Maidi hatte, als sie die Kunstgewerbeschule bezog, etwas mitgebracht, was ihr ebenso nützlich war, wie der kleine Vermögensrest, von dem sie die paar Jahre leben und ihre Studiengelder bestreiten konnte. Es konnte nicht verborgen bleiben, daß sie in einer Umgebung aufgewachsen war, in der die Kunst oberste Regentin war, und zwar die frei schaffende Kunst, die ohne Nebenzweck und nur vom Genius befruchtet, Schönstes und Lebendigstes schafft, die aber doch, eben wenn ein wirklicher Künstler sie besitzt, das Technische, Handwerksmäßige ebenso wichtig nimmt und beherrscht wie das geistige.
Es mußte auffallen, mit welch raschem Verständnis Maidi den Anweisungen der Lehrer in den praktischen Fächern entgegenkam und wie sie sich, zwar bescheiden, aber auf Grund einsichtigen Nachdenkens, hie und da erlaubte, eine kleine Änderung in einer Sache vorzuschlagen, die man ihrer Meinung nach auch anders angreifen konnte. Auch mochte es ungewöhnlich zu sehen sein, wie sie bei Anhörung der theoretischen Vorträge, die ihr Studium betrafen, entweder mit dem lebhaften Interesse dessen, der schon die nötigen Grundlagen hat und darum leicht folgen kann, oder mit dem einverstandenen Lächeln und Kopfnicken dessen, der Bekanntes neu vortragen hört, dasaß. So dauerte es nur kurze Zeit, bis sie vom Direktor der Anstalt nach ihrem Herkommen befragt wurde, und, als sie den Namen ihres Großvaters nannte, von ihm in einer gewissen Art und Sprache, wie sie eine Kaste untereinander hat, angeredet und behandelt wurde. Er lud sie auch bei Gelegenheit in seine Familie ein, und seine Frau war es, die Maidi ihrerseits in den Singverein eingeführt hatte. Diesem trat sie aber nicht als ordentliches Mitglied bei, sondern beteiligte sich nur bei besonderen Anlässen an den Chorgesängen. Auch benützte sie ganz selten die Gelegenheit, in der Familie des Direktors einer größeren Geselligkeit beizuwohnen, obgleich ihr diese offen gestanden wäre. Beidem aber entzog sie sich mit einer ruhigen Bestimmtheit, die mich aufs neue in Erstaunen setzte, und die wohl zeigte, wie gut sie wußte, was sie wollte und auch was sie nicht wollte. Denn als ich sie einmal fragte, ob sie das alles ihrer Arbeit zulieb unterlasse, auf die sie auch ihre Abendstunden vielfach verwendete, sagte sie lachend: „Es ist gut, daß ich sie vorschieben kann, aber wenn mich etwas so recht von Herzen locken würde, so würde ich ebensogut bummeln und Nebendinge treiben, wie Sie.“ Das traf mich einigermaßen, denn ich glaubte meinem Beruf auch die nötige Pflege angedeihen zu lassen, und ich sagte es auch. Maidi aber fuhr fort, ein Muster, das sie heut entworfen hatte, in Kerbschnitt auszuführen, und sagte, nicht von der Arbeit aufblickend: „Es ist verschieden, was man unter nötig versteht. Mancher hält nur für nötig, daß er seine Schuldigkeit tut, und mancher ist unzufrieden mit allem, was er außer dem einen tun muß, es kommt darauf an, wie stark man mit einer Sache verheiratet ist.“ „Und Sie also glauben, stärker mit Ihren Kerbschneidereien verheiratet zu sein, als ich es mit meinen Büchern bin?“ sagte ich zänkisch, denn ich wollte auf keine Weise unten durch sein. „Dann lassen Sie sich nur sagen, daß ich mir an die andere Hand mit der Zeit noch eine Frau antrauen lassen werde und vergnügt mit beiden zu leben gedenke; Sie aber, werden Ihre Künste verlassen, sobald der Rechte kommt, der Sie heiraten wird.“
Ich war selbst betroffen, als mir das törichte und flegelhafte Gerede entfahren war und hätte es gern ungeschehen gemacht; denn ich dachte im Herzen gar nicht so, im Gegenteil reizte es mich, daß Maidi ihrer Sache so sicher war.
