Aber als ich mit sinkender Nacht müde und verlangend und doch auch gesänftigt und mit frischen Bildern gefüllt in die Stadt zurückkam und das Haus aufsuchte, in das es mich zog, sah ich unten in dem Wohnzimmer der Pfarrerswitwe Olbrich am Fenster stehen, wie am vorletzten Abend. Er kehrte den Rücken nach der Straße und sprach ins Zimmer hinein. Ich hörte gedämpfte Laute seiner Stimme und auch irgend ein Gemurmel, das ihm antwortete. Oben war es dunkel.

Da überfiel mich von neuem das grimmige und wütende Mißtrauen, als ob sich die beiden über mich hinüber zusammengeschlossen und mich ausgetan und belogen hätten. Es flammte ein roter Zorn in mir auf, durch den hindurch nur undeutlich Maidis lautere und klare Augen leuchteten, die nicht lügen konnten, und Olbrichs aufrechte und stolze Art, die sich nicht versteckte, wenn sie etwas wollte.

Ich machte ein paar Schritte auf das Haus zu. Die Tür war verschlossen, und als ich den großen Messinggriff in der Hand hatte, kam eine kalte und schmerzhafte Stimmung über mich. Ich wollte nicht hineingehen, sondern meinen Strauß an die Tür stecken zum Zeichen, daß ich dagewesen sei und alles wisse. Aber als ich das getan hatte, kehrte ich wieder um und holte ihn, und unterwegs warf ich die zarten und lichten Zweige, die schon ein wenig in sich zusammengesunken waren, auf die Straße. Ich ging auch nicht heim in meine Wohnung, sondern in ein Wirtshaus. Da saß ich allein an einem Tisch, trank Bier und nachher noch Wein, war grob gegen die Kellnerin, die ein wenig zutraulich sein wollte, und gab mich unguten Gedanken und Gefühlen kampflos hin. Zum Beispiel fiel mir wieder ein, daß beide, Maidi und Olbrich, aus einer andern Kaste stammten als ich, und daß sie von Kindheit an große Vorsprünge vor mir hätten, die ich nie einholen konnte. Sie kannten die Geheimsprache, wie ich es nannte, wenn jemand im Besitz einer guten Erziehung alle Umgangs- und Lebensformen leicht und spielend beherrschte, was ich freilich auch gelernt hatte, was mir aber nicht angewachsen war. Sie aber hatten alles mit der Muttermilch und mit jedem jungen Atemzug eingesogen. Und sie hatten eine sogenannte Familie, von der man reden und die man aufzählen konnte mit guten Namen und Titeln. Vielleicht wollten sie einander heiraten, das konnte ihnen ja kein Mensch verbieten, und sie würden es mir morgen mitteilen und sagen, daß ich der Nächste dazu sein solle. Dann durfte ich dabei stehen und zusehen; das war übel und nicht auszuhalten.

Es meldete sich leise durch den Dunst und Nebel meiner Gedanken, daß Maidi oft und gern mit mir von meinen Schwestern redete, die sie gut kannte und hie und da aufgesucht hatte, und daß sie mich antrieb, ihnen oft zu schreiben und sie sogar grüßen ließ. Aber ich warf ein, daß das ein Almosen sei, welches ich nicht begehre, und daß sie immer nur, wenn wir allein gewesen seien, mit mir von meiner Heimat gesprochen habe. Das war mir sonst besonders traulich und lieb gewesen und wie ein Geheimbesitz zwischen uns beiden, aber ich war in der Stimmung, aus allem Gift zu saugen, und kam immer tiefer in einen dumpfen und bitteren Jammer hinein, in dem mir zuletzt die weggeworfenen Zweige das Jämmerlichste und Quälendste waren, da sie lebendig und ganz schuldlos im Straßenstaub lagen und zertreten wurden. Ich schrak auf, als die Kellnerin fragte, ob ich noch etwas trinken wolle. Das Lokal war leer bis auf mich, und die Kellnerin sah verschlafen aus und hoffte, ich würde gehen. Da tat ich ihr den Gefallen und zahlte, ging durch die menschenarmen Straßen nach Hause und ins Bett, schlief und hatte unruhige Träume, und kam am andern Morgen bedrückt und armselig ins Geschäft. Da dachte ich Olbrich in Glanz und Sieghaftigkeit zu finden, wovor ich mich am meisten fürchtete. Er war aber gar nicht da, und als er den Tag über nicht kam, fragte ich die Kollegen, ob sie nichts von ihm wüßten, und einer sagte, er sei frühmorgens dagewesen und habe den Chef um ein paar Tage Urlaub gebeten und sie auch erhalten.

