Ich war noch zu unerfahren, um zu wissen, wie beim Scheiden sich alles Erlebte unter einem Brennpunkt zusammendrängt, und alles, Liebe, Leid, erlittener und zugefügter Schmerz, Getanes und Unterlassenes, frisch und neu da ist und noch einmal vor dem Herzen steht in unbestechlicher Wahrhaftigkeit. Da ist wohl keiner, der sich sagen kann, daß er nichts versäumt und nichts falsch gemacht habe und sich nicht noch einmal das Vergangene zurückwünscht, auch nur auf einen Augenblick, um das Mangelhafte zu verbessern. Selbst, wenn er lebendig gelebt hat und sich seiner selbst und des andern stets bewußt war, geht es ihm so, wieviel mehr fällt den die Wirklichkeit des Geschiedenseins mit scharfen Klauen an, der halb im Traum dahin gegangen ist und auf einmal aufschreckend sieht, was für immer hinter ihm liegt, unerreichbar für Liebe und Reue.
So denke ich jetzt. Wie es in dieser Hinsicht mit Herrn Kasimir bestellt war, weiß ich nicht. Es gab mir ein wichtiges Gefühl meiner selbst, daß er mich erwählt hatte, als denjenigen, bei dem er sich aussprach, und ich setzte mich noch in der Nacht hin, um ihm allerlei weise Trostgedanken, die mir einfielen, zu schreiben; ich kam aber nicht weit damit, denn während des Schreibens wurde mir erst recht die Tatsache bewußt, daß auch ich etwas verloren hatte, und zwar etwas Kostbares, dessengleichen ich so leicht nicht wieder fand. Ich starrte in die Lampe und ließ die Bilder der Jahre, die nun schon Vergangenheit waren, an mir vorüberziehen, soweit Fräulein Brigitte darin zu sehen war in all ihrer feinen Güte, Herzlichkeit und siegreichen Freudigkeit. Das mangelhafte Körperliche, das sie mit so viel Würde getragen hatte, war nun abgefallen, und sie war hoch, aufrecht, schön und triumphierend irgendwie herausgestiegen, was man zwar nicht beweisen konnte, mir aber unwiderleglich sicher schien, so wenig ich sonst über derlei Dinge nachdachte. Und mich ergriff plötzlich eine heftige Sehnsucht nach ihr, als ob ich eine Liebste verloren hätte; ich legte den Kopf auf den Tisch und sagte leise ihren Namen, schreckte aber entsetzt auf, als mich etwas Weiches, Feines wehend anrührte. Es war aber nur der Fenstervorhang, der vom Nachtwind bewegt, um mich herumspielte. Doch wußte ich in diesem Augenblick, daß das Beste in mir, was ich war und irgend werden konnte, bei ihr eine Zuflucht gehabt hätte zu aller Zeit, und daß sie mir entglitten war in die Unendlichkeit hinein; es fror mich im Tiefsten, und etwas in mir erschrak, wie wenn ein Schläfer zwischen zwei Träumen in die Höhe fährt und sich der Wirklichkeit bewußt wird.
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Ich war in meiner jetzigen Stellung nicht im Verkehr mit dem Publikum, wie zuvor, sondern hatte lediglich Korrespondenzen mit Unbekannten oder auch nur dem Namen nach Bekannten zu führen und wie sich versteht, auch dies nur in rein geschäftlicher Beziehung, was in mir einen Hunger nach menschlich nahen Berührungen erzeugte, denn ich konnte nicht gut für mich allein sein. Es war nun in dem großen Hause, dem ich als Angestellter angehörte, ein junger Mann, nicht viel älter als ich, doch so etwa drei bis vier Jahre, der mich stark anzog. Er hatte, wie ich erfuhr, Philologie studiert, war aber wegen übermütiger Streiche, die er auf der Universität verübt haben sollte, und durch die er die Professoren gegen sich aufgebracht hatte, aus seiner Laufbahn geworfen worden. Doch machte er nichts weniger als den Eindruck etwa eines verbummelten Studenten oder sonst einer verkrachten Existenz. Im Gegenteil trat er mit großer Sicherheit und eher etwas herrisch auf, leistete viel und das mit Leichtigkeit und ließ gelegentlich durchblicken, daß er seinen jetzigen Beruf nur als Übergang zu einem andern ansehe. Er wolle sich ganz der Politik widmen, auch etwa eine große Zeitung redigieren oder dergleichen, das habe indessen alles noch Zeit. Es war, als habe er alles in der Hand, was er sein oder erreichen wollte, und es blitzte auch in seinem Gesicht von Geist und Temperament, daß einer nur hinsehen und staunen und sich ihn zum Freunde wünschen mußte. Wir gingen öfters miteinander aus, und eines Abends in warmer und aufgeschlossener Stimmung ließ er sein Glas mit meinem zusammenklingen und bot mir das Du an. Es wolle bei ihm etwas heißen, wenn er das tue, sagte er, er sei keiner von denen, die mit der ganzen Welt auf Smollis seien, ich hätte indessen etwas an mir, was ihn reize, mich zum Freund zu haben, obgleich ich ein Unschuldslämmchen sei. Oder vielleicht gerade deswegen, setzte er lachend hinzu. Er müsse mich seiner Mutter zeigen, die dann vielleicht neue Hoffnung schöpfe, daß er auf ein bürgerlich ehrbares Leben hinsteuere, wenn er mich vorweise.
