Es waren zu dieser Zeit die Vorbereitungen für ein großes Musikfest im Gang, an dem sich alle besseren Musikvereine der Stadt, ja des Landes, beteiligen sollten. Ein berühmter Dirigent, bei dessen bloßer Namennennung alle Herzen der Sänger und der Hörer höher schlugen, war angeworben, um unter seinem Stab alle Bäche und Flüsse der Musik, die sonst für sich allein dahinplätscherten oder strömten, in ein einziges großes Meer von Tönen zu versammeln. Inzwischen aber übten die einzelnen Vereine mit mehr Nachdruck als sonst ihre Melodien ein, nicht um nachher mit Glanz hervorzutreten, sondern um die Fähigkeit zu erwerben, völlig im ganzen untergehend, es dennoch in ihrem Teil mit Kraft und Schönheit zu erfüllen.

Auch gleichgültige und zerstreutere Liebhaber der Liederkunst rafften sich zusammen, weil es galt, und ließen die Allotria, die sie sonst wohl danebenher getrieben hatten, beiseite, um ernstlich und wacker im Takt mitzumarschieren, und ihre Stimmen nahmen zu an Reinheit und Kraft, je mehr die Besitzer des inneren Schwunges teilhaftig wurden. Es traten auch einzelne Persönlichkeiten, die sich sonst abseits gehalten hatten, um daheim in ihren Häusern eine vornehme Musik zu pflegen, aus ihrer Verborgenheit hervor und stellten sich in die Reihen, wie im Krieg die Freiwilligen unter die Fahnen eilen und nichts mehr für sich selber sein wollen um der Sache willen. Da war nun auch ich mit Leib und Seele dabei; es war wohl kaum vorher und nachher eine Zeit in meinem Leben, wo mir so das Ich versank um eines Höheren willen, in dem es aufgehen konnte, wie damals. Die Zeichen mehrten sich, daß die Zeit erfüllet werde. Schon nahm ein verdienter Tonmeister der Stadt die Zügel in die Hand, um einzelne Chöre mit verschiedenen Vereinen zusammen zu probieren, und das geschah in einer großen Halle, die eigens für das Fest aus leichten Balken und Brettern gezimmert worden war, und Tausende von Menschen fassen konnte. Noch ermangelte der riesige Raum des festlichen Schmuckes der Tücher, Fahnen und Laubgewinde, der ihm zugedacht war, aber machtvoll und freudig erklangen darin die Chöre und versprachen schön zu werden, wenn sie, von aller Schwere und Unreinheit befreit, auf breiten Wogen am Tage des Festes durch die Halle fluten würden, vereint mit anderen gereinigten Strömen.

Noch war es freilich nicht so weit; das Taktstöcklein des Dirigenten fiel oft genug und mit wachsender Ungeduld hart klopfend auf das Pult, die Sänger belehrend, daß ihrer Emporläuterung zum Vollkommenen hin noch lange nicht genug getan sei. Es ging scharf zu, und das bei den Männern wie bei den Frauen, ja es dünkte mich, als seien die letzteren noch härter mitgenommen als wir. Als nun einmal der Sopran für sich allein eine Stelle vier- oder fünfmal wiederholen mußte und ich müßig zusah, wie die angespannten Sängerinnen sich mühten, das Höchste zu leisten, fiel mein Auge auf ein Mädchengesicht, das ganz versunken weder auf den Dirigenten noch in die Noten sah, sondern in sich selbst hinein zu horchen schien, woher ihm ohne Mühe die Melodien zuflössen, die es leicht hervorbrachte und mit einem weichen, taktmäßigen Wiegen des Oberkörpers begleitete.