Es handle sich um eine auswärtige Stelle als Privatsekretär bei einem politisch großen Tier, für die er vorgeschlagen sei und die er zu erlangen trachte, setzte der Wissende geheimnisvoll hinzu; er hatte es zufällig aufgeschnappt. Für die Stelle am philologischen Verlag sei bereits ein anderer Herr vorgemerkt, Olbrich nehme sie nicht an. Da mischte sich ein anderer ins Gespräch und sagte, das alles müsse ich doch eigentlich wissen, da ich ja der intimste Freund von Olbrich sei, und ich schwieg dazu, da konnten sie denken, was sie wollten. Am Abend lag ein Briefchen von Maidi auf meinem Tisch. Ich konnte es kaum öffnen vor Herzklopfen und wartete auf irgend ein Beil, das nun auf mich niedersausen würde. Sie schrieb aber nur, ich möchte sie diese Woche nicht besuchen, da sie nicht ganz wohl und etwas überanstrengt sei und dabei eine besonders vollbesetzte Woche in der Schule habe, und fügte dann hinzu: „Ich freue mich, bis wir wieder einmal miteinander wandern, in den Frühling hinein. Es ist mir, als liege noch der ganze Winter auf mir. Maidi.“

Da wußte ich mir gar keinen Vers mehr zu machen, denn es lautete nicht nach Glückseligkeit und triumphierendem Kräfteüberschwang, wie ihn die Liebe gibt, und aber auch nicht nach Gleichgültigkeit oder unvergebener Kränkung. Sondern es lag etwas auf Maidi, das sie selber tragen mußte, und vielleicht war es nur Müdigkeit, vielleicht aber auch etwas anderes. Aber sie freute sich, bis wir wieder miteinander wanderten und war lauter und klar gegen mich. Olbrich aber ging fort, und wahrscheinlich hatte ich ihm auch unrecht getan, und er hatte auch eine Last auf sich und hatte mich vielleicht bei Maidi zu finden geglaubt. Ich wußte nicht, wie ich in die ganze Wirrnis hineingeraten war und wartete sehnlich, bis mein Freund wieder komme.

Aber als er da war, schien er mir gar nicht mehr derselbe zu sein wie vorher, und ich wünschte fast, er möchte mich wieder mit wechselnden Launen quälen, zwischen denen dann doch immer wieder sonnige und goldene Augenblicke herausgeschienen hatten.

Jetzt ging er straff und stählern einher, geschlossen und gepanzert, arbeitete rastlos und wie für drei und betrieb daneben die Vorbereitungen für seine Abreise, denn er hatte die Stelle erhalten, um die er sich beworben hatte, und mußte sie bald antreten. Im Geschäft ließ man ihn ungern gehen, und doch mit der kurzen Kündigungsfrist, die er brauchte, denn er war kein Mensch, den man halten konnte. Ich aber fand mich nicht mit ihm zurecht; es schien, als ob unsere Freundschaft irgendwo begraben oder in weiter Ferne läge; ich hatte aber keine Macht, sie aufzuwecken oder herbeizuholen.

Manchmal fing ich einen Blick auf, den Olbrich zu mir hersandte, und wußte mir auch den nicht zu deuten; denn er war spöttisch oder bitter und ein wenig von oben herab. Aber ich fand nicht das Wort, ihn zu fragen: Warum siehst du mich so an, und was ist mit dir? Denn es kam mir alles verhext und verzaubert vor, und ich litt es eine traurige Woche lang. Abends war ich immer allein. Da nahm ich das eine oder andere Buch in die Hand, las eine Weile darin und stellte es wieder zurück und schrieb einmal an meine Schwestern. Helene hatte voriges Jahr ein Kind bekommen und erwartete das zweite. Und Luise bügelte, wie immer. Ich schrieb, daß ich im Sinn habe, an Weihnachten heimzukommen, und es lief mir allerlei Anhängliches, Warmes in die Feder, was sonst kaum geschah. Dann ging ich wohl noch aus und kehrte bald wieder zurück und kam mir wie auf einem fremden Stern vor. Denn so wenig ich es schwer nahm, einmal rücksichtslos und gleichgültig gegen die zu sein, die mich liebten, und die auch ich zu lieben meinte, so wenig ertrug ich es, wenn es mir von andern widerfuhr. Am Sonntag hoffte ich, zu Maidi zu gehen und ihr alles zu sagen. Aber es kam ein Briefchen von ihr mit wenigen Worten. Sie fuhr mit der Pfarrerswitwe und den Kindern zu deren Verwandten aufs Land und kam erst Montags wieder. „Es ist ein Genesungsausflug,“ schrieb sie, „nun bin ich bald wieder die Alte.“ Ich hatte mir aber jetzt ernstlich vorgenommen, mit Olbrich zu reden; es war unwürdig und ging nicht länger, wie es war.

Da pfiff er am Samstag Abend unter meinem Fenster, ganz wie sonst. „Machst du einen Lauf mit mir?“ fragte er. „Es ist so schön stürmisch.“ Das war es. Der Wind trieb die Wolken vor sich her und sang sein Lied in den Bäumen des Gartens, auf den jenseits der Straße der Blick aus meinen Fenstern ging. Es war eine laue und lebendige Nacht. Der Wind kam aus Südwesten, und vielleicht regnete es morgen oder auch heute noch. Ich war in einer Minute unten, und wir machten lange Schritte nebeneinander her; geredet hatten wir noch nichts; es hatte ja Zeit. „Ich denke, wir gehen aufs Schwalbennest,“ sagte Olbrich, als wir in einer Vorstadtstraße waren. „Das ist ein gutes Stück zu gehen und nachher ein gemütlicher Sitz in der Wirtsstube. Ich will der Friedel noch ein Andenken geben, sie hat sich immer gut zu mir gestellt.“