Als ich wieder in das alte Haus eintrat, schien mir zuerst alles eng, niedrig und kleinlich zu sein. Ich hatte ein Gefühl wie ein Primaner, der probeweise wieder einmal seine langen Glieder in das winzige Bänkchen der Vorschule klemmt und nicht glauben kann, daß er jemals darin sich habe rühren können. Doch dehnte sich vor meinen Augen, was nur scheinbar so eng gewesen war. Ich sah, daß in den beschränkten Räumen, in denen nur wenige Menschen sich regten, dennoch alle Fäden zusammenliefen, die der menschliche Geist gesponnen hat, und von ihnen wieder hinausgingen in menschliche Herzen und Gehirne, so daß wir eine Art von geistiger Speisekammer oder Apotheke für die Stadt waren, die noch dazu Rat und Anweisung von uns empfing, während das groß angelegte Unternehmen, in dem ich bis jetzt tätig gewesen war, nichts von persönlichem Verkehr mit den Menschen gestattete, sondern wie ein Meer in Flut und Ebbe die Ströme der geistigen Produktion anzog und wieder ausstieß, ohne sich darum zu kümmern, wo der Segen schließlich landete.

Es kam mir aber noch eine andere Seite des beschränkten Arbeitskreises bald zu paß, als ich mit steigendem Behagen bemerkte, wie gut es mir tauge, Lenker und Leiter eines, wenn auch mäßigen Reiches zu sein, nachdem ich dort nur ein Rad in dem großen Getriebe gewesen war. Es ging mir wie Cäsar, der lieber auf jenem Dorfe der erste, als in Rom der zweite sein wollte. Die alte Garde war in den Jahren meines Fernseins stark zusammengeschmolzen, da der Buchhalter gestorben und seinem Freund, dem ältesten Gehilfen, ein kleines Erbe zugefallen war, das er stracks benützt hatte, sich ein freikommendes Buchlädchen in einer naheliegenden Kleinstadt zu erwerben. Nur Herr Frerichs und der rotbärtige Giller, der jetzt die Bücher führte, waren noch alte Bekannte, denen ich mit einer leichten Verlegenheit gegenübertrat, da sie doch geholfen hatten, mich zu meinem Beruf vorzubilden, und ich ihnen jetzt vorgesetzt war. Frerichs begrüßte mich mit der kindlichen Freundlichkeit, die sein trockenes Gesicht je und je durchsonnen konnte, und schien nichts gegen den Wechsel der Dinge zu haben. Ich fragte ihn, ob er wieder etwas geschrieben habe, da lächelte er freudig und verschämt und sagte flüsternd: „Ja; und diesmal ist es etwas nach dem Leben,“ worauf er mich erwartungsvoll ansah, bis ich sagte, ich wolle es einmal lesen. Damit war die Freundschaft wieder geschlossen, und ich hatte bei ihm die Bahn frei, während mir von Giller etwas Feindseliges zu kommen schien, nach dem ich aber nun gerade nichts zu fragen, sondern ganz als Herr aufzutreten beschloß, da ich es ja nun einmal zu werden im Begriff sei. Freilich hätte es mir noch viel mehr getaugt, Besitzer, als nur angehender Geschäftsführer zu sein, und ich zerbrach mir vergebens den Kopf, wie das zu machen sei, fand aber keinen Rat dazu.

Auch wartete ich täglich darauf, daß Herr Kasimir mir mitteile, was für dringende und eilige Gründe ihn bewogen hatten, mich schnellstens herbeizurufen. Ich legte mich mit allen Kräften ins Zeug, um ihm zu zeigen, daß ich etwas von den Sachen verstehe, und nahm ihm mit ungeduldigem Eifer eine Funktion nach der andern aus der Hand. Das ließ er auch eine Zeitlang stillschweigend geschehen, mich, wie es mir vorkam, wohlgefällig betrachtend, bis er eines Tages seine endlichen Absichten vor mir ausbreitete.

Oder vielmehr geschah es eines Abends, als wir miteinander von dem schönen Garten in halber Bergeshöhe herabstiegen, den er sich vor kurzem gekauft hatte, um, wie er sagte, als halbalter Privatmann noch etwas zu tun zu haben, wenn ihm nun die Jugend über den Kopf wachse.

Es stand ein hübsches steinernes Gartenhaus an der höchsten Stelle des Gartens, groß genug, um einem nicht zu anspruchsvollen Einsiedler als Wohnung zu dienen, wenn er sich zurückziehen wollte, und mit herrlichem Ausblick auf Stadt und Flußtal mit Bergen und Wäldern.

Aus einem kleinen, heiter ausgemalten Gartensälchen im Erdgeschoß gelangte man auf eine große Terrasse, deren Geländer mit Reben bewachsen war und die aussah, als ob schon manche fröhliche Gesellschaft sich auf ihr versammelt hätte. Sie war auch jetzt schon wieder zu demselben Zweck eingerichtet, und auch heute war ziemlich viel Jugend droben versammelt gewesen und teilweise noch versammelt, als schon die ersten Sterne aus dem dunkel werdenden Himmel auftauchten.

