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Es ist mir, wenn ich an die Zeit zurückdenke, in der wir beide ein Brautpaar vorstellten, als sei immer ein steinerner Tisch zwischen uns gewesen, an dem wir beide eine leidlich gute Figur bildeten. Wir hatten viele Glückwünsche, Blumen, Geschenke, Einladungen und dergleichen über uns ergehen zu lassen. Ich sah in manchem Gesicht das wohlwollend sachverständige Lächeln, das man den Brautpaaren entgegenbringt, um ihnen zu zeigen, man wisse aus eigener Erfahrung, wie selig eine solche Zeit sei, und es sei einem jede Art von Torheit oder Zerstreutheit im voraus verziehen um des eigenartigen Zustandes willen, in dem man sich befinde. Ich dachte dann, ich möchte wohl wissen, ob die Betreffenden zu ihrer Zeit seliger gewesen seien als ich, und ob sie mehr liebende Torheiten begangen hätten. Uns beiden hatte man wohl in dieser Hinsicht nichts zu verzeihen. Wir erfüllten alle geselligen Pflichten mit Hingabe und Anstand und man nannte uns ein schönes Paar, das sich gut zu benehmen wisse, weil uns keine heimliche Sehnsucht nach dem Alleinsein zu zweien erfüllte, wenn wir unter Menschen waren, keine zärtliche Unruhe uns von der Gegenwart ablenkte. Wenn ich mit Eleonore im offenen Wagen durch die Straßen fuhr, um Besuche zu machen, so dachte ich wohl, es werden mich die Menschen, die uns nachsahen, für einen glücklichen Mann halten, dem alles gelinge, was er wolle, und ich sagte mir mit Verwunderung, daß mir ja nun alle meine Wünsche erfüllt seien und fragte mich, ob denn jetzt noch etwas nachkomme, da es nicht alles sein konnte und ich zuzeiten eine trostlose Leere in mir fühlte. Doch suchte ich mich damit zu beschwichtigen, daß ich ja immer noch in einem Zwischenzustand mich befinde, und daß gerade bei solchen Leuten, wie wir, das Leben im eigenen Heim und Haus und im Ehestand das bessere Teil sei. Da würde dann auch, hoffte ich, Eleonore allmählich ihre Zurückhaltung, die mir künstlich vorkam, ablegen und das Warme, Lebendige und Reiche, das ihre Natur doch auch hatte, zu seinem Recht kommen lassen. Sie erschien mir oft, als litte sie unter sich selbst, und das zog mich zu ihr, denn ich meinte, es falle ihr schwer, etwas Hartes, Sprödes an sich zu zerbrechen, und es fiel mir sonderbarerweise nicht ein, daß etwas anderes zwischen uns stehen könnte, wozu ich doch alle Ursache gehabt hätte. Ich traute ihrer stolzen und hochfahrenden Natur ganz, daß sie das wähle und tue, was ihr innerlich gemäß sei und stellte sie viel zu hoch, als daß ich hätte denken dürfen, sie habe mir ohne Liebe die Hand gegeben, ohne dabei zu erwägen, wie sehr ich mich selber damit richte. Herr Kasimir war wohl der Glücklichste von uns dreien. Er war rastlos beschäftigt, uns die Wege zu ebnen, Verschönerungen in der Wohnung anbringen zu lassen und mit uns Möbel, Teppiche und allerlei Hausrat auszusuchen, wobei er an nichts sparte. Wir sollten in dem alten Hause wohnen, in dem er sich auch ein oder zwei Zimmer vorbehielt, während er sich im übrigen in das Gartenhaus auf dem Berge zurückzog, in dem er noch allerlei ausbauen und verbessern ließ, um es auch im Winter bewohnen zu können, wenn er Lust hätte. Doch verkündigte er im voraus, daß er nicht allzuviel in der Stadt sein werde, da er endlich einmal seinen alten Wunsch, in Muße auf Reisen zu gehen und bald da bald dort sich aufzuhalten, wo es schön sei, in Erfüllung bringen wolle. Das genoß er alles im voraus und kam so jetzt schon auf einen Teil seiner Kosten, was ihn ungemein straffte und belebte.
Wir waren alle drei einig, daß die Hochzeit in aller Bälde stattfinden solle, vielleicht jeder aus einem andern Grunde, aber die Sache war darum doch dieselbe. Eleonore zeigte ihr Talent, anzuordnen, Leute in Schwung zu bringen, so daß sie ihr alle zu Willen waren, mit wenigen Worten und in ruhiger, fast nachlässiger Weise zu bestimmen, wie dies und das gehalten werden sollte. So und so wünsche ich das, sagte sie, und die Geschäftsleute sahen sie dann bewundernd an und fügten sich, auch wenn sie es ganz anders gemeint hatten. Sie wurde angeregt und frisch während der Besprechungen über Einrichtung und dergleichen, fragte mich um Rat und tat, als gehe sie darauf ein, machte es aber dann doch so, wie sie zuerst gemeint hatte, und es war auch immer besser auf ihre Weise, denn sie hatte Geschmack und Erfindungsgabe zugleich.