Das Unschuldslämmchen stach mich ein wenig, so sehr die neue Freundschaft mich beglücken wollte. Es hätte mich mehr geehrt, für einen leichtsinnigen Tausendsasa gehalten zu werden, denn für ein braves Kind, das man seiner Mutter vorzeigt, um Lob zu ernten. Olbrich mochte mir das angesehen haben, denn er sagte gutmütig: „Du mußt das nicht schwer nehmen, im Gegenteil. Meine Mutter ist das allerfeinste, was ich kenne, es gibt keine Frau, die ihr gleicht. Wenn ich einen Freund hätte, der ihr gefallen sollte, so müßte er der auserlesenste Mensch sein, der du vermutlich gar nicht bist. Doch sei nur ruhig, sie liebt mich, wie ich bin und nimmt an, was ich ihr bringe, obgleich es schon hie und da harte Brocken waren, die ich ihr zu beißen zugemutet habe.“ Er sah eine Weile vor sich hin, als ob er erst nachträglich merke, daß wirklich gute Zähne dazu gehört hätten, alles zu beißen, was er seiner Mutter auf den Tisch gelegt habe, und als ob er bedenke, daß es vielleicht auch einmal genug damit sein könnte, da man im Alter sonst gern weicheres Brot und leichtere Speise genieße.
Wie aus einem solchen Gedankengang heraus, sagte er, mich anblickend: „Du hast es eigentlich gut in deiner Haut, die dich ordentlich auf dem einmal gebahnten Weg weitergehen läßt, während in mir ein Feuer ist, das noch allerlei anstellen kann, und das über mich befiehlt. Wenn ich allein wäre, käme es mir nicht darauf an, tüchtig in der Welt herumgeworfen zu werden, denn umzubringen bin ich nicht, aber die alte Frau tut mir leid; sie hätte es verdient, daß ich ihr Enkelchen ins Haus brächte und sie selbst Sonntags am Arm spazieren führte als ein braver Sohn und Bürger. Aber ehe das geschieht, kann noch viel Wasser ins Meer fließen, und kurz und gut, sie sollte dich zum Sohn haben anstatt meiner, wenigstens so viel ich von dir kenne.“
Das sagte Olbrich aber nur, weil er einen Mangel von mir für eine Tugend hielt und weil er der starken Kräfte, die ihn selber umtrieben, nicht ganz froh werden konnte. Ich war unberaten und zufällig in meinen Beruf hinein gegangen, es hätte ebensogut irgendein anderer sein können, und ich hätte dann das Meinige darin getan, wie ich es in diesem tat, denn ich hatte gute Gaben und viel Anpassungsvermögen, und es rief mich keine starke Neigung nach einer andern Seite. Auch hatte ich ein lebhaftes Verlangen nach äußerem Vorwärtskommen und ein anererbtes Respektgefühl vor dem jeweilig als Pflicht Übernommenen, das mich zuverlässig und arbeitsam sein ließ. Das war aber auch alles. Obwohl ich meinen Beruf leidlich ausfüllte, so füllte er doch mich nicht aus; ich suchte meine Weide und die Stillung meines Glücks- und Lebensverlangens auf andern Wegen, deren mir ja viele offen standen, nicht in dem, was ein Mann über alles lieben sollte, im Zentrum meiner Lebensarbeit.
