„Sie müssen nicht erschrecken,“ sagte sie. „Ich weiß, daß meine Zeit herankommt, das ist ja gut. Wenn Sie nicht fortgingen, würde ich es nicht sagen. So darf ich es wohl.“ Sie machte eine Pause, als sinne sie vor sich hin, dann fuhr sie fort: „Es ist nicht so, daß ich lebensmüde wäre, das müssen Sie nicht meinen. Ich habe das Leben lieb, es ist eine große und köstliche Sache, und weil ich seine Schönheit habe hart erstreiten müssen, drum liebe ich es um so mehr.“
Ich fühlte, wie mir eine dunkle Röte bis unter die Haare stieg. Denn ich glaubte mich von ihr durchschaut in meinem Herumspüren an ihrem Wesen und Schicksal, und es durchfuhr mich heiß, daß sie so königlich vor mir war, als eine Unüberwundene, die mich aus freiem Willen zu sich hineinsehen ließ. Sie hatte niemals von sich geredet, nun tat sie es, und es war der Abschied.
„Ich habe einen langen und harten Krieg hinter mir,“ sagte sie, „davon könnten diese Wände reden; draußen brauchte es niemand zu sehen. Aber ich gäbe keinen von allen meinen Schmerzen her; ich habe sie wohl alle gebraucht, und nun sie weit dahinten liegen, bin ich froh und reich. Ich bliebe gern noch hier. Ich habe immer versucht, ganz im Jetzt und im Tag zu leben und nicht an dem herumzuspüren, was nachher käme. Das reut mich nicht. Ich glaube, daß wir uns auf das nächste Stadium, das etwa unser harrt, am besten vorbereiten, indem wir das jetzige ganz erleben. Wir brauchen auch alle Kräfte dazu. Aber jetzt höre ich die fernen Ströme der jenseitigen Welt brausen und weiß, daß sie mich davontragen werden auf ihren Wellen. Da will ich es nun lieber freiwillig tun, ehe mich die Sinne und Gedanken verlassen, nämlich mein Leben hingeben als etwas Kostbares, ja das einzige, was ich besitze, und mit mir geschehen lassen, was da wolle.“
Als sie das sagte, stand eine so große, ja heldenmütige Tapferkeit in ihrem Gesicht geschrieben und ein so freier und harter Wille, sich in das Sterben zu schicken, daß mich ein unsägliches Staunen überkam. Denn es war, als ob eine Königin aus Glanz und Glück und im vollen Reichtum aller Kräfte davongerufen werde und sich dazu hergebe, Kronen und Kleinodien auf den Altar niederzulegen, da doch ein mühseliges und entbehrungsreiches Leben sich dem Ende zuneigte.
Ich hatte dergleichen noch nie gesehen und konnte kein Wort sagen; es war ein Sturm von Verehrung und auch von Not und Schmerz in mir. Denn ich merkte in diesem letzten Augenblick, wieviel ich hier zurücklasse, da ich doch gemeint hatte, als ein Freier, und dem das Glück hold war, in die Welt hinauszuziehen. Ich konnte wiederkommen, wenn ich wollte, ich konnte aber auch draußen finden, was mich nach meinem eigenen Willen hielt und band. Bis jetzt war mir der Himmel voller Geigen gehangen, und nun auf einmal sauste es mir in den Ohren: Bleib da, geh' nicht, denn es geht hier Großes, ja Unermeßliches vor, wie magst du dem entrinnen, und was ist draußen so wichtiges wie das?
Ich ließ, um meine Verlegenheit zu verbergen, meine Augen an den Wänden hingehen und sah, obgleich sie von verhaltenen Tränen erfüllt waren, die Umgebung an, in der die Pflanze aufgeblüht war, die vor dem Welken so starken Glanz und Duft verbreitete.
Es hing ein schöner Stich des Ecce-Homo von Carlo Dolce zu Häupten des Bettes und an der Längsseite ein Holzschnitt nach Albrecht Dürers Ritter, Tod und Teufel. Der Ritter zog seine Straße ohne Wanken und ließ einen, wie mir schien, spöttischen Blick nach den Ungeheuern hinlaufen, die ihm den Weg abschneiden wollten, aber unter ihm hing ein unsäglich liebliches Bildchen in Wasserfarben: Eine schöne, junge Frau mit einem jährigen Kind auf dem Schoß, das sie zärtlich umfaßt hielt und auf dessen weiches Rundgesichtlein ihre Augen mit warmem Glanz niedersahen. Das mußte wohl die Mutter sein, die nach des Zeitlers Erzählung noch im Tode die Augen nicht hatte von ihren Kindern abwenden können, was ich auf einmal wohl begriff.
Auf der weißen Decke lag ein schmales Lesezeichen, das wohl einem der wenigen, vielgelesenen Bücher entfallen war, die bequem erreichbar auf einem hängenden Ebenholzgestell lagen. Es trug in Lapidarschrift von purpurroter Farbe die Inschrift: Ich, die aber von den liegenden Balken eines schwerfälligen Kreuzes ausgestrichen war. Als Fräulein Brigitte sah, daß meine Augen darauf lagen, machte sie eine Handbewegung, als wollte sie es wegnehmen, denn es hatte wohl noch nie ein fremder Blick auf der kleinen Malerei geruht, die vielleicht viel bedeutete in ihrem Leben, aber sie ließ das Bildchen dann doch liegen, als verlohne es sich nicht mehr, etwas zu verstecken. Mochte ich doch ruhig ihre Waffenkammer betrachten und die Schilder und Schwerter, die ihr geholfen hatten, den Riesen zu erschlagen, da ja nun der Sieg erfochten war. So kam es mir vor, und plötzlich sah ich einen ihrer leuchtenden Blicke auf mir liegen und das geheimnisvoll triumphierende Lächeln wieder um ihren Mund spielen. Sie suchte nach einem Wort, das ihr auf die Lippen treten wollte, als der Arzt ins Zimmer trat und ich, widerstrebend genug, gehen mußte nach einem kurzen Lebewohl, das, wie ich wußte, eins für immer war. Es wäre noch so vieles auszusprechen gewesen, sowohl von mir als auch von ihr, aber es war nun abgeschnitten und konnte nie mehr nachgeholt werden.
Ich trat ins Wohnzimmer, wo ich noch einige Kleinigkeiten hatte liegen lassen.
Da reizte es mich, einen Augenblick in den Stuhl an Fräulein Brigittens Arbeitstisch zu sitzen, wo ich sie so oft gesehen hatte, und spielend den einen oder andern Gegenstand, der ihr gehörte, in die Hand zu nehmen.