Er hatte mich ehrlich gern und zeigte mir das auch auf jede Weise, nur daß er es nicht unterlassen konnte, mich mit dem zu necken, was ich meiner Meinung und meinen Wünschen nach gerade gar nicht war. Ich war nur ohne Übung im freieren Flug, und ich meinte, mich weltmännisch genug zu betragen und war auch bereit, noch mehreres darin zu tun, wenn es die Gelegenheit ergab. Er aber sah den Anlauf, den ich zu diesem allem nehmen mußte, und hatte etwas wie eine Rührung darüber, die er unter leichtem Spott und Necken verbarg. Im Grunde war er selber eine durchaus gesunde und unverdorbene Natur, die sich ruhig ein Stück weit die Zügel schießen lassen konnte, auf die Dauer aber ihr Gesetz in sich selber nicht überhörte und nach allerlei Seitensprüngen immer wieder in ihre richtige Lage zurückkehrte. Ich dagegen horchte viel nach allen Seiten und bemühte mich, zu tun, was etwa andere, die mir imponierten, für geschmackvoll und richtig hielten, und es ist nur ein Wunder, daß ich bei alledem doch so ungefähr auf dem Wege blieb.
Es begegneten mir freilich immer wieder Menschen von der echten und lebendigen Sorte, die dem unbewußt Guten, das ich doch auch in mir hatte, entgegen kamen und es einstweilen für eigen und für bare Münze nahmen, ja mich liebten, ohne daß ich mir gerade um sie besondere Mühe gab. Ich war es aber so gewöhnt von jung auf und wunderte mich nicht einmal besonders darüber. Es mußte alles so sein, wie es war.
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Olbrich nahm mich eines Sonntags mit zu seiner Mutter, die in einem Vorort ein kleines Landhaus allein bewohnte, während er selbst ein Zimmer in der Stadt hatte, schon der Geschäftsnähe wegen, aber auch, um sich ganz ungehindert bewegen zu können, worin seine Mutter ganz einig mit ihm war. Sie war schon seit vielen Jahren Witwe und hatte nur diesen einzigen Sohn, den sie an ihrem Herzen mit einem starken Band angebunden hielt, aber lang genug, um nichts von Unfreiheit spüren zu lassen. Sie war seine Freundin und ging mit großem Interesse auf alles ein, was er ihr brachte, ja sie hatte einen so guten und glücklichen Humor, daß er sich eines spaßhaften Erlebnisses oder einer lustigen Geschichte erst recht freute, wenn sie mit ihm darüber gelacht hatte. Diesmal nun erzählte er, er habe diese Woche einmal bei einem Umtrunk auf die Frage: Bruder, deine Liebste heißt? geantwortet: Friederike, was alle aufs höchste verwundert habe, denn man sei gewöhnlich mit dem Gegenstand seiner Neigung auf dem Laufenden und habe in der ganzen Stadt keine Friederike gekannt, um die es sich habe handeln können. Er habe ihnen aber nicht entdeckt, daß es sich bei dem geheimnisvollen Kleinod um seine Mutter handle und lasse sie nun alle zappeln. Darüber lachten sie beide herzlich, und ich entdeckte, daß sie einander im Lachen, ich möchte sagen, lächerlich ähnlich sahen, aber ich sah auch den vollen Glücksblick, den die Mutter während des Lachens auf den Sohn warf, und der mich wunderlich aufrührte. Ich hätte etwas darum gegeben, auch einen solchen Blick auf mir ruhen zu sehen, und dachte eines Anlasses, der um einige Zeit zurücklag.
