Ich hörte nur halb nach dem Bericht hin, da mich nur das eine daran interessierte, daß Maidi noch auf und also zu sprechen sei und sagte der Rosa, wir hätten etwas Dringendes zu fragen, worüber sie sich trotz der späten Stunde nicht besonders zu wundern schien. Sie ließ uns ins Haus und ins Wohnzimmer eintreten, und bei dem Geräusch unserer Schritte und Stimmen kam Maidi aus dem anstoßenden Schlafzimmer, um zu sehen, was es gebe. Sie hatte das kranke Kind auf dem Arm; es war in eine leichte Steppdecke eingewickelt und hatte das Köpfchen auf Maidis Schulter liegen, hob es aber auf, um uns neugierig anzublinzeln und hielt mit dem kläglichen Weinen, das wir eben noch gehört hatten, eine Weile ein, da es über dem neuen Anblick sein Übelbefinden auf kurze Zeit vergaß. Erst an Maidis erstaunten und etwas erschreckten Augen, die zu fragen schienen, was es denn so spät noch gebe, fiel es mir ein, daß der Besuch zu dieser Stunde nicht üblich sei, und ich brachte unser Anliegen schleunigst vor, um wenigstens einen triftigen Grund dafür angeben zu können. Da brach Maidi in ein herzliches Lachen aus, das mich aus der kleinen Verlegenheit erlöste, wie schon oft in ähnlichen Fällen, und sagte: „Gott sei Dank! Ich habe schon an irgendein Unglück gedacht, das ich heute nacht noch erfahren sollte; es geschehe nichts Schlimmeres als das. Wohin soll's denn gehen? Natürlich gehe ich mit, ich habe lang genug keinen frischen Wind mehr gespürt.“
Das Kind hatte offenbar aufmerksam zugehört, aber nur das eine aus Maidis Rede entnommen, daß sie irgendwohin mitgehen wolle; nun brach es aufs neue in einen hilflosen Jammer aus, umklammerte mit beiden Armen ihren Hals und schluchzte: „Nein, du sollst nicht mitgehen, du sollst dableiben,“ welche Worte es nun unaufhörlich wiederholte in immer kläglicheren Tönen. Maidi setzte sich mit dem Bübchen aufs Sofa, bettete es bequem auf ihren Schoß und sagte tröstlich: „Nein, nein, ich gehe ja nicht fort, ich bleibe bei dir,“ und trocknete das tränennasse Kindergesicht mit ihrem Tüchlein, fortwährend sanfte, liebkosende Worte oder Laute halb singend und halb sprechend dabei hervorbringend, was alles miteinander unbeschreiblich lieblich anzusehen und anzuhören war. Sie hatte ein weiches, hellblaues Morgenkleid an, in dessen Falten das Bübchen lag wie in dem Mantel einer Muttergottes auf einem Altarbild, und ich hätte mich am liebsten behaglich niedergelassen, um das holde Schauspiel recht ausführlich zu genießen; es kam aber unversehens auf bloßen Füßen der Bruder des Schoßkindes aus dem Schlafzimmer gepatscht und rief zornentbrannt: „Geht doch fort, geht doch heim,“ denn er meinte, eben aus dem Schlaf erwacht, wir hätten den ganzen Jammer veranstaltet. Maidi zog auch den andern Hemdenmatz mit der freien Hand an sich und redete ihm zu, ins Bett zurückzukehren, es seien lauter gute Leute hier, wir fühlten uns aber dann doch überflüssig und nahmen Abschied. Das heißt, das Ganze, sowohl das Kommen, als das Bleiben und Gehen ging von mir aus, denn Olbrich hatte sich bei allem ganz als Zuschauer betragen, was sonst seine Art nicht war. Ich sah ihn, als ich ihm zum Aufbrechen winkte, am Fenster stehen, die Augen ganz versunken auf der kleinen Gruppe liegend, und ebenso versunken, wie ein Nachtwandler, gab er Maidi die Hand zum Abschied; die ganze Abmachung hatte er mir überlassen.
Auf der Straße ging er eine Weile stumm neben mir her, dann sagte er wie beiläufig: „Ich habe noch vergessen, dir zu sagen, daß der Chef mir die erledigte Stelle in der philologischen Abteilung des Verlags angeboten hat. Sie ist auf Dauer; ich müßte mich auf eine Reihe von Jahren verpflichten.“ „Und?“ fragte ich gespannt; es war mir aber kaum zweifelhaft, daß sich der Vogel, der schon lange die Schwingen zum Weiterfliegen hob, nicht würde anbinden lassen, so verlockend manchem andern das Anerbieten gewesen wäre.
„Ach, ich weiß noch nicht,“ sagte er, und es war, als unterdrücke er eine heftige Bewegung, irgendeine Ungeduld oder dergleichen. „Frage mich nicht. Wenn ich es dann selber weiß, sage ich's dir. Es hängt noch von einer Sache ab, die zuerst entschieden sein muß.“
Ich hätte dennoch gern gefragt, welche Sache das sei, denn es schien mir seit einiger Zeit, als trage er etwas mit sich herum, das ich wissen müsse. Er war wechselnd in seinem Wesen geworden, oft zerstreut und wie gedankenabwesend, lässig und weich im Gegensatz zu seiner sonst straffen, herrischen Art und in Gesellschaft schweigsam, was er denn mit Willen wieder alles von sich warf, um lustig und übermütig zu sein, so daß ich mich nicht recht mit ihm auskannte.
Er fing aber plötzlich an, lange Schritte zu machen und verabschiedete sich bald von mir, so daß ich nicht mehr zum Wort kam und meinen Weg nachdenklich allein fortsetzte, denn der richtige Grund für sein verändertes Wesen war mir noch nicht eingefallen.
Es hat mich nachher oft gewundert, daß ich so blind gewesen sei, nicht zu merken, wie er ganz in Liebe für Maidi erglüht war, und ich konnte es mir dann nur dadurch erklären, daß ich ihn bei früheren Liebessachen so ganz anders gesehen hatte: spielerisch, übermütig und in strahlender Laune, die nur freilich bald in Unlust oder Langeweile überging, da ihn noch nichts recht auf die Dauer gefesselt hatte. Aber es war auch allerdings noch keine Maidi dabei gewesen.
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Am andern Tag sagte Olbrich über das Pult herüber, an dem wir beide arbeiteten: „Wartet morgen früh nicht auf mich, ich habe anders über den Sonntag verfügt und kann nicht mitkommen.“ Ich sah enttäuscht und etwas geärgert auf und hatte eine scharfe Entgegnung über seine schwankenden Launen auf der Zunge, unterdrückte sie aber, als ich sein bleiches, überwachtes Gesicht sah, aus dem die Augen in einer fremden Glut heraus brannten. „Bist du krank?“ fragte ich unwillkürlich, aber er schüttelte den Kopf und lächelte mich an, wie er ganz selten tat, und wie es jedesmal mein ganzes Herz gewann.
„Armer Kerl, ich plage dich,“ sagte er gedämpft, daß die Herren im nächsten Zimmer es nicht hören sollten, „doch auch mich selber. Warte noch ein Weilchen, es wird dann schon wieder recht.“ Und ich war zufrieden und dachte, er sei ja doch mein Herzensfreund, es solle mich nichts an ihm stören; es tat mir aber leid, daß wir morgen nicht zu dreien ausflogen, denn man konnte nicht wissen, wie lang wir einander noch in der Nähe hatten.