Das alles sagte ich meinem neuen Freund nicht und wußte es auch damals noch nicht wie heute, wo mir der rosige Nebel, der über allen Dingen lag, vergangen ist und der nüchterne Tag vieles klar gemacht hat, Liebes sowohl als Leides. Nur meiner Mutter gedachte ich einen Augenblick, als er von der seinigen sprach, und daß ich ihr auch hätte gönnen mögen, mich so wohlgeraten zu sehen. Es kamen aber Bekannte an unsern Tisch, und das Gespräch ging auf allgemeine Dinge über.
Olbrich zögerte nicht lange, mich in allerlei Kreise einzuführen, in denen er bereits etwas galt und auch in einen Singverein, der hauptsächlich klassische Musik zur Aufführung brachte. Ich war in keiner Weise musikalisch gebildet, aber ich pflegte auf Spaziergängen, oder wenn ich in meinem Zimmer umherkramte, vor mich hin zu singen, was ich etwa gehört hatte und was mir im Gedächtnis hängen geblieben war. Darüber wurde ich von Olbrich betroffen, der mir auf den Kopf zusagte, daß ich eine Stimme habe und musikalisch sei, und der nicht nachließ, bis ich in den Sängerchor eingeordnet war, in dem er selbst eine ziemliche Rolle spielte. Meine Einwendungen in dem Sinne, daß ich ja gar nichts gelernt habe, kaum nach Noten singen könne und so weiter, verlachte er, da es nicht darauf ankam, ob man bereits gedrillt sei, sondern ob man die Gaben habe, alles nachzuholen, was bei mir der Fall sei. Es ging auch richtig ziemlich gut, und ich war mit Ernst bei der Sache, da es mich selber wunderte, welch starke und freudige Töne meine Kehle hervorbrachte, und wie sie in dem Brausen des Männergesangs kräftig mitschwangen. Aber noch erfreulicher war die Entdeckung, daß all unser Singen doch erst eine Vollendung, ja einen eigentlichen Zweck bekam, wenn das Heer der weiblichen Stimmen sich darein mischte und zur Kraft die Süße, zu dem festen Untergrund der Bässe und Tenöre das hohe, silberne Klingen des Soprans und das warme, herzandringende des Alts fügte. Ich fühlte mich recht als Glied eines Ganzen und tat wacker und ehrlich mit, was mir bald einigen gutmütigen Spott von Olbrich und ein paar andern eintrug, die es darauf abgesehen hatten, mich als Musterknaben auszuspielen. Sie hatten fast alle unter den singenden Damen Bekannte, die sie nach Schluß der Proben heimbegleiteten, und mit denen es unterwegs noch viel Scherz und Gelächter gab, und es schien, als ob manchen dieser Teil der Sache der wichtigere wäre. Dabei konnte ich nun schon aus Mangel an Bekanntschaften nicht mittun, aber es war auch noch etwas anderes bei mir, das nämlich, daß mir auf einmal in ein ziemlich inhaltloses Leben hinein die Musik wie eine Geliebte getreten war, der ich mein Herz auftat, und die mich mit Feuer und Andacht erfüllte. Es wurde mir jetzt nachträglich klar, welch herzliche und innige Schönheit mich oft angerührt hatte, wenn ich Brigitte Hagenau hatte Klavier spielen hören und jetzt, nach ihrem Tode, war es mir, als habe sie damals über alle Kraft und Klarheit ihres Wesens, ja über die geistige Welt, in der sie lebte, mit mir geredet, ich habe es aber an mir vorübergehen lassen.
Da war ich denn nun an den Musikabenden meistens verschlossener gegen die scherzhaften Gespräche, die in den Pausen und nach dem Schluß hin und her flogen, als es sonst meine Art war, und Olbrich sagte, man müsse mir zu einem Damenverkehr helfen, denn es sei die Sehnsucht da mitzutun, die mich so schweigsam mache. Es müsse aber ein feines Mutterkind sein, das man mir heimzugeleiten gebe, denn ich sei selber noch ein solches und gleich und gleich geselle sich gern.