Wir waren ein paarmal miteinander vor der Halle auf und ab gegangen, da noch etwas Zeit übrig war vor dem Beginn des Konzerts, und hatten das Nötigste vom Woher, Wohin und Wieso miteinander geredet, aber unversehens doch als solche, die einander etwas angehen. „Ist es nun nicht wunderbar,“ sagte Maidi, „daß wir Landsleute und Stadtkinder hier in der Fremde zusammentreffen? Hätte es nicht jedes von uns ebensoviele Stunden weit nach einer andern Richtung hinwehen und absetzen können, wo dann keines etwas vom andern gewußt hätte?“ Das sagte sie so drollig und mit sichtlicher Freude an dem Geschehen, daß ich erleichtert anfing zu lachen, denn ich mußte mir bildhaft vorstellen, wie uns der Wind nach verschiedenen Richtungen getragen und niedergelassen hätte, und Maidi fiel so herzlich in mein Lachen ein, als ob sie schon lang nicht mehr recht gelacht hätte und nun die erste Gelegenheit dazu ergreife. Dabei hatte sie auf einmal wieder die Züge, die ich gut an ihr kannte, es fiel mir ein, daß ich sie auch in der Konzerthalle zuerst lachend erblickt hatte, und ich teilte ihr das mit.

„Ja,“ sagte sie wieder ernsthaft und wie in einer kleinen Bekümmernis, „es hat vieles Platz nebeneinander in einem Menschen. Es wundert mich oft selber. Ich habe es an mir, daß mich das Komische, besonders wo es wichtig auftritt und sich breit macht, überwältigt und ich dann alle Kraft brauche, um die Lachlust zu unterdrücken. Das kann mir in der Kirche geschehen oder bei einem an sich traurigen Anlaß; ich bin schon bös damit hereingefallen. Es darf nur jemand ein großes Pathos entfalten oder eine strenge Amtsmiene aufsetzen bei einer unwichtigen Sache, oder schwänzelnd hinter einem Leichenwagen einherschreiten, gleich steigt es mir auf mit aller Macht. Es ist dann nur gut, wenn mein Bruder nicht in der Nähe ist, der es auch so hat. Allein werde ich eher damit fertig, es dauert dann nur einen Augenblick. Wenn ich ihn aber nur von hinten sehe, wie er mit den Achseln zuckt, so weiß ich schon Bescheid, nämlich daß er lautlos in sich hineinlacht, und dann bin ich verloren.“

Das alles sagte sie ernsthaft und als ob es ihr Not bereite, und es war vielleicht auch der Fall, aber es saß doch ein Schelm in ihren Augenwinkeln, und ich hätte uns jetzt gleich einen der beschriebenen Anlässe hergewünscht, um den Bruder zu vertreten, denn das war so recht eine Sache für mich. Das Zeichen erscholl, das die Sänger an ihren Platz rief, und Maidi enteilte mir, ich aber begab mich in der besten Laune zu meinen Sangesbrüdern, hochgestimmt und aufgeheitert zu gleicher Zeit.

Wenn – weil ich schon einmal das Meer zum Vergleich angeführt habe, für das Zusammenfließen so vieler und starker Tonmassen – im großen Weltmeer hie und da zwei aufblitzende Wellchen mit lustigen Schaumkrönlein einander von weitem erblicken und grüßen und darnach wieder untersinken in die weitausgereckten Arme des Meeres, so haben sie es, wie wir beide, Maidi und ich, an diesem Tage es hatten. Wir waren eins mit dem Ganzen und hingegeben an dasselbe, andächtig und voller Lust und doch auch wieder selber etwas, das mit Zunicken und freudigem Grüßen das andere suchte. Ich weiß, daß es nicht nur bei mir so war, es war auch in Maidi eine Freude, hier in der Fremde und in der Gegenwart, die so ganz anders war als die Heimat und die Vergangenheit, einen zu finden, der bis ins Kinderland zurückreichte; und so, erwärmt und heimatlich angerührt, sang sie sich, untertauchend und wieder emporgehoben, in eine still-beseeligte Wonne hinein, wie sie mir später einmal mit aufleuchtenden Blicken erzählte. Als nun der Schlußchor einer Kantate und zugleich der des Abends kam und ein sieghaftes Getöne anhob, in dem immer eine Stimme der andern zurief: Frohlocket – und singet – und die andere es aufgriff und weitergab, bis zuletzt ein großes allgemeines Frohlocken entstand, das die Wände zu eng machte und in die Nacht hinausschallte, da war es uns eben recht, wir frohlockten und sangen – und sangen und frohlockten, so viel wir konnten, und hatten den starken Widerhall in der Brust. Es war mir aber, wie wenn ein helles, lustiges Glöcklein neben einem vollen Domgeläute für sich bimmelt, als ich auf einmal sah, wie über Maidis Gesicht mitten drin ein Lachen lief, das ich begierig war, noch oft zu sehen. Denn es gingen ihr neben allem Großen her kleine lustige Geisterchen, die stiegen auf und saßen rittlings auf den hohen Wogen, wie rosige Engelsbübchen; dann war sie köstlich anzusehen.