Sie schien mir oft viel mehr als ein guter Kamerad, denn als eine junge Dame, und das um ihrer eifrigen Berufsarbeit willen; sonst war sie ja schön und lieb und bewunderungswürdig genug.
Jetzt aber sah ich, wie Gesicht und Nacken der gebückt Dasitzenden langsam von einem lichten Rot bedeckt wurde, das sich tiefer färbte und ebenso langsam wieder zurückging. Maidi rührte sich nicht, aber ihre Hände zitterten ganz leise, fast unmerklich.
Da kam es mir mit einer leichten und warmen Wallung herauf: „Sie ist doch auch eine Frau und hat alles in sich, was zu einer solchen gehört, ich aber bin ein Esel von der besseren Sorte,“ und das letztere sprach ich auch reumütig aus.
Da blickte Maidi auf und sah mich an, zuerst mit zornig zusammengezogenen Brauen, dann mit einer kleinen, bösen aber lustigen Grimasse und sagte: „Stimmt,“ worauf wir beide anfingen, zu lachen, ich in einer unsäglichen Erleichterung. Darauf besprachen wir einen Sonntagsausflug, an dem sich diesmal Olbrich beteiligen wollte, den ich mit Maidi bekannt gemacht hatte, und plötzlich sagte Maidi nachdenklich: „Eigentlich, wenn ich's recht überlege, bummle ich doch auch ziemlich viel und zwar mit Ihnen, ich weiß nicht, was Sie wollen,“ und dann lachten wir aufs neue, denn es kam nicht darauf an, ob es klug oder dumm geredet war, wir mußten nur gute Freunde sein.
*
Olbrich machte sich sehr gut als Wandergenosse. Wir waren mit der Bahn, wie wir öfters taten, bis an einen Punkt gefahren, von dem aus wir das Gebirge leicht erreichen konnten, und stiegen nun frisch bergan, denn wir hatten uns einen ziemlich weiten Weg vorgenommen. Da war es nun Olbrich, der meinen allzuweit ausgreifenden Schritt durch seinen gemäßigteren hemmte. Ich hatte nie daran gedacht, daß es für Maidi vielleicht beschwerlich sein könnte, so ohne Schonung der Kräfte drauf los zu steigen, wie ich ja überhaupt nicht die Anlage hatte, nach anderer Leute Möglichkeiten zu fragen, solange sie sich nicht beschwerten. Olbrich aber zeigte sich von einer aufmerksamen Ritterlichkeit, die mir auffiel, weil ich sie selber nicht besaß, und zwang mich nur durch sein Wesen, nun auch die Augen aufzumachen. Da sah ich denn freilich, daß Maidi eine helle Röte im Gesicht hatte und viel kürzer und schneller atmete als wir, und ich stellte auch diese meine Bemerkung fest. Sie lachte mich aber aus, da es, wie sie sagte, damit an andern Tagen viel schlimmer gewesen sei, und das heutige Tempo ihr sehr zusage, und fügte, wie etwas Nebensächliches, hinzu, sie habe einen kleinen Herzfehler, der aber nicht viel ausmache, da schon verschiedene Personen in ihrer Familie mit einem solchen alt geworden seien. „Und ich denke auch alt damit zu werden,“ sagte sie triumphierend, „denn ich habe eine solche Lebenslust in mir, daß alles Krankhafte davor ducken muß. Ich glaube, man kann es überwinden durch den Willen zum Gesundsein und durch die Übung aller Kräfte,“ und dabei reckte sie sich hoch auf und warf den Kopf in der ihr eigenen sieghaften Weise zurück, daß ich tatsächlich dachte, sie sei jedem Feind in sich gewachsen und habe es in der Hand, zu leben, so lange sie wollte, obgleich ich ein kleines Unbehagen über ihren Herzfehler nicht zu unterdrücken vermochte. Oder vielmehr war es ein halb ärgerliches Staunen darüber, daß das blühende und vollwertige Wesen da neben mir eine Beschädigung mit sich herumtrage; es war, wie wenn man beim Anstoßen an einem schönen Kristallglas ein ganz feines Klirren hört, das von einem noch verborgenen Riß zeugt. Er ist noch nicht mit den Augen wahrnehmbar, aber man weiß, daß er da ist, und das Glas kann eines Tages in Stücke gehen. Doch kam ich schnell über das dunkle Unlustgefühl hinüber, da ja Maidi selber nichts aus der Sache machte, und auch auf dem jetzt erreichten Höhenweg leicht und mühelos neben uns herging.
