Es erheiterte mich inwendig immer mehr, mir den einsamen Mann, dem es aber dennoch trefflich schmeckte, unter den Bildern der Vorfahren mit den Perücken und Spitzenmanschetten vorzustellen, wie sie ihm alle teils mißbilligend, teils wohlwollend zusahen, bis er sich den Mund wischte und gesegnete Mahlzeit sagte. Aber nein, er hatte ja niemanden, zu dem er es sagen konnte, und nun tat er mir wieder leid, so daß Lachen und Mitleid in mir kämpften. Ich sagte irgend etwas davon, daß ich mir wohl denken könne, wie still es nun in seinen Zimmern sei, worauf Herr Kasimir halb verlegen und halb triumphierend sagte: Ja, eigentlich sei das zwar bis vor kurzem so gewesen, aber nun nicht mehr, denn seit wenigen Wochen sei seine Nichte Eleonore, die ich ja auch kenne, bei ihm eingezogen und stelle nun alles auf den Kopf, denn sie wolle ein Haus machen, was sie auch ausgezeichnet verstehe.

Das letztere sagte er mit einem halbanerkennenden Schmunzeln, wie etwa ein Vater von seinem Sohn, dem Studenten, sagt: der Tausendsasa verstehe Geld auszugeben wie ein Alter, wobei man aber doch merkt, daß das Wohlgefallen daran seine Grenzen hat.

Ich war sehr überrascht, die kühle Blonde aus dem Norden als Dame des Hauses Hagenau vorgestellt zu bekommen und fragte, ob sie auf längere Zeit dableiben werde, worauf Herr Kasimir sagte: „Ja, wohl für immer.“ Sie sei Waise geworden, schon voriges Jahr, und da ihr einziger Bruder als junger Jurist, der kaum mit dem Studium fertig sei, nun auch die Vaterstadt verlassen habe, um das übliche Wanderleben der ersten Dienstjahre anzutreten, so sei sie zu ihm übergesiedelt, was für beide Teile das Natürliche sei. Es kam mir aber nicht vor, als ob er ganz behaglich von der Sache rede, doch forschte ich nicht weiter darnach. Es fiel mir wieder ein, wie mühsam ich einst nach der Gunst oder vielmehr Anerkennung der jungen Dame gestrebt hatte, und es schwellte mich ein stolzes Gefühl, zu denken, daß es damit nun vorbei sei, denn ich war ein gewandter und vielseitiger Mann geworden, soviel ich von mir wußte. Ja, es reizte mich in diesem Augenblick, ihr unter die Augen zu treten und eine hübsche Unterhaltung leicht und spielend mit ihr zu führen.

Wie wenn er meinen Gedanken gefolgt wäre, sagte da Herr Kasimir: „Erinnern Sie sich eigentlich noch daran, daß wir seinerzeit so halb und halb ausgemacht haben, Sie müßten zu uns zurückkehren? Und ist es Ihnen noch so, daß Sie es gerne täten? Es würde mich freuen, wenn Sie wieder in mein Geschäft eintreten wollten. Es ist ja viel kleiner als das, in dem Sie jetzt sind, natürlich. Aber Sie wissen ja, das hat seine Vorzüge. Man ist nicht auf eine bestimmte Arbeit beschränkt, sondern übersieht das Ganze und hat es in der Hand; es ist anregender und vielseitiger, und außerdem – ich hätte eigentlich einen Plan mit Ihnen. Ich möchte es mir allmählich leichter machen und einen Nachfolger einarbeiten. Dazu hätte ich Sie im Sinn. Es hängt da so allerlei drum und dran, was sich vielleicht nach und nach einrichten ließe. Ich möchte nicht gern verkaufen und drausgehen; ich hätte lieber die Hände noch darin. Auch habe ich ungern immer wieder neue Leute. Und so weiter. Kurzum, Sie würden mir passen. Überlegen Sie es einmal. Es ließe sich vielleicht einrichten, daß Sie gar kein Kapital brauchten, sondern vorläufig bei mir angestellt wären. Später sähe man dann wieder.“

Mir hing der Himmel voller Geigen. Am liebsten wäre ich aufgestanden und zu Maidi gelaufen. Denn war hier nicht wieder einmal das Zufällige oder Gefügte mein Freund? Und hatte ich nicht immer gewußt, daß es bei mir so gehe? Einfach, es lag so in meiner Lebenslinie. Daneben mußte ich natürlich dennoch ein tüchtiger Kerl sein und war es auch. Maidi hätte nur zuhören sollen: „Und kurzum, Sie passen mir.“ Und so weiter.

Aber sie hatte nie darauf eingehen wollen, daß etwas Glückliches irgendwoher kommen konnte, es mußte immer alles erworben sein. Was mich betraf, ich ließ mir gern etwas in den Schoß werfen. Das Haus Hagenau war vornehm, alt, angesehen und das Geschäft ein Goldgrüblein, wie ich es schon hatte nennen hören. Ich reiste mit Extrapost in meinen Gedanken. Daneben sprach Herr Kasimir weiter. „Wohnung und Tisch im Hause könnte ich Ihnen freilich vorläufig nicht anbieten; die Umstände sind nicht so gelegen dafür. Dagegen sind Sie selbstverständlich stets willkommen als Abendgast und etwa Sonntags. Ich würde mich immer freuen.“ Jetzt fuhr wieder er mir zu schnell. Ich hatte ja noch gar nicht gesagt, ob ich wollte. Ich war hier auch nicht schlecht angeschrieben. Auch stand mir noch die Welt offen. Ich machte ein weises und undurchdringliches Gesicht und sagte, es müsse überlegt sein. Es sei sehr freundlich von ihm und habe viel Verlockendes, indessen könne ich nicht nur so handumkehr mein Leben darauf einstellen. Im Geschäft gebe es ohnehin auch zur Zeit Veränderungen, und ich habe alle Aussicht, vorzurücken. Doch wolle ich es mir merken. Es müsse doch nicht heute entschieden sein? Nein, das müßte es nicht, doch sollte es auch nicht mehr lang hinausgeschoben werden. Und, wenn er das sagen dürfe, Selbständigkeit sei doch auch eine schöne Sache. Ja, ja, das war es; wenn er nur schon abgereist wäre, daß ich hätte zu Maidi gehen können. Es brannte mich; ich dachte in diesem Augenblick nicht an die trübseligen Tage, die hinter mir lagen, und an alles Halbdunkle, das zwischen dem letzten Beisammensein und heute schwebte, und an meinen Freund, der mit trauriger Bitterkeit und einer Herzenswunde in die Welt hinausfuhr, sondern nur an Maidis staunendes Gesicht und an meinen Triumph, und daß wir alles miteinander besprechen würden.

