Ich hütete mich wohl, meine Weisheiten vor Olbrich auszubreiten, der ja gerade ein Beispiel dafür gewesen wäre, wie innewohnende starke Kräfte Schicksalsleiter sind, und trug sie dagegen zu Maidi, zu der ich alles Zutrauen hatte, und die mich auch mit allem aufnahm, was ich vorbrachte, ohne mir aber blindlings recht zu geben, so daß sie sowohl meine Zuflucht als auch mein Gewissen war, obgleich ich ihm freilich nicht folgte. Es zog mich zu ihr und vielleicht nicht am wenigsten darum, weil ich etwas von ihrer freudigen und ernsten Kraft spürte, die sie nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg wollen ließ, und die mir Respekt einflößte.

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Ich hatte oft das Gefühl, als ob ich Maidi bedauern müßte und mich glücklich preisen, da sich das Blatt so gewendet hatte, seit unsern Kindertagen. Denn hatte sie nicht alles gehabt und alles verloren, was mir wie ein fernes Paradies noch im Gedächtnis war? Und mußte sie nicht ihr schönes junges Leben nun in den Zeichensälen versitzen und auf ein Pflichtendasein ausgehen?

Und war ich nicht, der ich einstmals geweint hatte vor Scham über unser ärmliches Häuschen, auf dem besten Wege zu einer allerschönsten Villa (wenigstens in meinen Tagträumen)?

Ach, ich wußte nicht, um wie vieles sie mir voraus war, der ich noch so gar nicht geschult war im Lebenskampf, dem es an Erschütterungen äußerer und innerer Art bisher gänzlich gefehlt hatte, um zu irgendeiner Tiefe zu gelangen. Wie wenig kannte ich von den ernsteren Seiten des Lebens; wie wenig riß mich ein starkes Müssen auch nur in mir selbst zum Guten oder Bösen nach irgendeiner Seite. Ich war eine der sogenannten glücklichen Naturen, die von vielen so gern gesehen werden, weil es sich mit ihnen behaglich und ohne viel Reibung leben läßt, und denen das eigentliche Glück, das errungen sein will, so leicht entgeht, da sie es nicht zu rechter Zeit erkennen und dafür irgendeinem Scheingebilde nachgehen. Doch, was ich versäumt und gesündigt habe, habe ich bezahlen müssen. Und – wie ich auch gewesen sein mag, es war eine Zeit in meinem Leben, da Maidi mich liebte.

Ich habe oft versucht, mich mit diesem Wort wie mit einem Schilde zu decken und bin gewiß, daß Maidi, wenn sie könnte, trotz allem, was ich ihr angetan habe, sagen würde: „Tue es nur, denn es ist wahr, und ich wußte wohl, was ich tat, als ich dich liebte.“

Aber der Schild kann mich nicht vor mir selber schützen, und Maidi kann ihn nicht über mich halten. Wenn ich in grauen Stunden über das lieblichste und traurigste Kapitel meines Lebens nachsinne, so höhnt etwas in mir: Kann auch einer, der im Angesicht der Sonne schlimme Taten verübte, ja die Sonne selber gering achtete, sich trösten, daß er doch von ihr beschienen worden sei und es also wert gewesen sein müsse?

Dann aber sagt eine liebe Stimme: „Gräme dich nicht länger. Wir tragen alle unser Schicksal in uns selber und müssen es vollenden. Das war das Liebste an meiner Liebe, daß ich dich vor dir selber schützen wollte; nun tue du es selbst.“

Ich mußte das vorausschicken, um mir Mut zu machen für das, was ich nun aufschreiben will, und was ich gern verschieben möchte, wie Kinder tun, wenn sie eine Dummheit oder Bosheit bekennen sollen und tausend Umschweife machen, ehe sie mit der Sprache herausrücken. Ein unverschuldetes Unglück verhehlen sie nicht, sondern verkündigen es mit lautem Geschrei des guten Gewissens.