Ich war nämlich auf der Reise zwischen beiden Orten ein paar Tage zu Haus gewesen, um die Hochzeit meiner Schwester Helene mitzufeiern, die eigens um meinetwillen auf diese Zeit gelegt worden war. Die guten Schwestern hatten alles getan, um mich behaglich, oder, wie sie meinten, würdig aufzunehmen, es hatte an keinem Guten gefehlt. Sie waren nun schon in das Haus umgezogen, das der Schreiner gekauft und nach Möglichkeit hergerichtet hatte. Luise wohnte im Unterstock, und dort war auch für mich eine Kammer bereit, die Luise so wohnlich als möglich gemacht und geschmückt hatte. Es hingen Vorhänge an den Fenstern und Bilder, von denen sie gedacht hatte, daß sie mir gefallen würden, an den Wänden, und Luise hoffte auf mein freudiges Erstaunen und auf die Äußerungen eines befriedigten Heimatsgefühls. Aber ich fand sowohl die Liebespaare an den Wänden, als die blaue Tapete scheußlich, und sagte das zwar nicht, aber auch nichts Gutes, und litt selber unter einer schlechten, enttäuschten und widerwärtigen Stimmung, die ich nicht ganz verdecken konnte. Es war weder die alte, einfache, fast ärmliche Heimat mehr, die mich schon um der Erinnerung willen an sich gezogen hätte, noch als Ersatz dafür ein Ort, an dem es meinem jetzigen Selbst entsprechend zuging und aussah. Sondern es waren Kraftanstrengungen gemacht worden, um ein bißchen Schönheit oder Eleganz in die Räume zu bringen, und ich sah nicht den guten Willen und das Verlangen nach einem freundlichen Aufstieg, sondern nur das mißratene (nach meinem Dafürhalten) in der Ausführung.
Dazu kam, daß ich mich mit dem Schwager nicht verstand, was ich ja vorausgesehen hatte, und daß sich Helene darüber betrübte. Nachträglich spürte ich wohl, daß es an mir selber gelegen war, aber das machte die Sache nicht besser. Ich hatte dem jungen Paar als Hochzeitsgeschenk ein Büchergestell mit einigen Klassikerbänden mitgebracht, worüber sich Helene kindlich freute. Sie hängte das hübsch gearbeitete Brett auch sogleich im sogenannten guten Zimmer auf und stellte zu meinem Grauen ein paar kleine lackierte Gipsbüsten oben darauf, die Schiller und Goethe vorstellen sollten, und die ihr der Bräutigam gekauft hatte. Letzteres wußte ich nicht, sonst hätte ich mich wohl zurückgehalten, zu sagen: „Laß' doch die Scheusale weg, die ich am liebsten durchs Fenster werfen möchte; viel besser nichts, als solche Greuel.“ Ich sagte es etwas heftig, denn es entlud sich allerlei angesammelter Unmut in den paar Worten, Helene aber bekam eine dunkle Röte ins Gesicht und schaute mich verwundert an oder vielmehr verwundet. Der Schwager aber sah von seiner Zeitung auf, in der er eben las, und sagte scharf: „Es haben nicht alle Leute die Mittel, teure Sachen zu kaufen und aufzustellen,“ worauf er wieder weiter las oder doch dergleichen tat. Dieser Satz nun traf das, was ich gesagt hatte, nicht, indem es sich nicht ums Geld, sondern um den Geschmack handelte, und war vielleicht auch nicht tiefer zu nehmen, aber ich sah darin den längst erwarteten Vorwurf über meinen Geldverbrauch auf Kosten der Schwestern, und ging stumm, aber innerlich rasend, aus dem Zimmer. Das war am Vorabend der Hochzeit; ich wäre aber am liebsten sogleich abgefahren und hätte es vielleicht auch getan, wenn es mir nicht um das Aufsehen gewesen wäre, das es erregt hätte, und schließlich doch auch um die Schwestern, denen ich das Leid nicht antun mochte. So blieb ich denn und faßte mich auch einigermaßen, was mir die Schwestern nicht genug danken konnten. Ich war auch ein leidlich liebenswürdiger Brautführer, Festordner und Tänzer am andern Tag, stieß sogar mit dem Schwager an, der gar nicht wußte, was er angerichtet hatte, weil er meinte, ich lebe schon lang von eigenem Gelde, und küßte Helene, ehe sie mit ihrem Mann auf drei Tage zu seinen Verwandten reiste. Unter diesem Kuß fing das liebe Mädchen, oder die junge Frau, die sie nun war, so heftig und innig an zu weinen, daß ich es nicht unterlassen konnte, sie noch ein paarmal tröstend weiterzuküssen, worauf sie unter Tränen lachend sagte: „Ach, du bist doch ein guter Kerl,“ und sich nach einem Taschentuch umsah, das sie gerade nicht zur Hand hatte, um sich die Augen abzutrocknen. Luise hatte die ihrigen selber voll Wasser, es reichte aber ihr festliches Spitzentüchlein für beide Schwesterngesichter, die sich noch einmal fest aneinanderschmiegten vor der großen Trennung, die freilich so gar einschneidend nicht war, weil sie nachher fast gleich miteinander fortlebten wie bisher. Der Mann war nichts so Neues für sie, da er schon lange dabei gewesen war. Ich muß auch bekennen, daß er meine beiden Schwestern hoch und wert hielt und ihnen auf seine Weise zulieb tat, was er konnte, viel mehr als ich in bösen Zeiten.