Aber ich mußte mich noch eine Nacht und einen Tag lang gedulden, und als ich am Montag abend zu ihr kam, war sie selber voll von einer großen Neuigkeit, die sie mir erzählen mußte. Einer der Lehrer an der Kunstgewerbeschule hatte den Auftrag übernommen, den neuen und prächtigen Landsitz eines Großindustriellen, der an einem herrlichen Platz im Gebirge lag, künstlerisch auszuschmücken, und er hatte Maidi mit noch ein paar andern Schülern und Schülerinnen der obersten Klasse den Vorschlag gemacht, ihm dabei zu helfen. Er wollte schon während des Semesters mit ihnen dahin ausrücken, da er ein paarmal in der Woche die nicht ganz kleine Fahrt in die Stadt machen konnte, um seine Stunden zu geben, und da sie ihre Arbeit als praktische Vorbereitung auf die Prüfung ansehen konnten. Maidi war voll brennenden Eifers, mir die Vorzüge dieser Abmachung auseinanderzusetzen. Sie hatte schöne Entwürfe für Vorhänge und Wandbekleidungen im Kopf, und auf dem Tisch lagen geöffnete Mappen mit Zeichnungen, die sie sich einmal für ein Kinderspielzimmer ausgedacht hatte: ein Fries mit allerlei Tieren: Schnecken, Fröschen, Käfern und Schmetterlingen, und eine Tapete mit Bienen und Hummeln, die auf Blumen saßen.

Wenn Maidi etwas Schweres durchgemacht hatte, wie ich ja annehmen mußte, so kam ihr freilich die neue Aufgabe mit allen Veränderungen und Kraftanstrengungen, die sie mit sich brachte, sehr zustatten. Sie sah auch freudig angeregt aus und kam mir höchstens etwas schmäler vor, und als ob sie in der Zwischenzeit noch gewachsen sei, was ja freilich nicht sein konnte. Ich hielt mich auch nicht mit Betrachtungen auf, sondern eilte, meine Sache auch anzubringen, und nun sangen wir wieder einmal ein Duett, in dem jedes die erste Stimme haben wollte, denn es war alles neu und wichtig, und jedes mußte dem andern zugeben, daß es vorwärts ging im Leben, und daß freilich beides am Werk sei, Glück und Verstand, aber welches am meisten, das konnte man nicht ausmessen. Der Professor hatte auch bei Gelegenheit der Abmachung gesagt, daß er für Maidi bereits eine schöne Arbeit in Aussicht habe, die sie, wenn sie wolle, sofort nach der Prüfung, die im Herbst stattfand, antreten könne. Es war die Stelle einer Lehrerin an derselben Anstalt, für die sie sich nach der Ansicht des Professors besonders gut eignen würde, und die ihr auch einen festen, wenngleich bescheidenen Grund unter die Füße gab. Das war es ja, was Maidi gewollt hatte, und ich fragte sie, ob sie dazu entschlossen sei, die Stelle anzunehmen oder sich etwa schon verpflichtet habe. Es war aber bis jetzt weder das eine noch das andere der Fall. Maidi sagte, träumerisch vor sich hinblickend, sie wolle jetzt auch einmal eine Weile das Land unbegrenzter Möglichkeiten vor sich haben, oder ob ich es vielleicht allein gepachtet habe? Bei dieser Frage sandte sie mir unversehens einen Blick zu, der mich an die alte Neckerei erinnerte, die von Olbrich und ihr mit diesem Wort getrieben worden war, und ich sagte, eifrig darauf eingehend: „Sehen Sie jetzt, wie schön es ist, wenn man alles vor sich hat, was einen freuen kann, aber immer noch frei ist, zu tun, was man will? Es ist ein so behaglicher Zustand, daß man ihn ausdehnen sollte, solang es irgend geht.“

Aber es war nicht ganz das Rechte gewesen, wie ich merkte, denn Maidi sagte leise und fing an, die Mappen wieder einzupacken: „Ich habe es ein bißchen anders gemeint,“ und dabei wurde sie wieder einmal rot, was ich wohl sah, obgleich sie sich im Hintergrund des Zimmers an einem Schrank zu schaffen machte. Sie hatte dieses Kommen und Gehen der Farbe von jeher an sich, wie sie mir schon erzählt hatte, und ärgerte sich oft darüber, weil es das geheime Leben ihres Herzens allzu offenkundig zeigte; es war aber immer lieblich anzusehen, und ich hätte es gern häufig hervorgerufen, um sie dann betrachten zu können. Diesmal aber fiel mir mit Gewalt ein, was Olbrich mir erzählt hatte und was über all den Neuigkeiten eine Weile im Hintergrund gestanden war.