Aber es war alles ganz anders, als ich gemeint hatte und auch als ich sonst je erfahren hatte. Wie konnte das sein, daß man morgens aus dem Haus ging mit ruhigem und freudigem Gemüte und einen schönen Tag vor sich zu haben glaubte mit dem liebsten und feinsten Mädchen, das es gab, und daß auf einmal Brunnen in einem aufbrachen, die ein dunkles und bitteres Wasser ausströmten, und Mißtrauen das Haupt erhob, wo man einig und voller Freundschaft gewesen war? Und wo kam es her, daß man einem Menschen, dem man alles Liebe hätte antun mögen, weh tat, fast mit Lust?

Nun ging ich hier durch die lichten Hallen des Frühlingswaldes und war unglücklich genug und hätte gern jemanden gehabt, dem ich die Schuld daran hätte geben können. Aber es gab niemanden als mich selbst, und doch war mir alles fremd. Da suchte ich in mir selber, ob ich es fände, und es fielen mir ein paar Gelegenheiten ein aus meiner Kindheit, wo ich in plötzlichem Zorn einmal meine Schwester Helene geschlagen und einmal meiner Mutter ein abscheuliches Wort gesagt hatte und auch nachher unglücklich gewesen war. Meine Mutter hatte damals gesagt, ich soll mich vor dem Zornteufelchen in acht nehmen, das nur leise in mir schlafe, und hatte mich ein Verslein oder Gebetlein gelehrt, das dahin lautete, Gott solle mich zu einem frommen Kind machen oder sonst lieber gar nicht aufwachsen lassen.

Aber ich war jetzt doch da und konnte nicht wissen, was für dunkle Ungetüme noch im Untergrund meines Wesens auf ihren Augenblick warteten. Vielleicht mußte ich einmal einen Menschen totschlagen oder einen Meineid schwören, obgleich ich weder das eine noch das andere wollte, es konnte mich aber ebenso dunkel überfallen. Das Schicksal konnte es wollen, und nachher mußte ich bezahlen. Da kam ich mir schuldig und unschuldig in einem vor, es verlangte mich aber nach einer Freisprechung, und zwar durch Maidi selber, die doch den dunklen Brunnen in mir entriegelt hatte, wenn auch ohne ihr Wissen. Sie mußte mir wieder gut sein, das war die Hauptsache. Denn das fühlte ich durch alles hindurch, sie gehörte zu mir und meinem Leben; ich mußte Teil an ihr haben und durfte ihr nicht fremd werden. Es war ja schon das Ende ihres Aufenthalts in der Stadt abzusehen; dann ging sie vielleicht fort, irgendwo hin, wo ich ihr nicht folgen konnte, und gewann neue Freunde und gab sich vielleicht auch einem Mann zu eigen für ganz. Es fiel mir ein, daß sie mir von ihrer Mutter erzählt hatte, die aus Amerika glückliche Briefe schrieb, trotzdem sie den Mann unheilbar siech angetroffen hatte. Es war alles ausgelöscht, was jemals Dunkles zwischen ihnen gestanden hatte, und die Frau trug nun ihre Liebe wie eine Dornenkrone, die ausgeschlagen hat und rote Blüten trägt, so sehr war alles Geistige, Unvergängliche daran aufgeblüht.

Maidi hatte dieser Erzählung hinzugefügt, sie bitte der Mutter nun alles ab, was sie je bitteres über sie gedacht habe, denn sie sei ja einfach ihrem Schicksal gefolgt oder ihrem Herzen, was dasselbe sei, und jeder rechte Mensch müsse das tun. „Obgleich ich hoffe,“ hatte sie hinzugesetzt, „daß es mir einmal nicht so schwer gemacht wird.“

„Ja,“ dachte ich nun im Weitergehen, „dir wird es wohl leichter gemacht werden, denn wer einmal etwas so Köstliches zu eigen hat, wie dich, der läuft nicht mehr davon.“

Aber daß ich sie selber gewinnen wolle mit allen Kräften und aller Einheit meiner Sinne und Gedanken und sie mein Herrlichstes sein lassen, für das ich arbeiten und mich höher spannen wolle, und das mir auch mehr sei als alles Äußerliche sonst, das war noch nicht in mir geboren. Ich schaute an ihr hinauf, weil sie so tüchtig und freudig und sicher war und so frei und vornehm ihres Weges ging, und es war mir wohl, wenn ich bei ihr sein und ihr alle meine Gedanken ausbreiten konnte.

Es nahm auch mehr und mehr die schöne Frau, die später in meinem Haus und Garten umhergehen sollte, ihre Gestalt und ihre Züge an und trug den schmalen Gürtel aus alter Silberschmiedearbeit, der fast immer Maidis Kleider zusammenhielt und ein altes Familienerbstück war. Das konnte ich mir alles ausdenken, aber wenn ich mit ihr einen Tag verwanderte oder einen Abend in ihrem hübschen Wohnzimmerchen war und ihren fleißigen Händen zusah, die fast immer noch etwas zu tun hatten, dann dachte ich nicht an die Zukunft, und es war alles gut und recht, wie es war.

Meistens war ja auch Olbrich dabei, und wir waren ein feines Kleeblatt, das man am besten noch lange so ließe. Aber der war von irgend etwas verscheucht und verstört, und ich hatte Maidi gekränkt und beiden mißtraut; da überfiel es mich von neuem, daß ich mich hätte ohrfeigen können und daß ich mich gern hätte trösten lassen, beides in einem. Ich schritt weit aus mit langen Schritten, als ob ich so schneller zu ihr käme, und brach ein paar hellgrüne Zweige von Buchen und Birken, die wollte ich ihr mitbringen.