Dann gingen wir wieder schweigend nebeneinander her, lange. Es ging zuerst auf der Landstraße hin zwischen Pappeln, die sich im Winde bogen und ihre langen Haare schüttelten, dann durch ein Dorf und dahinter eine Anhöhe empor. Ganz oben sah uns ein Licht entgegen; es hielt jemand eine Laterne in der Hand und ging damit um ein Haus herum, das schwach erhellt zwischen Bäumen lag. Da sagte Olbrich: „Du hast mich nicht gefragt, und es ist gut gewesen, daß du es nicht getan hast. Wir feiern aber heute meinen Abschied, und es ist mir lieb, wenn du gut an mich denkst, denn ich habe dich gern, trotz – hm, trotz manchem. Ich muß dir etwas sagen, so lang es noch dunkel ist. Ich habe Gehen oder Bleiben auf eine Karte gesetzt, und sie hat auf Gehen entschieden. Es ist aber sonst noch allerlei drum und dran, und, kurzum, es hat mich ein Mädel ablaufen lassen, das ich gern geheiratet hätte. Das hätte mir nicht passieren sollen. Es hat einmal jemand zu mir gesagt, ein rechter Mann frage da nicht an, wo er nicht sicher sei, kein Nein zu bekommen. Der hat recht gehabt. Es ist ein verdammtes Gefühl. Aber was will man machen, wenn man eine Entscheidung braucht und wenn man spürt: Die will ich, oder keine? Ich habe gemeint, es könne mir nicht fehlen. Sie will aber noch nichts vom Heiraten wissen, wie sie sagt und vielleicht auch meint. Es sei ihr noch lang wohl so. Es ist aber anders, so viel ich gemerkt habe, und es liegt ihr ein anderer im Sinn. Einer, den sie vielleicht nicht einmal bekommt, wenn ihm nicht jemand beizeiten den Star sticht. Denn er ist sonnenblind, und es muß gut gehen, wenn es gut geht mit ihm. Sie kann mir eigentlich leid tun, denn sie ist vom Kopf bis zu den Füßen ein rares Mädchen und gäbe eine feine Frau. Aber die Mädchen sind manchmal so, gerade die feinsten; sie fallen auf den Buben herein, wenn sie den König haben könnten. Na, sie müssen's ja wissen. – Da ist die Friedel mit der Laterne. Grüß Gott, Friedel! – Du, höre, drinnen reden wir dann nicht mehr davon, gelt? Es verträgt noch nicht viel bei mir.“

Da gingen wir in die Wirtsstube und setzten uns an den großen Tisch in der Ecke beim Ofen, wo wir schon manchmal gesessen waren; es war da aber noch anders zwischen uns gewesen. Die schwarzhaarige Friedel trug Wein auf, wie sie es gewöhnt war, und Olbrich machte ein paar Späße mit ihr, es war aber nicht viel damit los, und er ließ es bald wieder sein. Und ich saß stumm und geschlagen daneben, denn es war ein Blitz durch eine dunkle Landschaft gefahren und hatte sie auf einen Augenblick erhellt, und ich wußte und sah alles. Ich hätte so gerne gesagt: Gelt, es ist Maidi! Aber ich durfte nicht, und es war ja auch nicht nötig, ich wußte es ohnehin. Und der Bube war ich, der König aber Olbrich. Denn er war voll hohen Selbstgefühls und von rasendem Stolz, aber er durfte es auch sein, denn er hatte Kraft und Willen und Feuer genug in sich. Und doch hatte Maidi ihn weggeschickt, und – es quoll etwas Süßes und Holdes in mir auf – meinetwegen? meinetwegen? Vielleicht täuschte er sich; sie hatte es ja nicht gesagt.

