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Herr Kasimir hatte seit einiger Zeit etwas Munteres und Aufgewachtes an sich, das ihn plötzlich viel jünger erscheinen ließ als sonst. Er schaffte sich einen Hund an, mit dem er weite Spaziergänge machte und mit dem er sich zuweilen eifrig unterhielt. Er gewöhnte das Tier durch Pfeifen und Locken, Befehle und Zurufe an sich, brachte es aber nicht so weit, daß es ihn unbedingt als Herrn respektierte, was ihm manchen Ärger bereitete. Es war ein ungewöhnlich schöner Spätsommer, und jedermann suchte ihn zu genießen, so gut er konnte, Herr Kasimir aber flog aus wie ein Falter, der eine Ahnung hat, daß seine Zeit kurz ist. Er kam zu allerlei Zeiten durch den Laden gegangen mit straffen Schritten, seinen hellen Panamahut auf dem Kopf und den Hund hinter sich drein. Dann hörte man ihn eilig die Straße hinuntergehen, irgendwohin ins Freie. Es gab ein Sommertheater, und es gab Gartenkonzerte, und als die Trauben reiften, gab es Herbstfeste und Suserfahrten an den Kaiserstuhl und ins Markgräfler Land. Und überall war mein Herr Kasimir dabei, ich hatte ihn entweder noch nie gekannt, oder ich kannte ihn jetzt nicht mehr. Mit mir war er in einer neuen Art vertraut, nicht mehr so väterlich oder gönnerhaft wie die Zeit vorher, sondern fast kameradschaftlich munter; er klopfte mir etwa auf die Achsel oder blinzelte mir vergnügt und pfiffig zu, als ob er sagen wollte: „Ja, nicht wahr, wir Jungen, wir schaffen es schon,“ oder dergleichen. Ich wußte nicht recht, was ich mit dieser seiner neuen Natur anfangen sollte; er führte vielleicht etwas Besonderes mit mir im Schilde, oder er war im Schlaf gelegen seither und hatte jetzt plötzlich die Augen aufgemacht, denn das schöne Wetter allein konnte den Umschwung nicht vollbringen.

Da hörte ich eines Tages einen der Gehilfen zum Buchhalter sagen: „Es hat ihn wieder einmal,“ und als ich die Ohren spitzte, erfuhr ich, daß der trockene und scheinbar ausgemergelte Herr von einer Liebesflamme entzündet sei, wie ihm das in längeren Zeiträumen regelmäßig widerfahre, und die allemal so lange brenne, bis der mäßige Vorrat an Lebensöl in ihm erschöpft sei. Dann sinke der angekohlte Docht in seine vorige Trockenheit zusammen, und Herr Kasimir sei wieder der nüchterne und übrigens gescheite und tüchtige Geschäftsmann, als den man ihn im allgemeinen kenne.

Sie wußten nicht, daß ich, im Nebenraum auf einer hohen Leiter stehend, ihr Gespräch mitanhörte, und setzten es fort, indem sie über sein Benehmen gegen mich sich aufhielten. Man merke schon, wo es hinaus wolle, es sei nicht das erstemal, daß er einen jungen Fant heranziehe, der dann entweder mißrate oder ihm sonst durch die Latten gehe. Mit mir nun sei es ein Getue, als ob er mich selbst erzeugt hätte, was freilich dem Alten passen könnte, der es ja soweit nicht gebracht habe. Ausgeschlossen sei es nicht, daß ich mich dauernd ins Haus schlachten lasse, denn ich sei eitel und ein Streber und dazu arm, es könnte mir passen, mich eines Tages in eine Goldgrube, und die dazu ein vornehmes Ansehen genieße, hineinzusetzen. Man sei aber dann auch noch da, und so weiter. Ich hörte begierig zu mit wechselnden Gefühlen, bis mir unversehens ein Buch aus der Hand fiel und sein Gepolter die beiden schwatzenden Hausgeister erschreckt verstummen ließ, was ich ihnen gönnen mochte. Ich ließ sie aber im Zweifel, ob ich etwas gehört habe, und fuhr in meiner Arbeit des Einordnens einer Sendung fort, freilich nur zum Schein, denn es ging mir genug Neues durch den Kopf, und ich hatte nur zu tun, es alles an seinen Platz zu stellen. Es war aber bald geschehen, denn ich hatte Übung in Zukunftsplänen, und als es Zeit zum Essen war, stieg ich die Treppe zum oberen Stock empor als der zukünftige Inhaber der Firma; es mußte mir aber einiges umgebaut und verschönert werden an dem alten Hause, schon meiner Frau zulieb, die es prächtig gewöhnt war.

