Es war ein junger Arzt in der Gesellschaft, der in einer der Kliniken der Stadt als Assistent angestellt war. Ich kannte ihn von früher her aus der Zeit, da die Geschwister Bitterolf zum erstenmal in der Stadt gewesen waren, und wo er an der dortigen Universität studiert hatte. Er hatte sich damals eifrig um die Gunst des Fräuleins Eleonore beworben und es gut mit ihr gekonnt. Seither hatte er sie auch in ihrer Heimat aufgesucht, wie ich erfuhr, und setzte nun, da sie beide wieder in derselben Stadt lebten, den Verkehr mit ihr fort in einem Ton, der mir von Maidi und mir her geläufig war, halb kameradschaftlich, aber mit einem kleinen Anklang von Zärtlichkeit, wenigstens von seiner Seite. Das Fräulein hatte sich gut in der Gewalt, falls sie je etwas Wärmeres für den Mediziner empfand, was mich mehr interessierte und eigentlich auch plagte, als mir zustand, da es mich ja, wie ich mir selber sagte, gar nichts anging.
Er brachte hie und da eine Laute mit und begleitete sich selbst zum Singen kleiner Lieder, die er ohne Kunst und auch ohne viel Stimme, aber mit Lebendigkeit und Wärme vorzutragen verstand und mit denen er ziemlich viel Beifall erntete. Heute war er etwas heiser gewesen und hatte die Bitte der Gesellschaft, etwas vorzutragen, ablehnen müssen, was allgemein beklagt wurde. Da hatte ich mit bescheidener Miene, aber innerlichem Frohlocken, gesagt, vielleicht könne ich in die Lücke treten, da ich auch etwas singe, und allerdings die Laute so meisterhaft zu spielen nicht verstehe, aber doch einige Akkorde dazu greifen könne. Denn das letztere hatte ich kurze Zeit zuvor bei einem Bekannten meines vorigen Wohnorts einige Male geübt aus Lust an dieser Art von Musik.
Es entstand nun ein Staunen, das vielleicht mit etwas Mißtrauen gemischt war, ob ich auch etwas könne, und währenddem nahm ich die Laute und begann ein Lied, von dem soeben die Rede gewesen war, zu singen, ohne Scheu, denn ich wußte, daß ich es konnte und daß ich überhaupt mit dem Gesang auf sicherem Boden mich befinde. Ein erhobenes Gefühl in mir machte, daß meine Stimme gut und ausgiebig klang; ich bekam selber Lust, fortzufahren und wurde darin durch den Beifall der Anwesenden ermutigt, so daß ich auf eine Stunde der Mittelpunkt des Kreises war, was mir außerordentlich wohlgefiel. Besonders das Fräulein Bitterolf sah mich aus großen, erstaunten Augen an und sagte: „Sie verstehen ja Ihre Talente vorzüglich zu verbergen. Haben Sie etwa noch mehr geheime Künste im Hintergrund? Und werden Sie uns diese nach und nach erst zu genießen geben?“ Und Herrn Kasimir hörte ich zu seinem Nachbar, einem älteren Gelehrten, der sich hie und da dem mehr jugendlichen Kreise im Garten anschloß, etwas von großen Vorzügen sagen, die an der rechten Stelle sich noch ungeahnt entfalten würden, was ich ohne weiteres auf mich bezog und freudig einheimste, so daß ich selber überrascht war, welch vielversprechender Charakter ich sei. Ich erhob mich auch gleich nachher, von so viel Vorzüglichkeit geschwellt, und sagte, ich bedaure, mich nun entfernen zu müssen, da ich noch im Geschäft die späte Post nachsehen wolle, mit der ich wichtige Nachrichten erwarte, und hatte nun sowohl das Bedauern über mein Gehen, als auch die stumme Hochachtung meiner Tüchtigkeit auf mich zu nehmen, so daß ich förmlich gespreizt den Berg hinunterstieg. Kaum aber war ich einige Schritte vom Gartentor entfernt, als ich Herrn Kasimir hinter mir herkommen hörte, der sich mir anschloß, weil er, wie er sagte, etwas mit mir zu besprechen habe, das er nun nicht mehr hinausschieben wolle.
