist du auch und hast viel gelernt und lernst immer noch mehr dazu. Du wirst ein Herr und vergissest mich, und das muß alles so sein. Aber wenn wir jetzt mit Küssen und Lieben eine schöne Zeit hätten, so ließe ich dich nicht mehr leicht fahren. Ach Gott, so ist es vielleicht meiner Mutter gegangen. Vielleicht hat sie einen schönen und feinen Schatz gehabt und hat nicht mehr aufhören können. Ich habe oft dran denken müssen. Ich muß oft die Leute ansehen, ob nicht vielleicht mein Vater unter ihnen herumlaufe, der schönste und nobelste könnte es sein. Ich bin ein armes Kind, es nimmt mich wunder, daß ich so recht geworden bin, es dünkt mich, ich habe selber Respekt vor mir.“

Aber als sie das gesagt hatte, liefen ihr auf einmal die Tränen übers Gesicht. Sie wischte sie aber mit den Händen weg und schlenkerte die Tropfen von sich, es kam gleich wieder ein Lachen hintendrein.

Ich aber saß dabei und hätte sie gern in den Arm genommen und geküßt, sie war mir noch viel lieber als vorher, denn da war es nur eine Spielerei gewesen, jetzt aber dünkte sie mich auf einmal etwas Köstliches zu sein, hold und zärtlich und wie vom Himmel gefallen. Aber ich durfte sie mit keinem Finger anrühren, sie war um und um zu respektieren. Und einiges stach mich aber auch an ihrer Rede, denn sie tat, als wisse sie in allem von mir Bescheid und könne über mich hinweg beschließen, was mit mir sei, ich konnte aber nichts darauf entgegnen, sie hatte das Oberwasser in unsrer ganzen Sache. Da streckte sie mir auf einmal die Hand her und sagte: „Wir wollen gut Kamerad miteinander sein, so lang wir können. Vielleicht heirate ich einmal einen Gärtner; er führe gut mit mir, denn ich könnte ihm das Geschäft in die Höhe bringen, ich verstehe meine Sache. Ich habe mir's vorgenommen, ein rechter Mann soll es gut haben bei mir, ich wollte, ich hätte ihn schon. Der Zeitler hat gut reden vom Ledigsein, für mich ist es nichts. Ich muß Kinder haben und einen Mann. Dann, wenn ich eine Gärtnersfrau bin, kaufst du einen Rosenstock bei mir für deine Frau Liebste. Du kannst es ihr kecklich sagen, daß du mich schon ledig gekannt habest; es ist keine Schande. Du kannst es aber auch bleiben lassen, kurz und gut. Ich wollte, du wärest selber der Gärtner, das müßte ein Leben sein. Aber du bist es nicht, das ist aus und vorbei; du solltest mein Bruder sein, das wäre das beste.“

Als sie das gesagt hatte, gab sie mir plötzlich einen Kuß und stand auf, weil es anfing, dunkel zu werden. Ich hätte ihr gern auch einen oder etliche gegeben, aber im währenden Reden war es mir klar geworden, daß sie recht habe und daß ich es nicht dürfe. Sie durfte es wohl, es war ein- für allemal gewesen, das spürte ich.

Wir gingen schnell bis in die Stadt, da trennten wir uns. Dann gingen wir vier Wochen lang nicht mehr spazieren.

Aber das lag nun eine Zeitlang zurück, und jetzt waren wir im Zug miteinander wie gute alte Bekannte. Manchmal sahen wir uns oft und manchmal selten, aber wenn es geschah, dann war es immer so, daß mich eine Lust nach der Traulichkeit und Einfachheit meiner Kinderheimat anwandelte, von der ich auch bei dem guten Mädchen etwas fand, wenngleich sich in ihre lautere Fröhlichkeit manchmal ein wenig Wehmut mischte, die ich hinnahm, ohne ihrem Grund nachzufragen.

Hertha sagte, als sie meine Schwester gesehen hatte: „Jetzt weiß ich erst, was mir fehlt von klein auf. Ich möchte von deiner Mutter träumen heute nacht. Sie müßte mich zum Kind annehmen und Luise müßte meine Schwester sein. Wenn ich mir's nur getraut hätte, ich hätte ihr einen Kuß gegeben oder einen Blumenstrauß. Ach Gott, es gibt Menschen, die wachsen in einem Paradiesgärtlein auf und wissen's nicht; mich hat meine Mutter auf einen Steinhaufen gesetzt: Da wachse daher, wenn du kannst.“

Dabei sah sie mich zornig und zärtlich an, aber die Zärtlichkeit galt nicht mir, sondern meiner Jugendheimat. Einmal erfuhr ich, daß Herthas Mutter vom Lande gewesen und noch jung, nachdem sie das Kind irgendwo in Pflege gegeben habe, in einer großen Stadt an einer Zehrkrankheit gestorben sei. Da ging nun vielleicht in dem lieben Mädchen eine rechtschaffene bäuerliche Urahne um, die pflanzen und schaffen und in Ehren sein wollte, und aber auch ein Großvater, der Freude am Schönen und Ernsten gehabt hatte, eine Mutter voller Lebensdrang und ein Vater von leichtsinnig spielerischer Anmut. Sie hatte von allen das beste bekommen, und es blühte aus ihr heraus zum Zeichen, daß die Natur Wunder genug hat, und wenn sie will, einen Dornbusch in der Wildnis mit tausend Blüten bedecken, einen Rosenstock im Garten aber kränkeln lassen kann.