Herrn Kasimir sah ich mit neugierigen Augen an, wie ich ihm am Tisch gegenübersaß. Man konnte ihm ein Vergnügen gönnen, das ohnehin kurz währte, da der Gegenstand seines späten Feuers nur für einige Wochen in der Stadt war und bald wieder in die Pfalz reiste, woher sie, eine lustige und feurige Dame in mittleren Jahren, auf Besuch gekommen war. Dann mußte er wieder bescheiden zurücktreten und anderen Platz machen, die jung und mit allen Lebensrechten neben ihm daherwuchsen, und eigentlich konnte er einem leid tun. Fräulein Brigitte saß in ihrer schönen, gelassenen Würde da und war ihm weit über, er aber griff nach geschehener Sättigung nach dem Hut und flog auf, und das setzte er noch eine Zeit hindurch fort. Ich sah ihn an einem abendlichen Gartenfest, an dem ich auch teilnahm, mit der üppigen und heiteren Pfälzerin tanzen und nachher mit ihr an dem Waldsee, an dessen Ufer das Fest gefeiert wurde, sich ergehen. Da lachte er laut und sprach lebhaft und mit überglänztem Gesicht, und mir fiel des Zeitlers Erzählung von der jungverstorbenen Mutter Hagenau ein, und ich dachte, es sei doch auch ein kleiner Spritzer von ihrem Lebenssaft in den Sohn gefahren, der sich nur freilich zur Unzeit bemerklich mache und auch nicht lang vorhalte.

Letzteres war bald zu erleben. Als der Herbst die bunten Farben, die er angezündet hatte und das freudige Leben in der Natur wieder auslöschte, und im Flußtal die Nebel geisterten, saß Herr Kasimir wieder am Abend in seiner Ecke und hörte seine Schwester Klavier spielen, oder er las die Zeitung oder pflog mit älteren Herren politische Gespräche und war in allem ein Haupt, vor dem man aufstand. Was in ihm umging, sah man nicht, denn er hatte sein Gesicht wieder zugeknöpft. Manchmal tat er einen kleinen Seufzer und sagte: „Ach ja,“ oder er lächelte in sich hinein und wiegte den Kopf dazu. Der Hund lag am Ofen und schlief, und nur manchmal tat er einen kurzen Blaff, oder er fuhr empor und warf mit leichtsinniger Gebärde das linke Schlappohr zurück, und die alte Magd Salome, die um ihn herumsteigen mußte, sagte: „Es träumt ihm.“ Doch sagte sie nicht, ob sie den Herrn oder den Hund meinte, es hätte je nachdem beiden gelten können, denn sie sahen ein jeder seinen Sommerfreuden nach. Ich aber rüstete mich, in die Welt hinauszugehen.

