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Ich nahm mir vor, mit Maidi von Olbrichs verändertem Wesen zu reden; ich wollte wissen, ob sie es auch bemerkt habe; es mußte ja der Fall sein, sie konnten es für gewöhnlich gut miteinander, ja so gut, daß ich schon manchmal mit einer kleinen Eifersucht neben ihnen hergegangen war, wenn sich ihr lebhaftes Gespräch um Dinge drehte, die mir im Leben verschlossen geblieben waren. Es hatte aber nie lang gedauert, denn Maidi spürte es immer gleich, wenn ich nicht ganz mit im Takte ging und wechselte den Schritt mir zuliebe, auch in der Unterhaltung.
Es kam aber ganz anders an diesem schönen Morgen, als ich gedacht hatte. Ich traf Maidi zwar sonntäglich angetan, aber noch nicht wandermäßig gerüstet und sagte scherzend, es sei gut, daß Olbrich nicht dabei sei, der das Warten nicht gut ertragen könne. Er gehe nämlich nicht mit.
„Ja, ich weiß,“ sagte Maidi, „er hat es mir mitgeteilt. Sie müssen aber heute den schönen Wald auch von mir grüßen, denn ich kann leider auch nicht ausfliegen. Ich hatte mich schon so gefreut, aber es ist nichts. Die Frau Pfarrer ist unterwegs aufgehalten worden und kommt erst morgen zurück. Und das Kind ist immer noch nicht wohl; es hat eine schlechte Nacht gehabt, und ich bin nicht ruhig, wenn ich gehe.“ Sie sah mich dabei lieb und klar an, aber sie war blaß und hatte dunkle Ringe unter den Augen, die freilich vom ungewohnten Schlafbrechen kommen konnten, die mich aber plötzlich an Olbrichs gleichfalls schlechtes Aussehen mahnten und einen Zusammenhang damit zu haben schienen. Wenigstens schoß mir in der großen Enttäuschung, die mir Maidis Absage schuf, und dem Ärger, den ich darüber empfand, ein ungewohntes Mißtrauen durchs Herz und eine Lust, ihr weh zu tun. Ich sagte bissig, es scheine sich ihr nicht mehr zu lohnen, mit mir allein zu gehen. Das Kind werde so gefährlich krank nicht sein, und je nachdem Leute mitgegangen wären, hätte sie es auch wohl verlassen, sie sei ja nicht seine Kinderfrau. Maidi zuckte zusammen wie unter einem Schlag, und ehe sie es verhindern konnte, schossen ihr Tränen in die Augen, was ihr wohl nicht geschehen wäre, wenn sie nicht durch Sorge und Nachtwachen übermüdet gewesen wäre. Sie fand in ihrem schmerzlichen Schreck bei meinem Überfall nicht gleich ein Wort der Entgegnung und sah mich blaß und hilflos an; aber ich spürte plötzlich eine brennende Eifersucht in mir, die mich blind machte gegen ihr rührendes Bild, denn es dünkte mich, da sie nichts erwiderte, als ob ich recht hätte und sie Olbrichs wegen zu Hause bliebe, ja es dämmerte mir, die beiden hätten sich verabredet hinter meinem Rücken, heute ohne mich beisammen zu sein, was alles mich aus blauer Luft anfiel und mich peinigte wie ein Hornissenschwarm, so daß ich alles vergaß, Respekt und schuldige Ehrerbietung sowohl als Freundschaft, Liebe und Zutrauen. Ich wußte mich gar nicht zu wehren, denn es war mir selber alles neu, und ich hätte vielleicht ungeheure Beschuldigungen, die ich innerlich erhob und zu denen ich gar kein Recht hatte, hervorgestoßen, wenn mir nicht Maidi die Hand auf den Arm gelegt und mich flehentlich angesehen hätte.
„O still,“ sagte sie leise und mit zitternder Stimme, „so dürfen Sie nicht reden. Es ist nicht, wie Sie meinen, es ist alles ganz anders.“
Auf ihrem Gesicht kam und ging eine schnelle Röte, und es liefen ihr ein paar Tränen herunter, die sie nicht aufhalten konnte; ich sah an allem, daß sie litt, und das tat mir sonderbar wohl, denn ich litt ja auch.
Es kehrte sich aber nun mit einemmal der Stachel gegen mich selbst, denn ich mußte ihr aufs Wort glauben und war also ein Unhold gewesen, und sie konnte nun tief beleidigt sein. Da faßte ich ihre Hand, die eiskalt war, und sagte bestürzt: „Was soll ich tun? Ich habe von dem allem vorher nichts gewußt, es ist auf einmal gekommen.“ Denn ich meinte, sie habe alle meine Gedanken gelesen, und es wird wohl auch so gewesen sein.
Maidi zog leise ihre Hand zurück. Sie lehnte an der Wand und wartete eine kleine Weile, dann sagte sie: „Gehen Sie jetzt. Sie müssen gut von mir denken. Machen Sie einen schönen, weiten Weg.“ Ich sah sie verlangend an, denn es mußte noch etwas kommen, aber im Nebenzimmer rief das Bübchen: „Maidi!“, und sie nickte mir noch einmal zu, ohne Kränkung jetzt, wie mir schien, gut und ernst, und ging zu dem Kinde. Das hatte es gut, denn es durfte unwillig sein und maßleidig bei Tag und Nacht, und sie blieb doch bei ihm, ja sang ihm Lieder und trug es herum, ich aber mußte gehen und meiner selbst Herr werden, es half mir niemand.
Da hatte ich nun meine Arbeit auf unterwegs. Am liebsten wäre ich heimgegangen in meine Stube, aber dort war es nicht anders als draußen, ich mußte den Tumult in mir anhören und damit aufräumen, und das war nicht leicht, vielleicht ging es im Freien doch besser damit. Es läutete auch in die Kirche, als ich durch die Straßen ging. An einer kam ich vorbei, dort hatte schon das Orgelspiel eingesetzt, und viele Menschen gingen in Sonntagskleidern durch die offenen Türen; es gelüstete mich einen Augenblick, ihnen zu folgen, denn das Orgelbrausen lockte mich an, und vielleicht konnte ich das üble Gefühl, das ich von mir selber hatte, dort drinnen los werden. Aber ich ging dann doch vorbei und kam ins Freie und in langem Ausschreiten durch ein Wiesental und über einen Bach, dessen Ränder ganz gelb von Dotterblumen waren, an den Berg und auch hinauf und in den Wald, der richtig im festlichen lichten Grün prangte und mit den grausilbernen Stämmen dastand wie eine wartende Hochzeitsgesellschaft. Es standen Blumen genug dazwischen, Knabenkraut und Leberblümchen und die lieben blauen Sterne der Szilla, die hatte ich heute wieder begrüßen wollen nach dem langen Winter und mit den Freunden den Frühling feiern. Der war auch da und war so schön wie je. Buchfinken saßen auf schwanken Ästen und riefen mir zu: „Jetzt, jetzt bin i wieder kreuzfidel,“ wie wir bei uns daheim ihren Schlag deuteten; und Ammern pfiffen: „d' Zit isch do, d' Zit isch do.“