*

Es begab sich wie von selbst, daß ich von jetzt an öfter mit Maidi zusammen kam, die mich mit einer großen Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit an ihrem Leben teilnehmen ließ, soviel sich davon ereignen wollte. Sie stand in festen Schuhen, in viel festeren als ich. Als ihr Herkommen in seinen Grundlagen erschüttert worden war, da hatte sie sich auf sich selbst besonnen. Es war da noch etwas Eigenes, das nicht hinwegstarb und nicht verkauft werden konnte, ein köstlicher Besitz, mit dem es sich leben ließ. Ich muß etwas aus mir selber machen, wußte sie, und muß auf eigenen Füßen stehen. Sie sah klar in ihre Zukunft hinein und wußte, was sie wollte und was sie erreichen konnte, was mir stark imponierte, da es bei mir damit nicht zum Besten bestellt war. Zwar was ich wollte, wußte ich auch, wenn man das Wollen heißen kann, daß einer überzeugt ist, es müsse ihm alles Gute in den Schoß fallen oder vielmehr alles Angenehme. Ich war damit aufgewachsen, daß ich haben konnte, was ich begehrte, und gerade der Umstand, daß ein neues Verlangen immer auf der Schulter eines erfüllten Wunsches gestanden war, hatte mich daran gewöhnt, auch höher gehängte Dinge für erreichbar zu halten. Das war ja an sich nichts Unrichtiges, ich konnte ebensogut wie ein anderer gescheiter Kerl vorwärts kommen, es fragte sich nur, ob ich alle Kraft zusammennehmen und arbeiten wollte. Aber so war es nicht gemeint bei mir, denn das, was man so am ebenen Weg erreichen konnte, war nicht genug.

Es ist nicht angenehm, es mir zu unterbreiten, aber es hilft alles nichts: ich wollte eine Lebensstellung haben, in der ich geehrt und angesehen war in den Kreisen, die einen Zaun um sich zogen von Geld und von Bildung, und in einem schönen Hause wohnen mit einer eleganten, schönen und vornehmen Frau und was mehr zu dem allem gehörte.

Ich konnte es verlangen, daß es so kam, denn, war nicht seither auch eins aus dem andern gekommen bei mir, seit ich ein kleines Bübchen gewesen war? Also mußte es auch weiter gehen in aufsteigender Linie. Wie? Das wußte ich freilich nicht. Denn obgleich ich ja eigentlich ziemlich viel Selbstgefühl hatte, dachte ich doch nicht daran, die günstigen Wendungen in meinem Leben durch eigene Kraft herbeizuführen, sondern ich erwartete sie von glücklichen Zufällen oder Schickungen, die ja rechtzeitig eintreffen mußten. Ich hatte mir eine Art von Lebensanschauung zurecht gemacht, die der Bescheidenheit den Tod schwor und große Männer dabei zum Zeugen aufrief, freilich in ganz falschem Sinne, nämlich so, daß, wer mit einem niederen Los zufrieden sei, auch kein höheres verdiene, wer es aber in sich habe, den treibe es hinauf. Das wäre alles schon recht gewesen, wenn es mir um die Sache selbst und nicht um die Nebendinge zu tun gewesen wäre, und wenn mich ein inneres Feuer gedrängt hätte, als Meister und Schmied meines Schicksals aufzutreten und es so zu hämmern, wie ich es zu brauchen meinte, und wie es ins Einzelne auszuspinnen meine geschäftige Phantasie nicht müde wurde.

Ich habe, nachdem ich meine Lehrgelder bezahlt und meine Umwege gemacht habe, wohl gelernt, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Damals hieß ich Schönheitssinn, was bereits ins Kraut geschossen und Begehrlichkeit geworden war, und Aufwärtsstreben, was erst recht am Boden klebte.

Nun, es ist mir nichts geschenkt worden.