„Warum zum Kuckuck sieht sie denn nicht auf den Dirigenten, wenn es gilt wie jetzt?“ dachte ich mit polizeidienerhaftem Ärger, als in dem Augenblick sich das Gesicht dem befohlenen Punkt zuwandte und einen oder ein paar Takte lang darauf verweilte, bis sich ein unwiderstehlich belustigtes Lächeln über die ganze Fläche verbreitete und die Augen wieder in ihre Versunkenheit zurückgingen. Sogleich aber wußte ich, daß das Mädchen nur deshalb in sich selbst hineinsah, weil ihm der Anblick des heftig fuchtelnden Mannes einen unbesieglichen Lachreiz erweckte und es in seiner andächtigen Hingabe an die Musik störte. Aber während in mir der brennende Wunsch entstand, sie möchte das hübsche Schauspiel noch einmal aufführen und ich sie erwartungsvoll ansah, kam mir die Sängerin immer bekannter vor. Sie trug ein loses Kleid von grüner Farbe, das mit einer schmalen Goldborte unter der Brust zusammengehalten war, und hatte ein leichtes Schleiertüchlein am Halsausschnitt, aus dem heraus lieblich und jetzt wieder ganz ernsthaft das Singewesen stieg. Wo aber hatte ich schon einen Kopf so frei und freudig tragen sehen, und wo nahm das Mädchen die Züge her, die mir mit jedem Augenblick vertrauter wurden? Sie sollte jetzt einmal einen Augenblick aufhören, zu singen, daß man sie in Ruhe betrachten konnte, das feste Kinn und den blühenden Mund und die Augen, die vorhin so heiter aufgeleuchtet hatten. Aber das dauerte nicht so lang als die Beschreibung, so sagte das schon einmal angeführte Stimmlein in mir halb zweifelhaft und halb triumphierend: Maidi? Der Verstand wandte ein, die Sängerin sei größer, schmaler und von dunklerem Blond als die Maidi aus der Vaterstadt und trage die Haare tief gescheitelt und aufgesteckt, was jene auch nicht gehabt habe; worauf es sagte, natürlich, begreiflich, denn es sei fünf Jahre her seit damals, und ich müsse nicht etwa meinen, daß ich mich in dieser Zeit nicht auch verändert habe. Ich erwiderte hierauf, falls es je die betreffende junge Dame sein sollte, die aber für mich noch nie Maidi geheißen habe (jene Stunde in dem grünen Garten ausgenommen), so habe das weiter für mich nichts zu sagen. Oder ob ich vielleicht hingehen solle und fragen, ob sie sich erinnere, einmal mit mir auf dem Markt herumgestrichen und beim Kasperle gestanden zu sein? Außerdem handle es sich sicher um eine zufällige Ähnlichkeit. Das aber glaubte mein Herz, das sich auf einmal in die Sache zu mischen anfing, keineswegs, und es entstand ein heftiger Disput in mir mit Für und Wider, der nur obenhin geschweiget wurde, als auch wir Männer wieder mitzusingen hatten. Ich kam nun mit mir überein, die Sängerin, sie sei, wer sie wolle, in eine nähere Beziehung zu mir zu denken. Sie sang gewissermaßen ein Duett mit mir, zu dem die andern den Chorus bildeten. Wenn ihre Stimme empor frohlockte, so hielt ihr die meinige die Leiter dazu, und wenn ich ihr ein neues Thema angab, so ging sie lieblich und bereitwillig darauf ein und machte etwas so Schönes daraus, daß mir die Brust vor Wonne schwoll. Daß sie mich dabei nicht ansah, war weiter nicht zu verwundern, es war genug, daß ihre Stimme mit der meinigen zusammenklang, es war eine schönere Gemeinschaft, als ich sie je besessen hatte. Als die Probe aus war, verschwand sie sogleich, und ich spürte ihr auch nicht nach, denn auf der Straße wäre sie nicht mehr dieselbe gewesen, aber ich wartete mit brennendem Verlangen auf die nächste Singgelegenheit, die auch bald erschien und die heimliche Wonne fortsetzte. Es war mir jetzt, als sei die Musik, meine unbesprochene Geliebte, aus ihrer Verborgenheit hervorgetreten in einem grünen Kleide und einem Heiligenschein von blondem Kraushaar, das sich aus den Scheiteln herausdrängte, und alles sei voller Wohlklang, solange sie im Saal regiere. Aber auf einmal sah ich, daß die Göttin mich aufmerksam und prüfend ansah in einer Pause, und daß sich über ihr Gesicht ein ungläubiges Staunen und dann ein kleines Lächeln verbreitete, und sie wurde mit einem Schlag zum Menschenkind, das mich zögernd und fragweise, ob ich es auch sei, mit einem Augenwink grüßte. Da war es Maidi, ich hatte es aber schon lang gewußt.

Doch fand ich noch nicht so schnell den Weg zu ihr, denn ich war seltsam befangen, was ich sonst nicht an mir kannte, und mochte mich nicht durch die Menge drängen, oder sie am Tor erwarten. Ich sah sie aber einmal in einer Gruppe junger Leute beiderlei Geschlechts die Halle verlassen und dachte, sie habe ja wohl schon ihren Umgang und habe nicht auf mich gewartet, was ja auch begreiflich genug sei: Da suchte ich wieder in die schöne und heilsame Ichlosigkeit der ersten Wochen unterzutauchen, in der es mir so wohl gewesen war, sie ließ sich aber nicht erjagen und war vorbei, doch aus dem Meer von klingenden Wogen und Wellen war eine Gestalt aufgetaucht, nach der ich hinsehen mußte, wie nach einem anderen Ich.