Olbrich aber sagte trocken und fast väterlich: „Sie müssen dann nur Ihr Herz vor großen Strapazen bewahren, die mag es nicht leiden,“ und meinte damit das körperliche Herz, das sie ein wenig schonhaft halten sollte; aber es fiel doch uns allen dreien ein, daß die Ausführung dieses Rates bedeuten würde, das ganze stark lebendige Menschenkind von den Gluten und Stürmen des Schicksals abzuschließen unter einer Glasglocke zahmer Vorsicht und Selbstbewachung, wozu sich Maidi gar nicht eignete. Sie schüttelte auch den Kopf und sagte: „Schonen, würde ich nicht leben heißen,“ und brachte das Gespräch absichtlich auf andere Dinge. Unter anderem beschrieb sie Olbrich und mir, der ich nicht viel mehr davon wußte, als er, ihr großväterliches Haus von außen und innen, die breiten Treppen mit dem geschnitzten Geländer, den großen Vorplatz mit den Stuckdecken und den Flügeltüren, was alles deutlich von den alten Geschlechtern sprach, die sich das Haus erbaut und ausgeschmückt und die es bewohnt hatten. „Wir selbst waren andere, als sie, und nun wohnen wieder andere darin,“ sagte Maidi, und obgleich ihre ganze Beschreibung lebhaft und farbig gewesen war, merkte man jetzt plötzlich an ihrem Ton und Gesichtsausdruck, daß sie von Heimweh und Trauer nach dem Gewesenen ergriffen war. Sie schwieg eine Weile, und ich sah Olbrichs Augen mit bewundernder und bewegter Zärtlichkeit auf ihr liegen; Maidi konnte das aber nicht gewahr werden. Sie ging wohl in Gedanken die Treppe hinunter und durch das schmale Seitentürchen in den grünen Garten hinaus, der mir immer noch als Bild des Paradieses vor Augen schwebte. Aber lange konnte das nicht dauern; es kehrte ein heller Schein in ihre Augen zurück, und sie sagte: „Auf dem oberen Boden ist noch eine große Rumpelkammer voll schöner Sachen, die uns gehören, meinem Bruder und mir: Bilder und Geräte, Zinn- und Silbersachen, die wir besonders lieben, ein paar geschnitzte Lehnstühle und eine eichene Truhe voller Teppiche und Kissen; das alles wartet auf uns und steht jetzt im Dunkeln, denn die Fensterladen sind geschlossen. Am leidesten tun mir die schönen Bilder, die mit dem Gesicht an der Wand lehnen und die wohl gar nicht begreifen können, wo die Leute hingekommen sind, die immer so fröhlich unter ihnen herumgingen.“ Sie lächelte uns an, wie entschuldigend, daß sie von solchen Dingen redete, die uns vielleicht fern und fremd sein konnten, und ich wunderte mich heut zum zweitenmal über Maidi, da sie weich und fein und verletzlich war, von sehnlichem Gemüt, und nicht nur Kraft, Willen und freudige Sicherheit besaß. Aber sie war mir so um so lieber; ich konnte mich gar nicht ersättigen, sie reden zu hören und sie anzusehen, und ich wunderte mich nicht über Olbrich, dem es auch so ging, ja der sie von Zeit zu Zeit verstohlen ansah, wie ein seltenes Wunder.