Doch fällt in jene Tage noch ein freundlicher Strahl, an dem ich mir unter den glücklich lachenden Augen von Mutter und Sohn ein wenig gütlich tat.
Als nämlich das junge Ehepaar abgefahren war in dem Kütschchen eines Vetters, überkam mich, vielleicht in dem Wohlgefühl über den zärtlichen Abschied mit Helene, eine plötzliche Lustigkeit. Ich faßte Luise, die gerade ein bißchen traurig sein wollte, um den Leib und zwang sie, sich mit mir in der engen Stube zu drehen, wozu ich ein Liedchen pfiff; darüber mußte sie wider Willen lachen, und wir beide kamen in eine höchst behagliche Stimmung, in der wir beschlossen, noch einen schönen Abend miteinander zu haben und Lotte Meister abzuholen in einen aussichtsreichen Wirtsgarten. Es wurde ein gutes Beisammensein, an das ich gerne denke. Wir saßen beim sinkenden Abend und noch späterhin in einem kleinen, erhöht gelegenen Tempelchen, abseits von den übrigen Gartengästen und genossen ein gutes Nachtessen, bei dem ich zum erstenmal in meinem Leben meine Schwester frei hielt. Um uns her standen hohe Bäume, deren volle Kronen leise rauschten, unter uns zog der breite Fluß vorbei mit eiligen Wellen, und wir saßen in einem freudigen Wohlsein und auch einer kleinen Wehmut, weil alles so schnell vorüberging, beisammen und plauderten von allerlei Dingen. Unter anderem sagte Luise: „Du, hör' einmal, Ludwig, der Herr Professor, der dich einmal hat malen sollen, ist vorigen Herbst gestorben, und seine Tochter, die mit den Kindern bei ihm gelebt hat, ist wieder bei ihrem Mann, aber in Amerika. Es geht oft sonderbar zu. Die hätten doch ihrer Lebtag beisammen sein können. Es heißt, er habe es mit einer andern gehabt und sei jetzt krank und elend. Da ist sie jetzt der Gutgenug. Aber, was rechte Frauen sind, die sind wie die Mütter, die Liebe ist nicht zum Umbringen in ihnen. Ich glaube, sie hat immer gewartet, daß er sie wieder zu sich ruft.“
„Wo ist denn ihre Tochter, die Maidi?“ fragte ich. „Ist die auch mit nach Amerika gegangen?“
„Ach nein, die studiert irgendwo auf die Malerei; sie habe es vom Großvater geerbt, daß sie malen müsse. Es ist schade, sie gäbe eine liebe Frau, ich habe schon gedacht, so eine wie sie, möchte ich dir wünschen, sie ist so fein und doch nicht stolz. Wie einem halt so Gedanken kommen. Es wird ihrer noch mehr solche geben.“