Unter einem kleinen Notizblock lag ein mit Bleistift beschriebener Zettel von ihrer Handschrift, und ich konnte keinen Augenblick der Versuchung widerstehen, ihn für mich zu behalten, denn es war mir, als enthalte er das Wort, das sie für mich auf den Lippen gehabt, aber nicht habe aussprechen mögen, als ich ihn las.
Er fing mitten in einem Satz an und lautete: „Doch nahm ich zu allem, was mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen, so sagte ich ihm: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn, und so habe ich schließlich, wenn auch mit verrenkter Hüfte den Sieg behalten, und ich bin dennoch“ – da endete die Schrift auf dem Blättchen, dessen unendlichen Lebensinhalt ich von ferne einen Augenblick ahnte, ohne einer Ergänzung zu bedürfen. Ich barg den Zettel in meiner Brusttasche, wozu ich eben noch Zeit hatte, da Herr Kasimir eintrat und ich auch von ihm Abschied nehmen mußte.
Er lächelte mich, als ich ihm die Hand reichte, hilflos traurig an, und sagte, indem er seine Augen an mir herauf und hinunter gehen ließ, mit bedrückter Stimme: „Ja, ja, die Jahre vergehen, es ist unglaublich, wie schnell sie vergehen und wie sich alles ändert,“ was ich freilich ebensogut als Ausdruck der Trauer über mein Scheiden wie über die Vergänglichkeit der Dinge überhaupt ansehen konnte und worauf ich nichts zu erwidern wußte. Wir tauschten noch ein paar Worte ohne viel Inhalt, denn er horchte mit halbem Gehör nach dem Gang hinaus, da er den Arzt sprechen wollte, ehe dieser das Haus verließ; ich aber war in aufgerührten Gedanken und Gefühlen beschäftigt, einige Sätze in mir zu formen, die ich gern der Fräulein Brigitte noch gesagt hätte zum Abschied. Ja, es war mir in diesem Augenblick, als könne ich nicht gehen, denn hier sei der Urquell des Lebens, und er müsse auch mich gleichgültigen und unbewußten Burschen segnen, da ich seither blind an ihm vorbei gestolpert sei. Aber die Minuten gingen vorüber, und ich versäumte auch hier den Augenblick über meiner Herzensunruhe. Es ging draußen die Tür, und ich hörte plötzlich Herrn Kasimir sagen: „So leben Sie denn wohl, lassen Sie von sich hören und vielleicht kehren Sie uns einst zurück“; ich fühlte seinen Händedruck und sah ihn hinausgehen, um den Arzt noch zu erfassen, und ich blieb zurück, ohne ihm, wie ich wollte, Dank und Anhänglichkeit ausgesprochen zu haben, wozu ich immerhin Veranlassung gehabt hätte. Da legte sich noch ein weiterer Stein auf mein Reisegemüt, und ich ging aus dem Hause, dem ich nun ferner nicht mehr angehörte, mit bedrücktem Herzen, da ich doch hatte als ein Liebling des Lebens und mit geschwellten Segeln ausfahren wollen.
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Es dauerte aber nicht lange mit dem Trübsinn und mit der Herzbewegung bei mir. Ich war nicht dazu angelegt, und ich war stets dem Gegenwärtigen, Neuen und Täglichen aufgetan. Auch hörte meine Jugend andere Ströme brausen, als die, von denen Fräulein Brigitte gesprochen hatte, und die sie auch in Wahrheit von dannen trugen. Es war ein halbes Jahr später, als ich die Nachricht von ihrem Tode erhielt. Ich fand sie eines späten Abends in meinem Zimmer, als ich aus einer politischen Versammlung dahin zurückkehrte, warm und angeregt vom genossenen Wein und mehr vom Disputieren, an dem ich mich zwar nicht öffentlich, aber nach Schluß der Versammlung an einem Tisch voller Bekannten und Gesinnungsgenossen beteiligt hatte.
Ich fing zu dieser Zeit an, aus allen Brunnen zu trinken, mehr im Gefühl der Freiheit und daß mir jegliches offen stehe, als aus besonderem Gelüste nach dem und jenem. Ich nahm am öffentlichen Leben teil, indem ich Versammlungen von allerlei Art besuchte und meine Meinung über alles unverzagt preisgab in den Wirtshaussitzungen, die sich daran knüpften, und gab mir in bezug auf Bescheidenheit im Reden, Meinen und Auftreten weiter nicht viel Mühe. Es war damals nichts um den Weg, was mich am seidenen oder goldenen Faden gelenkt hätte zu irgendeiner ernsteren Besinnlichkeit, einer Liebe oder Frömmigkeit hin, oder wenn etwas da war, so wußte ich es nicht oder gedachte nicht seiner. Als ich an jenem Abend mein Zimmer betrat und die Lampe anzündete, taumelte ein dunkler Falter, der auf dem Tisch gesessen haben mochte, auf und tat summend schwerfällige Flügelschläge um das Licht her, und ich sah ihm gedankenlos zu oder vielmehr in abwesenden, selbständig sich tummelnden Gedanken, bis er sich einen Augenblick niedersetzte und ich den Brief entdeckte, auf dem er saß. Er war von Herrn Kasimirs steifer Handschrift, der nur an gewissen Stellen wohlerwogene, würdige Schnörkel angehängt waren und freilich auch, ihm selbst unbewußt, hie und da kleine, lächerliche Schwänzchen, die das Entzücken eines graphologischen Seelenkündigers gewesen wären. Nun, ich verstand nichts davon und dachte auch damals nicht an dergleichen, sondern es durchfuhr mich beim Anblick des Briefes sogleich das Wissen um seinen Inhalt und machte mich plötzlich ganz nüchtern, wach und ernsthaft.
Der Brief war nicht so kurz, als ich hätte erwarten können, da es sich um die Mitteilung eines Trauerfalls handelte. Und er war auch nicht gleich nach dem Hingang der schönen Seele entstanden, sondern etwa vierzehn Tage später, als dem Schreiber in seinem leeren Hause bereits zum vollen Bewußtsein gekommen war, was er verloren hatte, und wie einsam er nun war. Es ging eine rührende Klage durch das Blatt hindurch, daß er nicht genug erkannt habe, was für einen Reichtum er besitze und ihn nicht in seinem vollen Wert geschätzt habe, daß er die Verstorbene vielleicht habe Mangel leiden lassen an brüderlicher Liebe und Aufmerksamkeit und es nun nicht mehr nachholen könne. Ja, ja, es sei immer eine Mahnung da, die sage: „O lieb', so lang du lieben kannst,“ aber man beachte sie zu spät.
Das alles kam mir unrichtig vor für seinen Fall, da ja die Geschwister stets einträchtig zusammen gehaust hatten, fast wie Mann und Frau, und ich nicht begriff, was Herr Kasimir verfehlt haben wollte.