Da hob Olbrich das Glas und stieß mit mir an. „Laß das Nachdenken,“ sagte er. „Es kommt nichts dabei heraus. Wir wollen heute noch einmal beisammen sein, wie früher, und dann sehen, was wir aus uns machen. Vielleicht begegnen wir uns wieder, und dann sieht jeder, was aus dem andern geworden ist. Vielleicht auch nicht, denn es gibt so viele Straßen auf der Welt, und man kann immer nur eine gehen. Hör' du, da habe ich, glaub' ich, versehentlich etwas gesagt, was für dich ins Stammbuch paßt. Man kann immer nur eine Straße gehen und muß wissen, welche man will. Du denkst immer noch, es stehen einem alle offen, aber es ist nichts damit. Sondern man hat es in sich, welche recht ist und passend, und wenn man eine andere einschlägt, so muß man umkehren, falls man noch kann. Es ist meistens eine teure Sache. Ich habe anfangs gemeint, du seiest so einer, der unentwegt vor sich hin geht in der Zucht und Furcht. Aber ich denke jetzt ein bißchen anders. Denn du hast die Augen überall und willst rechts und links zu gleicher Zeit, und vielleicht machst du noch die dümmsten Streiche, wer weiß? Na, – du mußt es dann selber zahlen. Du hast auch kein rechtes Augenmaß für groß und klein, und vielleicht kommt dir bei einer Gelegenheit das Beste hinaus, wenn dein Schutzengel nicht aufpaßt.“

Er sprach in einem halb ironischen Ton, den ich gut an ihm kannte, aber heute tat er mir weh. Denn wir waren nicht beisammen, wie früher, obgleich er es verheißen hatte; es stand etwas zwischen uns, das auf keine Weise zu entfernen war; es stiegen bittere Blasen in ihm auf und zerplatzten ihm auf der Zunge, und das war nun unser Abschied. Aber ich sah, daß er litt, und vielleicht hatte er auch in etwas recht gegen mich, und ich legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: „Vielleicht wird es nicht so schlimm mit mir. Warum sollen wir uns nicht wiedersehen und voneinander wissen? Warum sollen wir uns künstlich meiden, da wir einander doch nichts getan haben? Es wird ein jeder seine Schwierigkeiten mit sich selber haben und auch seine Wegweiser. Du hast doch auch nicht aus dir selber gewußt, was du mußt, sondern hast ein Mädchen gefragt.“ Als ich das gesagt hatte, erschrak ich, denn er konnte nun auffahren und es sich verbitten; aber er lächelte trübe und sagte: „Ja, ja, die Liebe. Von der verstehst du noch nichts. Wir wollen einander aber nicht anpredigen, du hast recht, und auch nicht verlieren. Wer weiß, ob wir einmal froh aneinander sind, wenn jeder noch ein paar Dummheiten gemacht hat und es ihm windig zumute ist.“

Wir saßen noch lange und redeten noch allerlei, aber nichts mehr von der Liebe. Er kam in eine größere Stadt in Bayern und hatte wahrscheinlich ziemlich viel Reisen zu machen; es tat ihm leid um die alte Dame, wie er seine Mutter nannte in der Art, wie die Studenten von ihrem Vater als dem alten Herrn sprechen (sie war nämlich noch nicht alt, sondern hatte etwas mädchenhaft Zierliches im Wuchs und reiches blondes Haar). Sie vermißte ihn natürlich, und ich sollte sie besuchen; aber sie war keineswegs ängstlich, ihn von sich zu lassen, sondern machte nur den Herzbändel etwas länger, der nie zerreißen konnte. Ich war froh, ihn von dem allem reden zu hören und sagte selber nicht viel. Denn wovon hätte ich reden sollen? Ich hatte genug zu denken. Ich hätte eine ganze Nacht hindurch gehen können und hätte noch nicht alles bedacht, was in mir stürmte durcheinanderhin. Wir waren kein Kleeblatt mehr, und Olbrich ging verwundet in die Welt hinaus. Vor mir selber aber tat sich eine neue Landschaft auf, die mich entzückte und schreckte zu gleicher Zeit, weil mein Freund neben mir saß und daraus verwiesen war.

