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Ich will nun nichts beschönigen von dem, was an diesem Abend und in den Tagen, Abenden und Nächten der folgenden Zeit in mir geschah. Wie könnte ich es auch, da doch das Liebste, Holdeste und Echteste, was in mir war, dabei unterlag, obgleich es sich wehrte, wie ich meinte. In Wahrheit hatte ich es ja schon verraten, als ich auf Herrn Kasimirs Frage, ob ich schon gebunden sei, mit nein antwortete, wenn ich es auch nicht tatsächlich war. Nicht gegen ihn, sondern gegen mich selbst hatte ich Maidi verleugnet, und als ich unter den dunklen Bäumen hinging, klopfte mir das Herz hart und stark, als ob ich mich schon entschieden hätte ohne alles Nachdenken, dem Schicksal oder dem, was sich dazu aufwarf, zu folgen, und als ob ich nun nicht mehr zurück könnte, obgleich mich eine zärtliche und lebensvolle Stimme riefe.

Wenn ich den Zustand jener Tage schildern wollte, so müßte ich bekennen, daß es nicht ein Auf und Ab oder einen Kampf zwischen hohen und niedrigen Geistern in mir gab, sondern nur etwa einen Streit von frohen und traurigen Gefühlen. Es schmerzte mich wohl heftig, daß ich nicht beides beisammen haben konnte, was mir begehrenswert und wichtig war, doch glaube ich nicht, daß ich jemals schwankte, was ich wählen würde, wenn ich es mir auch zuweilen vortäuschte. Im Grunde wußte ich wohl, daß ich mir die sichere Aussicht auf eine stattliche, mit Behagen, Schönheit und Ansehen verknüpfte Lebenslage nicht würde entgehen lassen, ja es schien mir sogar männlich und zielbewußt, daß ich es nicht tat. Ich könnte vieles nennen, was ich mir an guten Gründen für meine Handlungsweise vorredete, unter anderem auch das, daß ich Herrn Kasimir gegenüber Verpflichtungen hätte, da er mir so sorglich und väterlich gesinnt sei, doch will ich es mir nicht antun, noch einmal alle Geister der längst vergangenen Zeit, die immer noch zuweilen Macht haben, mich zu überfallen, heraufzubeschwören. Es ist genug, daß ich nichts von allem ungeschehen machen kann, was ich tat und in was ich jetzt hineinging.

Als ich Eleonore, wie ich sie jetzt kurzweg nennen will, zum erstenmal wiedersah, ein paar Tage nach der Unterredung mit Herrn Kasimir, hatte ich bereits so viel über das neue Verhältnis nachgedacht, in das ich zu ihr zu treten bestimmt schien, daß es mir nicht mehr ganz überwältigend war, mir vorzustellen, ich könnte sie einmal mit du anreden, könnte sie am Arm durch die Straßen führen, ihr am Tisch als Hausherr gegenübersitzen und dergleichen, was mir alles, als ich es zum erstenmal in Gedanken übte, so unwahrscheinlich vorgekommen war, wie daß die steinerne Justitia am Rathaus von ihrem Sockel herabstiege und sich zu mir auf das Sofa setzte. Ich mußte freilich sagen, daß sich meine Gedanken noch mehr als mit ihr selbst mit der allgemeinen Lebensveränderung befaßt hatten, die mir die Verbindung mit ihr bringen würde, da ich nicht in sie verliebt war und nur nicht hatte leiden wollen, daß sie hochmütig über mich hinweg sähe.

An diesem Abend, dem ich immerhin mit einigem Herzklopfen entgegengesehen hatte, schien sie mir aber in etwas verändert zu sein gegen sonst, so daß ich den Vorsatz, ihr kühn und selbstbewußt entgegenzutreten, den ich mir im stillen zurechtgelegt hatte, nicht recht ausführen konnte. Sie hatte etwas Müdes in Gesicht und Haltung, das ich noch nie an ihr gesehen hatte, und das aussah, als ob sie von ihrer Damenhaftigkeit ein wenig ausruhe im Familienschoß. Es konnte aber auch sein, daß sie irgend ein Leiden hatte, das sie innerlich quälte, ja es schien mir sogar wahrscheinlich, wenn ich nach ihren Augen sah, die vielleicht im Verborgenen geweint haben konnten, dem feuchten Glanze nach, den sie ausstrahlten. Das alles zusammen machte, daß ich keinerlei Minen springen ließ, sondern mich einfach und bescheiden benahm mit rücksichtsvoller Höflichkeit, was dann wieder sie an mir nicht gewöhnt war, so daß wir einander gegenseitig neugierig und erstaunt betrachteten und dachten: Aha, so kannst du also auch sein? Ich muß sagen, es gefällt mir an dir, und vielleicht hast du noch mehr dergleichen im Hintergrund. Oder wenigstens ich dachte so.

