Ich erinnere mich eines schönen Platzes, an dem wir einige Zeit rasteten und ein mitgenommenes Vesperbrot aßen. Maidi teilte es aus und war so heiter wie nur je, was dann uns wieder zu allerlei Scherzen und Neckereien anfeuerte, in denen die ungewohnte Rührung und Herzbewegung bald unterging. Wir saßen unter einer Gruppe von hohen, schlanken Kiefern, die eine kleine, steil abfallende Waldlichtung bekrönten. Über diese Lichtung hin ging der Blick in ein jenseitiges Flußtal, aus dem sich wieder Berge erhoben, mit dunklen Wäldern bedeckt und hinter ihnen neue Höhenzüge, blau verschleiert; es sah aus, als sollte es so in die Unendlichkeit hinein fortgehen. Der Fluß, der hier ein geringes Gefälle hatte, schien ganz still in seinem Bette zu liegen, an das sich junger Wald nahe herzudrängte; auf einer der ferneren Höhen lag ein Dorf oder ein kleines Städtchen mit Resten einer alten Befestigung, deren zerbrochene Mauern von dunklen Bäumen beschattet waren, und zwischen denen ein trotziger Kirchturm schwer und ungefüge heraussah. Das Ganze aber lag unter dem blauen Septemberhimmel in der goldensten Sonne und winkte von seiner Ferne her, seltsam verlockend zu uns herüber, so daß wir erwogen, ob wir es nicht einmal aufsuchen wollten, denn damals waren unsere Wanderfüße gelüstig nach allen Höhen und Fernen.

„Ach, ich weiß nicht,“ sagte Maidi, „von nahem ist es vielleicht nicht mehr so schön, wir können uns aber von weitem alles Schönste hinter den alten Mauern denken.“ Sie hatte sich im blühenden Heidekraut ausgestreckt und sah, die Arme unter dem Kopf verschränkt, zwischen den Bäumen durch zum blauen Himmel auf, fing aber bald an, zu blinzeln und schloß mit einem wohlig tiefen Seufzer die Augen.

Da legten auch wir uns nieder und wenigstens ich war bald eingeschlafen.

Es war mir aber nach einiger Zeit, als ob ich im Traum einen lieblichen Gesang vernehme, der verhallen müßte, wenn ich mich rühre, und ich hielt mich auch noch auf der Schwelle des Erwachens ganz still; es war mir unsäglich wohl zumute dabei. Als ich aber dann dennoch die Augen aufschlug, sah ich Maidi ein Stückchen entfernt von uns am äußersten Rande des Abhangs stehen mit in die Ferne gerichteten Augen und hörte sie ein Lied singen in einer Melodie, die ich noch nie gehört hatte, und von der mir jetzt noch hie und da verwehte Bruchstücke in der Erinnerung anläuten, lieblich und voller Heimweh. Im Tale geisteten schon die frühen Abendnebel um den Fluß und das junge Erlengebüsch an den Ufern, die Häuser und Türme auf dem Berge aber waren von der sinkenden Sonne in rote Glut getaucht, und Maidi sang: „Du bist Orplid, mein Land, das ferne leuchtet.“ Aber ob sie in Wahrheit eine unsichtbare Ferne suchte und wo diese lag, wußte ich nicht, und nun kann ich sie auch nicht mehr fragen. Sie kehrte sich zu uns her und wir stiegen unsern Weg nieder, der sich bald ins Tal senkte, in die Abendschatten.

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Solcher Gänge zu allen Jahreszeiten könnte ich noch viele beschreiben; es sähe dann aus, als ob die Zeit stillgestanden wäre, um uns eine Weile jung und heiter und schicksalslos sein zu lassen. Aber das tat sie nicht, sondern sie ging ihren gemessenen Schritt und nahm uns alle mit, jeden in sein Verhängnis hinein.

Olbrich war eine Zeitlang als der fröhlichste Kamerad bei allem dabeigewesen, und ich dachte oft mit Befriedigung, so müßte es immer fortgehen. Denn ich lebte wie ein Schlaraffe in den Tag hinein zwischen den liebsten und erfreulichsten Menschen hin und hatte dabei immer noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten vor mir, was mir vor allem zusagte. Maidi und Olbrich hatten diesen Ausdruck, den ich hie und da genießerisch gebrauchte, wie man einen besonderen Leckerbissen auf der Zunge zergehen läßt, von mir aufgefangen und neckten mich damit, was ich mir gerne gefallen ließ; doch hatten sie ja immerhin so viel Freiheit des Handelns wie ich, und ich sagte ihnen das auch. Maidi konnte aber bei einem solchen Gespräch aus aller glücklichen Heiterkeit heraus ernst werden und leise den Kopf schütteln, denn sie wußte gut genug, was es mit den unbegrenzten Lebensmöglichkeiten und der Freiheit auf sich hat. Das Furchtbarste konnte plötzlich wahr werden und auf dem Wege stehen unausweichlich; einzig tätig zu sein und unablässig den Schatz in sich selbst zu vermehren durch Lernen und Arbeiten, gab etwas wie eine Sicherheit.

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Wir waren eine Zeitlang wegen anhaltend regnerischen Wetters nicht mehr ausgeflogen; jetzt hatten kräftige Winde den Boden wieder aufgetrocknet, und ich sehnte mich darnach, einen tüchtigen Marsch zu machen und zugleich einen jungen Buchenwald, den ich besonders liebte, wieder zu sehen. Denn er mußte, da es Frühling war, während des Regenwetters grün geworden sein, und ihn so im ersten Schmuck zu sehen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich kam mit Olbrich aus einer Singstunde, und wir lenkten fast von selber unsere Schritte an dem Haus vorbei, in dem Maidi wohnte. „Vielleicht ist sie noch auf, und wir können sie fragen,“ sagte ich; denn es war selbstverständlich, daß sie an dem Gang teilnehmen mußte. Aber ihre Fenster in der Mansarde des kleinen Hauses waren schon dunkel, nur unten schien noch Licht durch geschlossene Fensterladen, und als wir näher kamen, hörten wir ein Kinderweinen. Da kamen auch gerade eilige Schritte hinter uns her, und als sie uns einholten, war es Rosa, das Dienstmädchen der jungen Pfarrerswitwe, der das Häuschen gehörte, und bei der Maidi in Kost und Wohnung war. Sie kannte uns gut, denn sie hatte uns schon manchesmal die Treppe zum Oberstock hinaufgeleuchtet; besonders mir, von dem sie wußte, daß ich Maidis Landsmann und Kindheitsbekannter war, galt ihr halb vertraulicher Gruß.

Sie sagte unaufgefordert und etwas erregt, das Fräulein sei unten in der Kinderschlafstube. Es sei eines der Kinder erkrankt, und die Mutter sei auf zwei Tage verreist; nun habe sie, Rosa, in die Apotheke gehen müssen, um ein Mittel, das die Frau gewöhnlich anwende, zu holen, da es gerade nicht im Hause gewesen sei; das Fräulein aber sei einstweilen bei den Kindern geblieben, die ohnehin an ihr hängen, fast wie an der Mutter, oder doch wenigstens wie an ihr, der Rosa.