Inzwischen kam das Fest heran. Ich hatte etwas so Großes und nach meinen Begriffen unirdisch Schönes noch nicht erlebt und ging nach dem ersten Abend, der nicht von Menschenstimmen, sondern von einem Riesenorchester erlesener Streichinstrumente gespeist worden war, in einem halben Rausch und einer ganzen Begeisterung in den Anlagen umher, in denen die Festhalle stand, und in denen viel Volks lustwandelte, festlich geschmückt und in guter Stimmung, denn sie waren, wie einst die Juden und die Griechen zu ihren Festen, aus vielen Orten zusammengekommen zu dem einen schönen Zweck und hatten jetzt bereits Nektar und Ambrosia gegessen und getrunken, morgen aber gab es mehr davon.

Es waren da und dort leichte Zelte zur Bewirtung der Gäste aufgestellt, die nicht von der Götterspeise allein leben mochten oder konnten, und auch in ihnen ging es zwar lebhaft und freudig, aber doch nicht ausgelassen zu, denn noch hingen, wie Weihrauchwolken von Opferaltären, die eben verklungenen Harmonien von zwei Beethovensymphonien in den Wipfeln der Bäume und stiegen, langsam einen Ausweg suchend, zum gestirnten Himmel auf. Ich suchte Olbrich und einige andere Gesellen, die sich nach Verabredung zusammen getan hatten, um noch eine Flasche Wein miteinander zu trinken und die ich hatte vorausgehen lassen, weil ich noch zu erregt war, um ihre unausbleiblichen Scherze, Kritiken und Neckereien, an denen ich mich sonst gern beteiligte, mitanzuhören. Ich summte leise die und jene Takte der Musik vor mich hin, und alle Nerven waren in mir aufgespannte Saiten, die mitspielten und mich den vollen Strom noch einmal hören ließen, und in allen Adern kreisten eingeschlossene Quellen des Lebens, die an ihre Pforten klopften, weil sie aufgerufen worden waren; es war eine Qual voller Glück. Jenseits des Rondells, das ich eben umging, trat in den Lichtkreis einer Bogenlampe, die in dem grünen Geäst eines Ahorns hing, eine Gesellschaft junger Mädchen in hellen Kleidern; sie plauderten und lachten, und als ich näher zusah, war Maidi unter ihnen. Sie war still und es schien mir, als sehe sie suchend umher, da brannte mich etwas im Innersten, denn wen suchte sie wohl, und warum mußte ich hier allein sein? Sie trug immer noch den Kopf in einer so festlichen und freudigen Haltung wie einst, ich hatte das noch bei keinem Menschen so gesehen, aber ihr Gesicht war zugeschlossen und ernst. Ich hatte stürmisches Herzklopfen und wußte nicht warum. Als der hellgefiederte Schwarm auf mich zukam, trat ich in einen Seitenweg ein und ging ihn auch zu Ende bis an eine kleine Wirtslaube, die von einer einzigen Flamme matt erhellt war. Es saßen ein paar stille Zecher darin, jeder für sich vor seinem Wein, und auch ich setzte mich an ein Ende des Tisches und bekam einen gefüllten Römer vor mich hingesetzt. Ich betrachtete einen graubärtigen Mann mit langem und schlecht gepflegtem Künstlerhaar. Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und hielt den Kopf tief gesenkt.

„Dem geht's wie mir,“ dachte ich. „Auch er ist allein und muß alles in sich selbst verarbeiten.“ Und es war mir, als müßte ich mit allem Drang in der Brust mein Leben lang für mich bleiben und einsam alt werden; ich trank ziemlich viel von dem guten und tröstlichen Wein und hörte auf einmal den Alten sagen: „Liebeskummer?“ Aber als ich ihn zornig ansah, lächelte er in sich hinein, als wisse er gar nichts von mir.

Da stand ich auf, zahlte und ging. Mir war sehnsüchtig und heimwehig zumute.

Aber am andern Tag war es vorbei. Olbrich fragte mich, wo ich gewesen sei; sie hätten lang auf mich gewartet und seien darum endlos sitzen geblieben, was ich nun zu verantworten habe, und ich verteidigte mich lachend, da sie auch früher ohne mich lange Sitzungen gehalten hätten; ich hätte noch frische Luft gebraucht nach der Hitze in der Halle.