Es war eine Stelle in einer großen Buchhandlung einer mitteldeutschen Stadt für mich ausgemacht, zu der Herr Kasimir alte Beziehungen hatte. Alles war geebnet und gebahnt für mich, wie es von jeher immer gewesen war, und ich weiß nicht, soll ich das Leben darum anklagen oder soll ich ihm dafür danken. Es wird wohl alles so gewesen sein, wie es mußte, und es war mein Schicksal, das ich in mir selber trug, wie ein Nachtwandler meinem unerhellten, selbstsüchtigen Ich nachzugehen, das mich auf breiten Straßen zu Schuld und schweren Lasten gelangen ließ. Vielleicht hätte mich eine arme, sehnliche Jugend früher aufgeweckt, dem Schläfer gleich, den unter dünner Decke schaudert und der erwacht, weil der kalte Wind durch seine Dachkammer streicht. Ich bin erst spät erwacht.

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Fräulein Brigitte war in den letzten Wochen öfters krank gewesen, was neu an ihr war oder mir wenigstens schien, denn sie war sonst immer dagewesen, freundlich und voller Teilnahme an allem und auch an mir. Nun fehlte sie hie und da am Tisch, und ich hörte, daß sie an einer Krankheit leide, die ihre Kräfte unwiderruflich nach und nach verzehre. Herr Kasimir saß dann in einer halb verlegenen Bekümmernis mir gegenüber, sprach nicht oder raffte sich nur hie und da zu irgendeiner Bemerkung auf, an die er gleich nachher nicht mehr dachte, und es war ein bedrücktes Beisammensein. Wenn aber Fräulein Brigitte dann nach Tagen wieder im Wohnzimmer erschien, so fand ich, sie sehe aus wie sonst und dachte, es werde nicht so schlimm sein, wie die Leute meinten; es schien mir dann wieder alles in Ordnung zu sein, denn sie gehörte ohne Frage in die altbekannten Räume, und wenn sie da war, fehlte nichts. Doch häuften sich die Fälle, in denen sie zurückgezogen leben mußte, und mein Reisetag kam heran, als eben wieder eine schmerzenvolle Nacht auf einen üblen Tag gefolgt war. Ich saß am Frühstückstisch und wartete auf Herrn Kasimir, als er hereinkam und sagte: „Meine Schwester läßt Sie bitten, noch in ihr Schlafzimmer zu kommen; es geht ihr nicht gut, und sie kann Ihnen auf keine andere Weise Lebewohl sagen.“ Ich ging mit einigem Herzklopfen hinüber und betrat einen lichten Raum, in dem ich noch nie gewesen war, und der mir plötzlich alles Leben des Hauses zu umfassen schien. Es war, als ob hier die Quelle sei, von der aus die andern Räume irgendwie gespeist würden und ohne die alles öde und leer wäre. Fräulein Brigitte saß, von vielen Kissen gestützt, im Bett. Ihr Gesicht war blaß und trug die Spuren überstandener Schmerzen, und mehr noch taten das die Hände, die schmal und weiß auf der Decke lagen und hie und da leise zuckten. Aber etwas an ihr deuchte mich schöner als je zu sein, ich mußte sie verstohlen betrachten, während ich ihr gegenüber saß. Das Verwachsene ihrer Gestalt war nicht so sichtbar wie sonst, denn sie war um und um eingehüllt in ein großes Tuch von weicher, mattweißer Seide, und der Kopf ruhte in flaumigen Kissen wie eine müde Blume. Aber das war es nicht allein, was mir auffiel; es war vielmehr ein triumphierendes Leuchten in den großen glänzenden Augen und ein Lächeln um den feinen Mund, zu was beidem sie nach meiner Meinung weniger als je Veranlassung gehabt hätte.

„Wir sagen uns nun Lebewohl,“ sagte die Kranke, „und es wird auf immer sein. Sie kommen wieder, mein Bruder hofft es, aber dann bin ich nicht mehr da.“ Sie sagte es mit einer gelassenen und fast heiteren Freundlichkeit, so etwa, als ob sie von einer Reise oder längeren Ortsveränderung spräche, die sie vorhabe, und als ich eine erschreckte Bewegung machte, hob sie eine der weißen Hände wie abwehrend und ließ sie müde wieder fallen. Dabei lächelte sie mich gut und bekannt an.