Fräulein Bitterolf – von der ich nun anfangen muß, zu reden, da sie sich nicht mehr verschieben läßt – verstand es in der Tat gut, ein Haus zu machen, wie mir Herr Kasimir schon im voraus erzählt hatte. Sie hatte sich nicht sehr verändert, seit ich sie das erstemal gesehen hatte, wenigstens kam es mir so vor. Sie war damals älter gewesen, als ihre Jugend es wollte, und hatte einst dargestellt, was sie heute war: eine gewandte, sicher auftretende Dame von klarem, kühlem Wesen und von ziemlich großen Ansprüchen an das Leben und die Menschen, dabei aber anziehend (wenigstens für mich, aber wie ich sah, auch für andere) durch die vornehm-überlegene Gelassenheit, mit der sie alles handhabte und allem gegenübertrat, und die zu beobachten es mich immerfort reizte. Ich hätte sie einmal mögen aus der Fassung kommen sehen, hilflos oder zornig erregt, oder auch von einem warmen Gefühl durchglüht, so sehr, daß sie es nicht gleich in einem geordneten Register untergebracht hätte. Sie hätte dann überaus anziehend aussehen müssen, denn das Material dazu war vorhanden in gut geschnittenen Zügen, schönen Farben und Formen, dem allem nur eine stärkere Belebung fehlte. Ich mißtraute aber, ob sie diese vielleicht nicht in sich habe und nur verberge, und strich daher fleißig um sie herum, um den Augenblick nicht zu verpassen. Von der verlegenen Scheu meiner halben Knabenjahre war nichts mehr übrig geblieben, das hatte ich mir richtig prophezeit, dagegen merkte ich nicht, was ich jetzt weiß, daß an ihre Stelle eine andere Schwäche getreten war, die ihren Ursprung in derselben Wurzel meines Herkommens hatte, nämlich die Sucht, ihr mein gesellschaftliches Fertiggewordensein unter die Augen zu rücken und sie zur Anerkennung desselben zu nötigen. Sie war auch in ihrer Weise freundlich und sogar ein wenig vertraulich gegen mich, nahm mich hie und da zu kleinen Diensten in Anspruch und unterstützte Herrn Kasimirs Aufforderung, daß ich viel im Hause verkehren möge, auch ohne daß Gesellschaft da sei, so daß ich mir als Günstling vorkam und mir nicht wenig darauf zugute tat. Wenn wir dann in dem großen Wohnzimmer unter den Familienbildern beisammen waren, und Fräulein Bitterolf den Platz einnahm, den sonst Brigitte Hagenau innegehabt hatte, so schien sie mir etwas von der feinen Fraulichkeit, die die Verstorbene ausgestrahlt hatte, an sich zu haben, nur daß sie bei ihr verschlossener und gehaltener war, aber nicht weniger anziehend. Ich dachte, sie werde die Anlagen dazu in sich haben, und es komme nur auf die richtigen Umstände an, daß sie sich entwickeln könnten, was alles mit Maidi zu bereden es mich immer aufs neue antrieb. Doch kam es mir nicht in den Sinn, ihr darüber zu schreiben, sondern es war mir, wenn ich im Geiste lange Reden bei ihr vorbrachte, als wisse sie nun alles und es fehle mir nur der Widerhall.

Auch kam es immer bald wieder anders, und das hätte ich ihr ohnehin nicht geschrieben. Nämlich in Gesellschaft war das stolze Fräulein unversehens wieder kühl und unnahbar gegen mich, ließ sich in feiner und selbstverständlicher Weise von andern den Hof machen, ohne übrigens gefallsüchtig zu wirken, unterhielt sich leicht und gewandt über alle erdenklichen Dinge, und das mit Professoren, Studenten oder älteren Damen, wie es sich begab, und handhabte die Geheimsprache, wie ich es nannte, in einer Weise, die mich zugleich entzückte und zornig eifersüchtig erregte. Ich hatte nun die Gesellschaft, die ich mir immer gewünscht hatte, in ausgiebiger Weise und war in sie eingereiht durch Herrn Kasimirs ganz selbstverständliche und unauffällige Vermittlung. Es ebnete sich alles für mich, ohne daß ich einen Finger dazu zu rühren brauchte, und doch stand mein unersättliches Verlangen immer nach mehr.

Ich dachte viel an Maidi und sehnte mich oft nach ihr, die mir hie und da mitten aus aller freudigen und gedeihlichen Arbeit heraus Grüße schickte, aber daneben nahm die Gegenwart mich mehr und mehr gefangen, so daß ich oft Mühe hatte, mir ihr Bild vor Augen zu stellen und manchmal ihre Gestalt, ihr Kleid oder sonst etwas sah, aber nicht das Gesicht oder im Gesicht nicht die Augen, was mich wunderlich quälte.

An diesem Abend hätte ich sie gern dabei gehabt oder vielmehr sie als von weitem zusehend und hörend gewußt, weil es sich traf, daß ich eine gute Figur machte, wie noch kaum einmal, und ich ihr das hätte triumphierend vorweisen mögen.