Die junge Friedel, die Nichte der Wirtin, ging mit Tränen in den Augen hin und her und setzte sich auch eine Weile zu uns, denn sie war immer gut Freund mit Olbrich gewesen, und er küßte sie zum Abschied und hängte ihr einen Achatstein an einem Silberkettlein um den Hals, damit sie hie und da an ihn denke. Da lehnte sie den Kopf an den Türrahmen und weinte leise und herzlich; wir aber gingen durch die brausende Frühlingsnacht den Berg hinunter und in die Stadt. Dort trennten wir uns; ich sah meinem Freund nach, so lang ich konnte und hörte dann noch im Dunkeln seinen Schritt hallen; es wäre mir beinahe auch so gegangen wie der Friedel. Er war in allem anders als ich und war oft schroff und launisch gegen mich gewesen; ich konnte niemals mit ihm gleichen Schritt halten, und es lag in unserer Natur und war unser Schicksal, daß unsere Wege sich trennen mußten. Aber mein Herz hing doch an ihm, und es ging ein Stück Leben und Jugend von mir fort; es blies irgendwo ein kalter Wind herein, der kam durch die Lücke, die er gemacht hatte.

Als ich in mein Zimmer kam, lag eine Karte auf dem Tisch, die war von Herrn Kasimir Hagenau, meinem alten Chef. Er war zur Messe in die Stadt gekommen und war nun dagewesen und lud mich auf morgen in sein Gasthaus zum Mittagessen ein. Da trat nun das Alte wieder in mein Leben, an das ich meiner Art nach nicht mehr sehr viel gedacht hatte. Doch hatten wir immerhin manchmal Briefe gewechselt, und ich wußte, daß Herr Kasimir eine Vorliebe für mich bewahrt hatte, die mir angenehm, aber nicht weiter verwunderlich war. Jetzt, da er wieder auftrat, freute es mich, mit ihm zusammen zu kommen, denn ich war im Augenblick etwas anerkennungs- und anschlußbedürftig, und es war doch ein gutes Zeichen für mich, daß er mich noch aufsuchte und einlud. Auch fiel es mir vor dem Einschlafen ein, daß er mich ja eigentlich seinerzeit zum Wiederkommen aufgefordert hatte, und ich war neugierig, ob er darauf zurückkommen würde. Aber das letzte, was mir in den Schlaf hinein nachging, war Maidi. Sie hatte ein grünes Kleid an und ein weißes Schleiertüchlein am Ausschnitt und lächelte mich an. Sie war ein Königskind, aber ohne Schloß und Land.

*

Herr Kasimir saß im Lesezimmer des Gasthauses hinter einer Zeitung, als ich ihn aufsuchte. Er sah noch aus wie bei meinem Abschied, nur vielleicht etwas grauer im Haar und Bart und hatte auch einen kleinen Bauch angesetzt. Als er mich erblickte, ging sein Gesicht so hell und freudig auseinander, daß es mich an den Abend erinnerte, an dem die Bitterolfschen Geschwister angekommen waren; er stand auf und schüttelte mir beide Hände, so daß ich fast in Verlegenheit geriet, was ich mit all der Wärme anfangen solle, denn ganz so herzlich hatte ich mir das Wiedersehen nicht vorgestellt. Es fand sich aber, daß es bei Herrn Kasimir mit dem Andenken an seine Schwester zusammenhing, die er sehr vermißte, und die mir doch gut gesinnt gewesen war, und als die Rede auf sie kam, wurde auch ich warm und ein wenig weich, denn es stieg ein liebes und wertvolles Bild vor mir auf, wenn ihr Name genannt wurde, und es war etwas von Heimat für mich um sie her gewesen.

Herr Kasimir wischte sich ein paarmal die Augen, als er mir während der Mahlzeit ungefragt noch dies und jenes aus Fräulein Brigittens letzter Zeit erzählte, er hielt sich aber daneben doch wacker ans Essen und Trinken, so daß es mir fast komisch vorkam, ihn so die Rührung mit hinunterschlingen zu sehen. Vielleicht fing er einen unbewachten Blick von mir auf; denn ich konnte ja meine Gedanken nie verstecken, und er sagte wehmütig: „Ja, was wollen Sie, man lebt ja eben weiter, so gut man kann. Ich muß ja sagen, es kommt Ihnen vielleicht sonderbar vor: es schmeckte mir trotz alledem, wenn ich so allein am Tische saß in meinem leeren Hause, ja vielleicht mehr als früher, weil ich nicht viel anderes hatte, was mich freute oder anregte bei den Mahlzeiten. Ich bin ja auch dabei gediehen, wie Sie sehen, und stelle vielleicht das Bild eines gleichgültigen Selbstlings vor, was aber nicht ganz stimmt.“