„Eigentlich hätte ich gern ein neues Haus draußen in den Gärten,“ sagte sie, „das müßte dann von Grund aus harmonisch gebaut und eingerichtet sein; aber Onkel Kasimir will, daß wir in dem alten Hause wohnen, und es ist ja auch vornehmer als mancher neue Kasten, man muß nur nach und nach herausholen, was drin steckt, ich habe da noch allerlei Möglichkeiten im Sinn.“ Sie sah nachdenklich aus, als ob sie über etwas Tiefes nachsinne, und ich lachte, denn ich hatte gern, wenn ihr unser Haus so wichtig war; sie freute sich doch, darin zu wohnen und es war uns ja gemeinsam. Es mußte ja doch gut kommen. So konnte ich es nicht lange mehr aushalten, wie es jetzt war. Ich war nervös geworden und schlief nicht, oder wenn ich schlief, hatte ich unruhige Träume, von denen ich dann schreckhaft und mit schwerem Druck erwachte. Eigentlich hätte ich mich besinnen müssen, was immer auf mir liege, aber gerade das wollte ich nicht wissen. Nachher kommt es anders, wenn dann einmal alles in Ordnung ist, dachte ich, und das war mein Beruhigungsmittel. Ich hatte lange daran herumgedrückt, bis ich meinen Schwestern die Anzeige von meiner Verlobung schickte. Denn da war der letzte Brief von Luise, der allzu durchsichtig ihre Hoffnung auf eine andere Verbindung für mich zeigte, ja sie als bestimmt vorgesehen voraussetzte. Wie sollte ich ihr begreiflich und faßbar machen, was nun inzwischen geschehen war und was sie mit ihrem schlichten Empfinden, das immer in seinem Kreise geblieben war, doch nicht fassen konnte? Ich konnte es ja selber nur, wenn ich von allem wegsah, was ich nun außerhalb meiner Bahn gestellt hatte und was für mich nicht mehr in Betracht kommen durfte. Denn ich wollte ein Ehrenmann sein, und ein solcher mußte Opfer bringen können, wie ich mir vorsagte. Zuletzt entschloß ich mich, eine gedruckte Anzeige abzuschicken, auf die ich einige nichtssagende Worte kritzelte, die von Arbeitshäufung und Zeitmangel redeten und für die nächste Zeit einen ausführlichen Brief verhießen. An Maidi schickte ich keine Anzeige und schrieb auch nicht. Darüber will ich kein Wort verlieren. Ich konnte nicht. Sie war irgendwo in einer Welt, in der ich auch einmal gelebt hatte, und von der ich nun geschieden war.
Eines Abends, als ich noch nach einem Buch suchte, in dem ich lesen wollte, bis ich schläfrig werde, fiel mir das Volkmann-Leandersche Märchenbüchlein in die Hände und darin das Märchen von dem reichen Mann, der sich, in der Ewigkeit angekommen, die Lebensweise aussuchen darf, die er führen will, und der sich, als er alles hat, was er wollte, nun im Himmel wähnt. Aber eines Tages merkt er, daß er in der Hölle ist, und zwar recht tief drin, denn was er hat an Gütern, sättigt ihn nicht, und er sehnt sich, der Arme zu sein, der auf einem Schemelchen zu Gottes Füßen sitzt, wie er sich gewünscht hat, aber es ist zu spät.
Da fing mein übelberatenes Herz an, sich aufzubäumen, denn es wollte leben und nicht zusammengedrückt sein, und rief: Das bist du! Aber ich gebot ihm Schweigen und malte ihm alles Gute aus, was es jetzt auch hätte. Das tat ich manche Nacht.
Bei Tage war ich rastlos tätig, so sehr, daß der rotbärtige Giller knurrend sagte, man habe zu der Zeit, da ich nicht dagewesen sei, auch schon gearbeitet, es sei aber anders zugegangen, und an einer Hetzjagd wolle er sich nicht beteiligen. Er sah dabei mit seinen etwas vorstehenden Augen, die er böse rollen konnte, der stumpfen Nase und dem breiten Munde, aus dem er die gelben Schaufelzähne drohend hervorblöckte, mehr als je aus wie ein grimmiger Kettenhund, vor dem ich mich auch fürchtete, ohne eigentlich zu wissen, warum, nur aus meiner inneren Unsicherheit heraus. Man sagt ja auch, daß die Hunde spüren, wenn ein Vorübergehender oder ins Haus Eintretender ein tadelhaftes Gewissen habe und ihn daher schärfer anfallen als einen ruhig und in unschuldiger Harmlosigkeit Auftretenden, so daß hier das Bild einigermaßen passen mag, indem der im Dienst des Hauses gealterte Mensch mir wohl anspürte, daß etwas mit mir nicht in Ordnung sei und mich daher mißtrauisch anknurrte. Denn als den Herrn der Firma konnte er mich bis jetzt noch nicht ansehen, er wandte sich vielmehr, so viel er konnte, in allen Dingen an Herrn Kasimir, was diesem wohlzutun schien, obgleich er ihn meistens von sich ab und an mich verwies. Mir konnte es gleich sein, denn ich übernahm ja doch bald das Geschäft, und wem es dann nicht gefiel, der war ja nicht ans Bleiben gebunden.
Frerichs sah mich hie und da scheu an. Er hatte ein Gedicht zu unserer Verlobung gemacht, voller Süße und voller Weissagung des Schönsten und hatte begierig auf mein Lob gewartet, das aber ausblieb. Nun dachte er, daß er es nicht recht gemacht habe; er kannte sich nicht aus bei mir und hätte mich gern gefragt, aber ich half ihm nicht dazu. Für Eleonore hatte er eine stumme Verehrung; manchmal traute er sich, ein Wort von ihr zu sagen, ob mir das vielleicht die Zunge löse gegen ihn. Er hatte schon eine Hochzeitsdichtung angefangen, wie er durchblicken ließ; am liebsten hätte er den Plan dazu mit mir besprochen. Aber ich war nicht mehr der Alte ihm gegenüber. Es tat mir weh, denn ich wußte, er hing an mir, aber es kam nun auf einen, den ich kränkte, nicht mehr an, es waren deren noch mehr auf der Welt.
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