Er sah mich aufmerksam an, denn ich ging auf einmal eigene Wege und hatte etwas Entschlossenes an mir. Ich hatte mir beim Aufstehen vorgenommen, daß heute ein Knopf an die Sache mit der Maidi gemacht werde, so oder so. Entweder ich ging hin und sagte: Guten Tag, kennen Sie mich noch?, oder ich ging meiner Wege und ließ sie laufen. Eins oder das andere.

In dieser Entschlossenheit ging ich den ganzen Tag umher und duldete nicht, daß der kleinste Zweifel darein kam, es war aber Gefahr vorhanden, daß mir das ganze Fest zuschanden kam, denn bald war ich auf dem einen Punkt, bald auf dem andern, wie konnte ich da an etwas anderes denken?

Aber es ging viel einfacher zu, als ich meinte. Denn als ich am Abend in die Halle trat, ging Maidi mit mir zu der schmalen Hintertür herein, die für die Sänger bestimmt war. Sie sah mich freimütig erkennend an und sagte: „So sind Sie es also doch gewesen. Ich habe Sie in der Probe gesehen und von weitem gegrüßt, aber Sie waren so fremd und finster, daß ich dachte, ich hätte mich geirrt, oder Sie wollten mich nicht mehr kennen. Aber jetzt ist weder das eine noch das andere wahr.“

So konnte sie wohl sagen, da sie mein erfreutes Gesicht sah, das ich ihr nicht verbarg, und den festen Druck spürte, mit dem ich in der Erleichterung meines Herzens ihre Hand hielt und schüttelte.

War sie es denn aber noch bei näherer Betrachtung? Oder wie war das Wesen, in welches das zutrauliche, lustige Mädchen von damals sich verwandelt hatte, beschaffen? Gott sei Dank, nicht viel anders, als ich sie noch im Sinn hatte, das heißt: aufrecht und mit erwartungsvoll schreitendem Gang, sicher, freudig und einfachen Wesens, ohne alle Ziererei, aber dabei königlich in der Haltung, wie sie es von ihrem silberglänzenden Großvater ererbt hatte. Es war aber noch viel hinzugekommen, was ich nicht aufs erstemal erfassen konnte, und worin sie mir weit über war. Denn sie hatte in ihrer blühenden Jugend dem furchtbaren Ernst des Lebens ins Gesicht gesehen und eine Reife dabei empfangen, die man mit Schmerzen zahlt und mit dem Zauber der hinträumenden Unbewußtheit. Schicksale waren vor ihr aufgestanden, die ihre nächsten Menschen betrafen; es war nicht so einfach, gut zu sein und friedlich beisammen zu wohnen. Man konnte mit Leidenschaften beladen in der Welt umher irren und daran zugrunde gehen, und es konnte dann dennoch das Wunder über einen geschehen, daß im tiefsten Elend noch die Liebe sich aufmachte und erlösend zu einem trat; so war es bei ihrem Vater. Und es konnte sein, daß die liebste Liebe verraten und zertreten wurde und litt und doch nicht unterging, sondern wie ein bedecktes Feuer unter der Asche weiter glühte und wartete. Aber wenn dann ihre Zeit noch einmal kam und ein Sturmwind sie neu anblies, dann mußte sie andern nehmen, was sie dem einen gab, und es war eine Not ohnegleichen. So war es bei ihrer Mutter, die sich von den Kindern gelöst hatte und von dem alten Vater, um zu dem Mann zu gehen, der ihr Glück und ihr Unglück gewesen war. Und es konnte kommen, daß man sich zwischen zwei liebste Menschen stellen mußte und den, der einem am wehsten tat, decken vor dem, dem man im stillen recht gab, der Sache nach. So war es Maidi gegangen, als der Großvater gegen die Mutter tobte und fluchte, daß sie gehe. Sie hätte sie gern gehalten, denn war nicht hier ihre Aufgabe und ihre Heimat? Wie konnte sie dorthin gehen, wo ein unnennbares Grauen wohnte? Und doch küßte sie die bleichen Lippen, die immer sagten: ich muß doch, begreift es denn niemand?, und hieß sie gehen, obgleich es ein dunkles Rätsel war. Voller Rätsel war das Leben und auch voller Stürme. Der heitere Greis mit seiner prachtvollen Lust am Leben wurde dennoch vom Tod hingemäht, und auch sein Glanz war nicht ohne Trübung. Denn er hatte nie für die Zukunft gesorgt, weder für sich, noch für die Seinen. Sparen und vorsorgen schien ihm eine geringe und hausbackene Tugend zu sein für Krämer und enge Bürger recht, aber nicht für Könige, Lieblinge des Lebens und der Kunst. Er war bewundert gewesen, geliebt von Frauen und Männern, heiter, freigebig und voll gütiger Launen, aber es blieb nichts übrig für die geliebten Kinder seiner Tochter, die in Fülle und mit dem leuchtenden Sinn für das Schöne herangewachsen waren. Das alte Haus und der grüne Garten waren verkauft, es war nicht leicht, daran zu denken und nicht leicht, das geliebte Bild des alten Herrn ganz strahlend hell im Herzen zu haben.

Schwer und unbegreiflich war vieles im Leben; es meißelte weiche, jugendliche Züge und gab ihnen feste, bestimmte Linien, und es ließ lachende Augen, die überall den Sonnenschein auffingen, wach und wissend in den Tag sehen.

Das alles erfuhr ich erst nach und nach, aber etwas davon ging mir beim ersten Sehen auf, ein Ernst und eine reife Überlegenheit, vor der ich fast erschrak, denn ich hatte das nicht erwartet. Aber Gott sei Dank, es hatte das Jungsein doch noch daneben Platz oder vielmehr, es brach daraus hervor, wie eine verschüttete Pflanze aus wüstem Geröll oder wie der Saft aus einem zurückgeschnittenen Baum, der übermächtig treibt und die Wunden zudeckt mit neuen grünen Trieben. Es mußte ja nicht immer so düster kommen, man hatte ja sein eigenes Leben zu leben, das erst vor einem lag und in dem es gut und hell zugehen mußte, allem Dunklen zum Trotz.

Das alles gab mir Maidi nach und nach zu sehen und zu kosten, den Ernst und den Stolz und das Lachen, ich habe es aber gleich auf einmal heraufgeholt, weil ich meine, keinen Zug ihres geliebten Bildes verschweigen zu können, wenn ich von ihr rede, auch keinen Augenblick.

Sie war nicht auf der Malerakademie, wie meine Schwester Luise gemeint hatte, sondern in einer Kunstgewerbeschule, wo sie in absehbarer Zeit zu Beruf und eigenem Verdienst kommen konnte. Ihr Bruder, den sie sehr liebte, war irgendwo auf einer Hochschule, wozu ihm Stipendien verhalfen aus reichen alten Stiftungen eigener Vorfahren. Er war begabt, und sie war stolz auf ihn, sie war nicht im Zweifel, daß es einmal wieder gut kam im Leben.

Von dem allem erfuhr ich bei der ersten Begrüßung nur das Äußerlichste, so viel ungefähr, daß ich wußte, ich habe es nicht mit einem Wesen zu tun, das nach eigener Wahl und aus innerem Müssen den schönen Künsten nachfolge, sondern mit einem solchen, das genötigt sei, auf eigenen Füßen zu stehen und selbstverdientes Brot zu essen. Aber freilich mußte das Brot auf einem Acker gewachsen sein, dem es zwischen den Ähren nicht an rotem Mohn und blauen Kornblumen fehlte, denn ohne Schönheit wäre sie geistig oder seelisch Hungers gestorben.