Wir waren nur zu dreien. Herr Kasimir saß zufrieden lächelnd in seinem Sessel und ließ sich von der Nichte töchterlich bedienen, so daß wir schon wie eine kleine Familie aussehen konnten. Ich wurde auch gebeten, zu singen, und als ich mich wehrte, da ich ja keine ausgebildete Stimme habe und neulich nur mit kleinen Volksliedchen in die Lücke getreten sei, sagte Eleonore lächelnd: „Das sagen Sie zu spät, denn es ist nun schon am Tage, daß Sie singen können, es wird Ihnen nicht mehr geschenkt,“ und Herr Kasimir ermahnte mich, nicht über das erlaubte Maß bescheiden zu sein, sondern mein Licht auf den Leuchter zu stellen, so daß es mir wind und weh wurde vor lauter Wohlsein. Das Fräulein schlug vor, mich auf dem Klavier zu begleiten und belehrte mich in so wenig schulmeisterlicher Weise, ja in einer fast demütigen Liebenswürdigkeit über gewisse Schwierigkeiten an den Liedern, die sie mir zu singen vorschlug, daß ich dachte, sie werde bereits zahm, was mir aber nicht erstaunlicher war als der ganze Zustand, der mich umgab, und der einer gebratenen Taube glich, die mir in den Mund geflogen kam.

Ich will es nun kurz machen. Ich gewann, durch leicht errungene Erfolge geschwellt und ermutigt, stets wieder neue, und zwar sowohl in der Gesellschaft, in der ich mich so leicht bewegte wie ein Seiltänzer, aber mit der Miene und Haltung des gediegenen Geschäftsmannes, als auch, eben dadurch unterstützt, bei der Dame. Sie wechselte zwar in jener Zeit oft die Stimmung und schien sich nicht leicht zu ergeben, kam aber doch immer wieder mit liebenswürdigen und angenehmen Zügen zwischen der Kühle und Unnahbarkeit ihres Wesens heraus, so daß ich dachte wie einst bei Maidi: Mir machst du nichts mehr weis. Ich glaubte allmählich den Mediziner in Wahrheit auszustechen und war nicht wenig eitel darauf. Eines Tages verschwand er auch von der Bildfläche, um, wie ich hörte, einen Urlaub anzutreten, und ich machte mich darauf gefaßt, nun den großen Schritt wagen zu können.

Es war auch nötig, daß es geschah, denn es hatte sich meiner eine Unruhe bemächtigt, die ich mir selber nicht gestand, die mich aber besonders bei Nacht überfiel, so daß ich anfing, schlecht zu schlafen, was mir noch nie geschehen war, so lange ich denken konnte. Um dem zu entgehen, gewöhnte ich mir an, sehr spät nach Hause und ins Bett zu gehen. Ich blieb bis tief in die Nacht im Geschäft, wo ich aber nicht etwa angestrengt arbeitete, sondern irgend etwas zu lesen oder zu studieren versuchte, was mir oft gelang, oft auch nicht, so daß ich bleich auszusehen und für einen spekulativen Kopf zu gelten anfing, ohne daß ich etwas Besonderes geleistet hätte.

Herr Kasimir nahm mich eines Tages auf die Seite und ermahnte mich, es mir nicht zu schwer zu machen, da es nicht nötig sei, ich werde, so viel er merke, keinen Fehlantrag stellen. Denn er meinte, ich plage mich als ein unglücklicher Verliebter mit mir herum, dem es an Selbstvertrauen und Mut gebreche, hervorzutreten. Es war aber ein wenig anders. Doch hatte sein Anstoß, wie schon ein paarmal in meinem Leben, Erfolg bei mir. Ich dachte, es würde alles anders und besser, wenn die Sache einmal im reinen wäre, und wenn ich mich vor mir selber mit meinen geteilten Gefühlen und Gedanken in die kühle und klare Ruhe Eleonorens flüchten könne.