Er sei von einer doppelten Sorge umgetrieben, der um sein Geschäft und Haus und der um seine Nichte. Oder eigentlich wünsche er eine einzige daraus zu machen, sie wolle sich aber nicht ohne weiteres vereinigen lassen, und er hoffe, ich helfe ihm dabei, was dann wieder zu meinen eigenen Gunsten geschehe.
Er habe, sagte er, sein Vermögen fast ganz im Haus und Betrieb stecken und wünsche es auch darin zu erhalten, da das Geschäft schon so lange in der Familie sei und er es nicht in ganz fremde Hände kommen lassen wolle. Wenn er einen Sohn hätte, läge die Sache einfach, er hätte dann einen natürlichen Nachfolger und wäre aller Sorgen ledig. Da er aber ohne Leibeserben sei, so wolle er wenigstens trachten, die Sache so einzurichten, daß dennoch ein Glied der Familie in dem alten Anwesen sitze. Der Sohn Bitterolf, der Jura studiert habe und durch nichts zu bewegen gewesen sei, in das Geschäft einzutreten, scheide aus, und es sei nur noch die Tochter Eleonore da, auf die er es nun abgesehen habe. Diese sei, wie ich ja sehe, ein etwas verwöhntes Mädchen, das es nicht billig tue mit seinen Ansprüchen, sie dürfe es aber auch sein, da das Leben sie mit allerlei Vorzügen ausgestattet habe, die nur in einer entsprechenden, das heißt reichen und behaglichen Umgebung zur Geltung kämen. Sie habe auch noch andere, mehr innerliche, die sich zu ihrer Zeit gewiß auch entwickeln würden, und sei nicht kalt, sondern nur ihrer niederdeutschen Art nach gehalten und karg mit Gefühlsäußerungen, und es werde sich einer, den sie wirklich liebe, einmal nicht über sie zu beklagen haben. Das alles hätte er mir nicht gesagt, wenn nicht besondere Gründe ihn jetzt dazu getrieben hätten, sondern hätte mir überlassen, es nach und nach herauszufinden. Ich sei ihm lieb wie ein Sohn, und er wünsche, daß ich die Nichte für mich gewinne, wodurch ja dann auch mein eigenes Glück gemacht wäre.
Es sei nun aber eine Störung seines Planes in Gestalt des jungen Mediziners aufgetreten, der Eleonore für sich zu haben wünsche und auch redlich in sie verliebt zu sein scheine. Ob das Mädchen ihn wolle, wisse er noch nicht sicher, doch scheine es ihm so. Er habe an sich nichts gegen den Doktor, möchte aber womöglich die Nichte anders beeinflussen und sage mir das, damit ich das Meinige tue, um den Liebhaber auszustechen, da es ihm vorkomme, als ob ich auch nicht taub gegen ihre Anziehungskraft sei, und da ich neuerdings angefangen habe, mich auch bei ihr ins Ansehen zu setzen, wie er mit Vergnügen sehe. Am besten wäre es, wenn alles schnell geschähe, wozu er, wenn es dann zum Klappen komme, auch das Seinige beitragen werde, und kurzum, er habe nun geredet.
Ich hatte das alles stumm mit angehört und war froh, daß es dunkel war, so daß Herr Kasimir mein Gesicht nicht sehen konnte, denn wir hatten den weiteren Heimweg durch eine lange Platanenallee eingeschlagen, in deren Schatten wir nun hingingen.
Doch hörte er mich, als er aufgehört hatte, ein paar schwerere Atemzüge tun als sonst und fragte mich, da ich nicht antwortete: „Oder sind Sie am Ende schon anderweitig gebunden? Das wäre freilich schade, denn es würde alles ändern von Grund aus.“
Ich sagte beklommen, nein, ich sei nicht gebunden, es sei mir nur alles überraschend und neu, und Herr Kasimir redete mir wohlwollend zu, mir die Sache zu überlegen.
Er mochte den Eindruck haben, daß ich von dem Glücksfall, den das Anerbieten für mich bedeute, ein wenig überwältigt sei, und daß es besser sei, wenn er mich nun vorläufig in Ruhe lasse, damit ich mit mir selbst ins reine komme; so verließ er mich, und ich setzte meinen Weg allein fort. Das Geschäft aber und die späte Post kam mir für heute nicht mehr in den Sinn.